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Der Ober-Babo von der Bild – was von der Ära Kai Diekmann bleibt

Die drei Inkarnationen des Kai Diekmann bei Bild: vor, während und nach der digitalen Verpuppung
Die drei Inkarnationen des Kai Diekmann bei Bild: vor, während und nach der digitalen Verpuppung

Kai Diekmann ist der mit Abstand am längsten amtierende Bild-Chefredakteur. Wenn er zum 1. Januar 2016 den Chefposten bei Bild an seine Nachfolgerin Tanit Koch abgibt, wird er Europas größte Tageszeitung 15 Jahre lang geleitet haben. Was bleibt von der Ära Kai Diekmann bei Bild?

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Der Kohlianer. Der Silicon Valley Nerd. Der Bild-Mann. Diekmann hat eine bemerkenswerte Karriere im Springer-Konzern hinter sich gebracht. 15 Jahre lang an der Spitze des Boulevard-Tankers Bild zu stehen, ist auch unter rein physischen Gesichtspunkten keine kleine Leistung.

Seine wahre Berufung hat er allerdings dann doch eher spät gefunden: das Digitale. Man kann die Karriere Kai Diekmanns bei der Bild in zwei Abschnitte einteilen: die Zeit vor dem Silicon Valley und die Zeit danach. 2012 wanderte Diekmann mit seinen Springer-Kollegen Martin Sinner und Peter Würtenberger für ein Jahr ins Silicon Valley aus, um dort zu lernen, wie das digitale Amerika tickt. Für Diekmann war dies ein Erweckungs-Erlebnis.

Er entdeckte den Kurznachrichtendienst Twitter als digitales Blitzschnell-Medium seiner Wahl (nach durchaus beachteten Selbstversuchen mit Blog und Facebook), tauschte die pomadige Frisur und den Anzug gegen Hoodie und Rübezahl-Bart. Kaum je zuvor hat sich ein deutscher Medienfuzzi so konsequent neu erfunden wie Diekmann im Valley.

Dass dies kein PR-Gag war, wurde spätestens nach seiner Rückkehr klar. Diekmann krempelte die Bild nach den Erkenntnissen um, die er in den USA gewonnen hatte. Digital hatte plötzlich Vorfahrt, und zwar mit einer Konsequenz, die man bei anderen deutschen Medienhäusern bis heute vergeblich sucht. Einfach „nur“ Chefredakteur der Bild zu sein war für Diekmann ab dann zu wenig. Er spürte die Nullen und Einsen in den Adern und wollte und will die Bild von der Boulevardzeitung zur umfassenden digitalen Medienmarke machen. Dass die Auflage der gedruckten Bild von einstmals 4,5 Mio. dramatisch nach unten gegangen ist, wird ihm manchmal als Misserfolg angekreidet. Aber das ist ein billiger Vorwurf. Die Print-Auflagen sinken, bei Tageszeitungen zumal, bei Kauf-Zeitungen umso mehr – das ist ein Zeichen der Zeit.

Kein deutscher Chefredakteur stürzte sich je mit soviel Lust und Energie ins digitale Getümmel wie Diekmann. Auf Twitter teilt er aus und steckt ein. Seine digitale Präsenz machte ihn zum Angriffsziel der im Netz zahlreichen Bild-Kritiker. Bei der Bild haben sie begriffen, wie wichtig mobile Inhalte heute sind. Und sie haben begriffen, dass es neue Leute auch an der Spitze braucht. Mit „sie“ sind dann in erster Linie Diekmann und CEO Mathias Döpfner gemeint. Mit Julian Reichelt oder Paul Ronzheimer (es gäbe noch andere zu nennen) hat Diekmann neue Leute in der Hierarchie nach oben befördert.

Mit Marion Horn wurde einer Frau die Leitung der Bild am Sonntag anvertraut. Und jetzt führt mit Tanit Koch erstmals eine Frau die Bild-Zeitung. Dadurch werden die Springer-Medien natürlich nicht zu Kuschel-Veranstaltungen. Bild und BamS haben sich durchaus gewandelt in den vergangenen Jahren, sind weniger menschenverachtend geworden (manche würden hier vehement widersprechen), bemühen sich um gesellschaftliche Akzeptanz. Eine Tanit Koch an der Bild-Spitze dürfte weniger polarisieren als ein Mega-Ego wie Kai Diekmann.

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Ihre Berufung an die Bild-Spitze (und schon die von Marion Horn) will bei Springer natürlich auch als Zeichen verstanden werden, dass man es hier ernst meint mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Karrieredingen. Tatsächlich ist das heute immer noch ein bemerkenswerter Schritt. Eine Frau an der Spitze des stern, des Spiegel oder der Süddeutschen? Schwer vorstellbar. Die FAZ hat es nach dem Tod von Frank Schirrmacher auf recht spektakuläre Art und Weise verpasst, eine Frau in die Herausgeber-Riege aufzunehmen. Ob es ein Zufall ist, dass die Medienhäuser, die das alte Männerbündlerische so sehr pflegen auch ansonsten einen eher muffigen Geruch nach Gestern absondern? Vermutlich nicht.

Bei Springer sind sie da weit moderner, was auch ein Verdienst von Kai Diekmann ist, der es zugelassen und gefördert hat, dass junge Leute und auch eben Frauen Fame und Posten bekommen. Natürlich steht Diekmann selbst immer noch über ihnen und hat es sich in seiner neuen Über-Herausgeberschaft gleich mit Brief und Siegel geben lasse, dass er weiter der Chef der Chefs und Chefinnen, gleichsam der Ober-Babo von der Bild bleibt.

So selbstlos ist er dann ja auch wieder nicht. Und was passiert jetzt, da die Ära des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann ihrem Ende entgegen geht? Nicht viel. Bild bleibt Bild. Diekmann bleibt Diekmann. Er wird das letzte Wort behalten wollen, in der Redaktion wie auch bei Twitter. Dass er „keine Lust“ mehr habe oder „weggelobt“ worden sei, wie hier und da nun zu lesen ist, ist schlicht Quatsch. Diekmann formalisiert lediglich seine eigene Rolle, die er ohnehin schon ausfüllt mit dem neuen, aufgewerteten Herausgeber-Posten.

Spannend wird zu beobachten sein, wie die neue Bild-Chefin Tanit Koch eigene Akzente setzen kann. Sie muss ihre Rolle erst noch finden. Gut für sie: Die Rolle der Junior-Hassfigur der so genannten „Netzgemeinde“ hat schon Bild.de-Chef Julian Reichelt recht erfolgreich besetzt.

Kai Diekmann aber wird unbestritten der Lieblingsfeind aller Bild-Feinde bleiben. Aber das hält der aus.

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Alle Kommentare

  1. Es ist nur Scheiße, dass große Dienstwagen gefahren werden… und und und – ja und den Freien Mitarbeitern teilweise verschwiegen wird, dass sie für die Kilometer mit dem eigenen Auto ( 100.000 !!!) auch hätten pro km paar Cent bekommen…. Und sooooo viel mehr. Auf MEINE Kosten eben – Danke! Macht keinen Spaß mehr mit Euch, liebe BILD , es macht ja noch nicht mal mehr Spaß, Euch zu lesen. Also in Mecklenburg Vorpommern nicht. Uns gibts ja gar nicht mehr. Aber immer weniger und weniger und weniger Leser Eures Blattes! Warum? Denkt mal drüber nach – oder schaut mal in Eure Computer … was ich alles Euch geliefert habe… TITELSEITEN auch! Okay, wenn Ihr nicht wollt, dann ich auch nicht mehr. Das Leben ist EINFACH!

  2. Wenn man diese Gender-Prosa hier liest, dann merkt man wofür sie gut ist: zur Ablenkung von den entscheidenden Fragen, etwa dass Bild keine Antwort auf den rasanten Auflagenschwund hat. Springer hat weder für die Welt noch für Bild online einen vergleichbaren Ersatz gefunden.
    Die Beerdigung des Printjournalismus läßt Springer offenbar nun Frauen erledigen, die „polarisieren weniger“ und lassen sich gern einen Ober-Babo vor die Nase setzen. Die Worte des Frauenverstehers Winterbauer lesen sich zwischen den Zeilen so als ob er ihnen weniger zutraut als den alten männlichen Alphatieren. Nur traut er sichs nicht zu schreiben.

  3. Könnte, bis auf Absatz 6, genauso auch die Pressestelle von Springer geschrieben haben. Aber Herr Winterbauer schreibt sich ja gern in die Herzen der Bild-Chefetage … Wahrscheinlich hofft da einer auf einen Job im Konzern.

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