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#ParisAttacks: Constantin Schreiber über die Reaktionen der arabischen Welt

Die Anschläge von Paris sind auch in der arabischen Welt ein Thema – Constantin Schreiber hat die Berichterstattung analysiert.
Die Anschläge von Paris sind auch in der arabischen Welt ein Thema – Constantin Schreiber hat die Berichterstattung analysiert.

Die Attentate von Paris erschüttern nicht nur die westliche Welt, sondern auch Menschen im arabischen Raum und sind nicht zuletzt auch deshalb Thema in den Medien des Nahen Ostens. RTL-Journalist und Nahost-Experte Constantin Schreiber hat die Berichterstattung verfolgt und für MEEDIA die mediale Stimmung in der arabischen Welt analysiert.

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Von Constantin Schreiber

Unter dem Hashtag #Notinmyname distanzieren sich Muslime weltweit von dem Terror, der im Namen des Islam in Paris verübt wurde. Natürlich berichten auch die großen arabischen Medien. Auch sie verurteilen in ihren Schlagzeilen die monströsen Anschläge, bei denen mehr als 129 Menschen das Leben genommen wurde.

Doch ein genauer Blick zeigt: Etwas ist anders bei den Nachrichten und ihren Gewichtungen, vor allem aber bei den Kommentaren. Es scheint, als sei die arabische Welt unabhängiger von der westlichen Nachrichtengewichtung geworden. Man kann aber auch sagen: Sie ist egoistischer geworden, sogar propagandistischer, wie etwa diese Headline von al-Jazeera deutlich macht:

“Israel will die Untersuchung der Anschläge von Paris dafür benutzen, um eine Verbindung zum palästinensischen Widerstand herzustellen, indem sie sagen, es gebe eine Einheit im Terrorismus. Und sie wollen außerdem wieder einmal französische Juden dazu bringen, nach Israel auszuwandern.“

Al-Jazeera berichtet nicht mehr nur als Medium über die Anschläge in Paris, sondern gibt auch eine politische Botschaft mit.

Auch die Reihenfolge der Nachrichten sagt viel aus. Am Montagmorgen machte al-Jazeera auf seiner Website mit der Meldung von zwei Toten bei Zusammenstößen in Jerusalem auf. Gefolgt von Luftangriffen im Irak, russischen Luftangriffen in Syrien. Über die aktuellen Geschehnisse in Paris wird weiter unten informiert.

Die prominente arabische Zeitung al-Ahram berichtet als Aufmacher ihres Online-Auftritts über eine Entwicklungsinitiative von Präsident al-Sissi.

Der viel gesehene TV-Sender Sky News Arabia berichtet zunächst prominent über eine Militäroperation im Jemen, bevor dann Einzelheiten zu den jüngsten Entwicklungen in Frankreich dargestellt werden.

In vielen arabischen Medien nahmen die Anschläge in Beirut, die fast zeitgleich mit denen von Paris stattfanden, und bei denen 40 Menschen ums Leben gekommen sind, großen Raum ein. Das ist insofern unter nachrichtlichen Gesichtspunkten verständlich, als es rein geografisch die Zuschauer- und Leserschaft unmittelbarer betrifft.

Und doch ist das Verhalten der Medien – verglichen mit den vergangenen Jahren – untypisch für die arabische Welt. Terror im Nahen Osten findet in der medialen Darstellung mittlerweile gleichberechtigt neben dem Terror in Europa statt. Was macht ein Attentat in Paris schlimmer als Bomben in Beirut? Was macht Terror in Europa berichtenswerter als in unseren eigenen Ländern?

Passend dazu kursiert in den sozialen Medien derzeit eine Zeichnung des philippinischen Künstlers Leemarej, die als Medienkritik zu verstehen ist.

Sie zeigt auf der einen Seite den Pariser Eifelturm, auf den geradewegs eine Bombe zuschießt. Auf der anderen Seite werden Länder wie Syrien, Afghanistan und der Irak abgebildet, auf die Bomben hinunterhageln. Weltweite Medien aber fangen nur den Eifelturm ein, lassen die arabische Welt außer Acht.

Dass es der Export des Terrors ist, der uns in Europa in tiefe Angst und die Politik in Sorge und Aktivismus versetzt, gerät im arabischen Raum in den Hintergrund.

Diese Grundhaltung spiegelt sich auch in den Foren wider. Es gab schon immer Stimmen und Meinungen, die eine ungleiche Berichterstattung über Terror und Tod thematisierten. Nun würde also auch der Westen erfahren, was es bedeute, in Angst und Schrecken zu leben. Warum sei das erwähnenswerter, als Gewalt im Nahen Osten, die den Menschen dort seit vielen Jahren alltäglich widerfährt? Die Kommentarspalten der großen arabischen Medien wie al-Arabiya oder al-Jazeera quellen über vor islamistischen und anti-westlichen Parolen.

„Arabisches und Muslimisches Blut hat nicht den gleichen Preis wie westliches. Wann werden die Menschen im Westen aufhören, den Wert von Blut zu unterscheiden?“

Jemand, der sich Naji nennt und offenbar aus Libyen stammt, schreibt:

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„Von den Anschlägen in Paris mit 150 Toten gibt es Videos, die Menschen bewegen. Aber was ist mit Israel? Israel hat alleine im letzten Krieg 3200 Palästinenser getötet und 10400 verletzt!“

Ein User namens Hernan Cortes:

„Den französischen Bürgern werden die Wunden geschlagen durch die Reaktionen auf die Politik ihrer Regierung.“

Der Nutzer Zaman al-Intisarat

„Hisst die Französische Flagge, um den Tod von 120 Kreuzzüglern zu feiern. Im Namen Mohammeds werden wir Tausend Köpfe abschlagen für jeden der uns demütigt.“

Daneben machen auch Verschwörungstheorien die Runde. Sie zweifeln daran, dass es wirklich der IS war, der die Anschläge verübt hat, oder nicht etwa westliche Geheimdienste, die einen Vorwand für militärische Operationen im Nahen Osten suchen:

“Innerhalb weniger Tage hat der IS ein russisches Flugzeug zum Absturz gebracht, Bombenanschläge in Beirut verübt und den Terror in Paris verbreitet – aber in den ganzen drei vergangenen Jahren hat es der IS nicht geschafft, auch nur einen Anschlag in Damaskus zu verüben. Wie kann das sein?

Der User Alanazy schreibt:

„Die Zionisten wollen den Ruf des Islam schädigen und die arabische Welt spalten und der Westen will uns den Garaus machen.“

Ein weiterer Kommentar:

„Frankreich verhaftet während der Kolonialzeit hunderte muslimische Gelehrte und enthauptete sie mit dem Schwert. Sie brandschatzten ganze Dörfer, löschten sie aus. Und heute soll ich trauern mit 120 Toten in Paris?“

Es gibt auch ganz unverhohlene Unterstützung und Zuspruch für die Attentate:

„Und wenn man das Blut von den Straßen in Paris in eine einzige französische Parfümflasche füllt, so wird es nicht so gut duften wie das Blut der Märtyrer, die für Gott starben. Wir leben in einem gottlosen Land.“

Gleichzeitig, das ist wichtig zu schreiben, gibt es viele solidarische Zuschriften und solche, die Bestürzung und auch Beschämung darüber ausdrücken, dass im Namen des Islam Menschen im Westen ihr Leben verloren haben.

Die arabische Welt ist eine Welt vor dem Zusammenbruch. Menschen haben die Hoffnung auf ihre Heimat, auf ein Leben dort aufgegeben. Und eines scheint dort wie auch hier gleich zu sein: Die Tendenz, dass sich Stimmungen extremistisch aufheizen. Eine gefährliche Entwicklung.

Über den Autor:

Constantin SchreiberConstantin Schreiber ist Reporter im Hauptstadtstudio von RTL und moderiert beim Nachrichtensender n-tv, für den er die erste Sendung in Deutschland
für Flüchtlinge („Marhaba“) produziert. Schreiber war bereits als Korrespondent im Nahen Osten tätig und arbeitet auch für das arabische Fernsehen.

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Alle Kommentare

  1. Ich finde die Karrikatur wahnsinnig beleidigend dafür, dass die Medien jeden Tag über Flüchtlinge berichten, seit Jahren über Syrien. Kobane war ein großes Thema, Folterungen im Irak und, und, und. Zudem erlauben sich westliche Medien sogar die eigene westliche Politik hierbei zu kritisieren.
    Und dann eine solche Karrikatur? Fragt sich wohl, wer hier ignorant ist….

  2. gute Zusammenstellung, gut Idee, Constantin Schreiber aus diesem und über diesen Blickwinkel schreiben zu lassen. In Bayern, wo ich nicht herkome, würde man sagen: Sch(l)au des Bürschel . . .

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