Oh du Obdachlose: „Tatort: Côte d’Azur“ als Albtraum-Weihnachten im Baracken-Milieu

Haben vollkommen entweit: Die beiden Kommissare aus Konstanz. ARD/SWR TATORT, „Côte d’Azur“, © SWR/Johannes Krieg
Haben vollkommen entweit: Die beiden Kommissare aus Konstanz. ARD/SWR TATORT, "Côte d'Azur", © SWR/Johannes Krieg

Im "Tatort" ist schon Weihnachten: Eine junge Frau wird erschlagen – von einem als Weihnachtsmann verkleideten Täter. Doch dieser Konstanzer Fall ist alles andere als besinnlich, er bringt seine Zuschauer immer wieder an ihre Belastungsgrenze. Diese Grenze überschritten haben die beiden Kommissare längst: Blum und Perlmann können nur noch mit Mühe und Not zusammenarbeiten.

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Die Story
Die nächtliche SMS, die die Polizei zur Leiche der jungen Mutter Vanessa Koch am Konstanzer Rheinufer führt, kam wahrscheinlich von ihrem Mörder. Kai Perlmann übersieht den Hinweis auf den Säugling der Ermordeten, der in der Dezembernacht abseits im Schilf zurückbleibt. Nur dank Klara Blums Geistesgegenwart gelingt es, das halb erfrorene Baby zu finden und in ein Krankenhaus einliefern zu lassen. Ob es überleben wird, ist ungewiss. Die Ermittlungsspuren führen die beiden Kommissare in eine heruntergekommene Baracke, die den ironischen Namen „Côte d’Azur“ trägt. Darin findet eine Gruppe Obdachloser Unterschlupf. Franzi, Urs, Lucky und Bill kämpfen dort mit billigem Wein gegen die Winterkälte an – das Geld dafür verdienen sie im Weihnachtsmannkostüm mit Klingelbüchsen für „gefährdete Orang-Utans“.

Ihnen hat sich auch der ehemalige Kommissar Hagen Bötzow angeschlossen, der nach Suspension vom Dienst gesellschaftlich abgerutscht ist. Sie alle kennen Vanessa gut, noch kurz bevor sie ermordet wurde, hatten sie gemeinsam getrunken. Auf die Frage, warum die Hartz-IV-Empfängerin sich Schmuck und teure Kleidung leisten konnte, geben sie keine Antwort – das Wohlergehen des Babys liegt allen jedoch sehr am Herzen. Außerdem scheint fernab des prekären Milieus auch der exzentrische Musikmanager Jürgen Evers, bekannt als „Hitmaschine von Konstanz“, in den Fall verwickelt zu sein.

Die Story hinter der Story
Die selbstorganisierte Parallelgesellschaft der Obdachlosen-Gemeinschaft mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen im Kontrast zur Konstanzer High Society.

Was taugt das Drehbuch?
Der neue Konstanzer „Tatort“ ist wie der letzte Fall von Blum und Perlmann vor allem eins: düster. Die Bilder sind blau-grau und die Stimmung durch und durch kalt. Dennoch ist „Côte d’Azur“ härter und besser als sein Vorgänger und schont sein Publikum nicht: psychische Abgründe, Dreck, abgefrorene Zehen und zitternde, grüne Galle spuckende Menschen auf Entzug. Die Geschichte des Säuglings Alex dürfte viele Zuschauer darüber hinaus an ihre Belastungsgrenze bringen. Der Film schafft eine durchgehend aggressive Stimmung – sowohl zwischen den Kommissaren als auch zwischen den Obdachlosen, die durch eine Hassliebe verbunden sind. Sie bedrohen sich, greifen einander wegen fünf Euro an und bleiben trotzdem zusammen. Besonders ist in diesem „Tatort“ vor allem auch die Kameraführung: Die Protagonisten schauen in den Dialogen immer wieder direkt in die Kamera, was an eine Kammerspielfim-Inszenierung erinnert, und am Ende stehen sie wie im Theater nebeneinander, schauen ins Publikum und verabschieden sich mit einer traurigen Version des Weihnachtsklassikers „Oh du Fröhliche“.

Sind die Ermittler in Form?
Der Fall zerrt an den Nerven des Ermittler-Duos: Perlmann wacht stundenlang neben dem schwerkranken Baby, Blum hingegen sitzt neben der inhaftieren, rasenden Drogensüchtigen. Die Stimmung zwischen den beiden ist gereizt und der Ton wird zunehmend schärfer – es wird Zeit, dass sie ihren Dienst wie angekündigt bald quittieren.

Mit diesen Hintergrundinfos können Sie punkte
Der „Tatort: Côte d’Azur“ war 2015 beim Filmfest Hamburg für den Hamburger Produzentenpreis für Deutsche Fernsehproduktionen nominiert.

Der Satz zum Mitreden
„Frau schwanger, Frau säuft, Kind gaga. ‚Tschuldigung, manchmal rutscht mir sowas raus.“ (Der Kinderarzt zu Kai Perlmann)

Eher peinlich
Der erste völlig überzeichnete Auftritt des Musikmanagers, der schnell zum Verdächtigen gerät. In seiner Wohnung hängen Mädels im Schulmädchen-Dress herum und er sagt Sätze wie: „Dann geh doch zu Bohlen, wenn du glaubst, dass der dir das Singen beibringen kann.“ Oder: „Den Ausgang triffst du leichter als deine Töne.“

Offene Fragen
Warum geht die junge Frau nachts allein mit ihrem Baby in einem winzigen Kleidchen durch ein vollkommen verlassenes Feld?

Fazit
„Tatort: Côte d’Azur“ ist ein beklemmender Film, der seinen Zuschauer von Anfang bis Ende fesselt – und immer wieder verletzt. Schade, dass noch zwei weitere Fälle von Blum und Perlmann ausgestrahlt werden. Dieser wäre ein würdiger Abschied gewesen

Einschaltempfehlung auf einer Skala von 1 bis 10
9

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