New York Times-Story zu Arbeitsbedingungen bei Amazon: Der späte, aber harsche Konter der Web-Company

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Später Konter: Zwei Monate nach dem kritischen Bericht der New York Times über die Arbeitsbedingungen bei Amazon schießt der weltgrößte Online-Einzelhändler zurück. Die renommierteste Zeitung der Welt halte sich nicht an die Gepflogenheiten des guten Journalismus, der seine Quellen vor der Veröffentlichung genau checke und auch die Gegenposition beleuchte, wirft Amazons Kommunikationschef Jay Carney der New York Times vor. Deren Chefredakteur reagiert jedoch prompt.

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Nach der Veröffentlichung ist vor der Schlammschlacht: Journalisten, die Enthüllungen über Großkonzerne und multinationale Organisationen machen wie aktuell der Spiegel mit seiner Titelsstory über die mutmaßlich gekaufte Fußball WM in Deutschland, müssen schon mal mit heftigem Gegenwind ihrer Rechercheopfer rechnen.

Diese Erfahrung gilt auch jenseits des Atlantiks, wo der New York Times (NYT) vor zwei Monaten ein echter Scoop gegen Internet-Gigant Amazon gelang. Die vermeintlich beste Zeitung der Welt beschäftigte sich in der großen (Multimedia-) Reportage „Inside Amazon: Wrestling big ideas in a brusing workplace“ (zu Deutsch etwa: „Amazon enthüllt: Vom Ringen mit großen Ideen an einem Arbeitsplatz, an dem man sich Beulen holt“), mit den Arbeitsbedingungen von Verwaltungsangestellten und der mittleren Management-Ebene. Insgesamt sollen die NYT-Redakteure über sechs Monate an dem Stück recherchiert haben.

„Ich habe fast jeden, mit dem ich gearbeitet habe, am Schreibtisch weinen gesehen“

Die New York Times-Reporter sprachen nach eigenen Angaben mit mehr als 100 früheren und aktuellen Amazon-Mitarbeitern und berichteten unter anderem von Fällen, in denen Menschen nach Familientragödien oder Gesundheitsproblemen ohne Mitgefühl behandelt worden seien. So sei eine Mitarbeiterin am nächsten Tag nach einer Fehlgeburt auf eine Dienstreise geschickt worden, und krebskranke Beschäftigte hätten schlechte Arbeitsbewertungen erhalten. Auch insgesamt sei das Betriebsklima schroff: „Ich habe fast jeden, mit dem ich gearbeitet habe, am Schreibtisch weinen gesehen“, sagte ein frühere Mitarbeiter aus dem Buch-Marketing der US-Zeitung.

Bei Amazon sorgte die New York-Story wenig überraschend für Entsetzen. Konzernchef Jeff Bezos wies den NYT-Bericht umgehend zurück. „Der Artikel beschreibt nicht das Amazon, das ich kenne“, betonte Bezos in einer E-Mail an die Mitarbeiter. So stelle das Stück einzelne Geschichten über „schockierend gefühllose Management-Praktiken“ in den Vordergrund, schrieb Bezos.

Amazon-Sprecher schießt auf Medium zurück: „Was Ihnen die New York Times verschwiegen hat“

„Ich bin überzeugt, dass jeder, der bei einem Unternehmen arbeitet, wie es in der New York Times beschrieben wurde, verrückt wäre, dort zu bleiben. Ich weiß, dass ich so ein Unternehmen verlassen würde.“ Zugleich rief Bezos die Mitarbeiter auf, wenn ihnen herzloses Vorgehen von Managern bekannt ist, dies an die Personalabteilung oder direkt an ihn zu melden. „Selbst wenn es seltene oder Einzelfälle sind, unsere Toleranz für einen solchen Mangel an Mitgefühl muss gleich Null sein.“

Dass der Stachel indes offenbar doch tiefer saß, wurde Montag im Blog-Netzwerk Medium deutlich. Dort nämlich teilte der neuinstallierte Vizepräsident der Unternehmenskommunikation Jay Carney so richtig gegen die „Grey Lady“ aus. In einem 1.400 Worte langen Beitrag mit dem Titel „Was Ihnen die New York Times verschwiegen hat„, belehrt Carney die New York regelrecht in Sachen Journalismus:

„In jeder Story gibt es Fakten und Meinungen. Der Kontext ist immer kritisch. Das Einmaleins des Journalismus besteht darin, dass Fakten gecheckt und Quellen überprüft werden. Wenn es zwei Seiten der Geschichte gibt, verdient es der Leser, beide kennen zu lernen. Warum hat sich die New York Times nun nicht an diese Standardpraktik gehalten? Wir wissen es nicht.“

New York Times kontert auf den Konter 

Der 50-Jährige, der vor seinem Einstieg bei drittwertvollsten Internetkonzern der Welt als langjähriger Pressesprecher des Weißen Hauses tätig war, wirft der New York Times weiter vor, sie habe kein Interesse daran gehabt, Amazons Position darzustellen. Zudem wären einige der zitierten Quellen nicht glaubwürdig. Der Mitarbeiter im Buch-Marketing, der im New York Times-Artikel mit den wenig schmeichelhaften Worten zitiert worden war, sei wegen geschäftsschädigendem Verhalten gekündigt worden.

Wie nicht anders zu erwarten, forderte Carneys harsche Kritik nun wieder eine Reaktion der US-Traditionszeitung heraus. Chefredakteur Dean Baquet verlor keine Zeit und antwortete gerade mal vier Stunden nach Carneys Vorwürfen auf Medium mit einem 1.300 Worte langen Beitrag.

„Ich bekräftigte nochmals meine Unterstützung für unsere Story“, machte Baquet seinen Standpunkt unmissverständlich deutlich. „Wir haben über mehrere Monate mit mehr als hundert gegenwärtigen und früheren Mitarbeitern aus den unterschiedlichsten Abteilungen gesprochen“, unterstrich der New York Times-Chefredakteur die Tiefe seiner Enthüllungsgeschichte, bevor er ins Detail geht. Man ahnt: Das war’s noch nicht im Verbalduell zwischen Enthüllern und Enthüllten – weder jenseits noch diesseits des Atlantiks…

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