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Meinungen in edlem Grau – Der Spiegel und das „zerstörte Sommermärchen“

Spiegel-Titel über eine schwarze Kasse bei der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland
Spiegel-Titel über eine schwarze Kasse bei der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland

Die aktuelle Spiegel-Titelstory über eine schwarze Kasse im Umfeld der Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland sorgt für reichlich Diskussionsstoff. Der MEEDIA-Leser und frühere Journalist bei FAZ und SZ, Ulrich Schulze, schreibt in einem Gastbeitrag anlässlich des aktuellen Spiegel-Titels über die "PR-Maschinerien" der Leitmedien und über die Praxis, Fakten und Recherchen mit Vermutungen zu vermengen.

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ein MEEDIA-Gastbeitrag von Ulrich Schulze

Es ist (fast) jeden Freitag das Gleiche: Radio und Fernsehen eröffnen ihre Nachrichtensendung mit einem Sachverhalt, für den es nur eine Quelle gibt: Der Spiegel oder Spiegel Online; manchmal ist es auch „das Recherchenetzwerk WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung“.

Je nach dem. Die PR-Maschine in München läuft seit Kilz‘ Zeiten mittlerweile ebenso geschmiert wie die in Hamburg.

Zuletzt nahm sich das Hamburger Magazin den DFB vor, zertrümmerte am Freitag mit der Titelgeschichte der nächsten Ausgabe – Erscheinungstag Samstag – das „Sommermärchen 2006“. „Gekauft!“ lautete der Tenor – und die Nachrichtensender spurten: Vom ZDF bis zum Deutschlandfunk übernahmen die Redaktionen ungeprüft die Geschichte; sie war das Titelthema des Wochenendes, der öffentlich-rechtlichen Sender ebenso wie des Boulevards.

Selbstverständlich jeweils mit dem (scheinbar) rückversichernden Hinweis:  . . . nach Informationen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.

Dabei enthielt schon der Titel die erste absichtlich falsch gelegte Fährte: „Das zerstörte Sommermärchen“ war nämlich nicht die Fußball-WM in Deutschland, sondern das Märchen war die neue Art der Nationalmannschaft, Fußball zu spielen – Angriff statt Mauertaktik, filigrane Technik statt Kraftbolzerei –; war die Stimmung, die die Klinsmann-Löw’sche Taktik verbreitet hatte; war, drittens: die Reaktion des Auslandes auf die WM-Stimmung in old Germany: Man staunte über die Leichtigkeit, Fröhlichkeit, Weltoffenheit der Deutschen.

Die Entscheidung der FIFA, die WM nach Deutschland zu vergeben, lag fünf Jahre zurück. Dass sie mit 12:11 Stimmen extrem knapp ausgefallen war, fiel nicht nur Fachleuten auf – aber auch bei diesen ging dies in der ersten Euphorie unter, und fast 15 Jahre lang war: Schweigen. Südafrika bedankte sich vier Jahre später, 2010, mit einer entgegen allen Unkenrufen der Bedenkenträger von München bis Hamburg gelungenen Veranstaltung. Wollen wir einmal ins Archiv schauen und nachsehen, welche Artikel der Spiegel vor der WM druckte? Tenor: Von Johannesburg bis Durban stehe hinter jeder Ecke wenigstens ein potentieller Mörder.

Zwar ist richtig: Unklar sind bis heute einige Details, die seitdem herausklabustert wurden und verbreitet werden: Von wem genau kamen 6,7 Millionen Euro, die Der Spiegel nun einer schwarzen Kasse des OK (Organisations-Komitees) zuordnete und eine Spur zog von “Robert Louis-Dreyfus: Der Mann hinter der DFB-Affäre um die WM 2006bis direkt in die DFB-Zentrale, von Beckenbauer bis Niersbach – im Schatten immer die FIFA-Affäre.

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Es ist eine mittlerweile gängige Praxis, aus Vermutungen, einigen Fakten und manchen Recherchen ein Puzzle zu zimmern, bei dem nur noch das Teilchen mit der weißen Wolke zu fehlen scheint; aus Deutungen und Archivmaterial wird eine „Geschichte gestrickt“. Neuerdings glaubt ja eine bestimmte Kategorie Journalisten, „Geschichten“ verkauften sich besser als nüchterne Nachrichten.

Unbestreitbar ist, dass es Ungereimtheiten gibt um manche Details der WM 2006 und der WM 2010. Unbestreitbar aber ist auch, dass die Quellen, die Der Spiegel in diesem Zusammenhang nannte (und nicht nannte!), nicht alle belegt sind, sondern viele Vermutungen sind und Spekulationen – hingeschrieben als „Recherche“, manche als behauptete Fakten.

Soweit so schlecht. Und ärgerlich genug. Weil: Wer Freitagabends in einer Nachrichtensendung hört: „. . . wie Der Spiegel (in seiner nächsten Ausgabe) berichtet“, merkt die Absicht und ist verstimmt. Verstimmt aber nicht nur über das Hamburger Magazin, das schon lange nicht mehr das ist, was es früher einmal war: ein Enthüllungsforum. Sondern, wie Franziska Augstein es einmal nannte: “ein geschwätziges Blatt“.

Irritierend und ärgerlich aber ist vor allem, dass öffentlich-rechtliche Sender wie private Anstalten und Magazine ohne zweite Prüfung, ohne eigene Recherchen zum Thema die von den PR-Maschinen in Hamburg und München just zum Erscheinen der nächsten Ausgabe herausgegeben Mitteilungen einfach übernehmen, weiter verbreiten – und ihr so den Anschein von Authentizität geben; ohne aber selbst eine zweite Quelle recherchiert zu haben. Dies galt einmal als die höchste Kategorie journalistischer Glaubwürdigkeit.

Weg ist sie.

Weggeschrieben von Frauen und Männern in edlem Grau.

Haben die Medien aus dem Desaster der Affäre Wulff wirklich nichts gelernt?

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Alle Kommentare

  1. Die Herrschaften des SPIEGEL…, die anscheinend über alles stehen möchten und sich dann doch erkennen müssen…, sie sind auch nur eines der vielen Blätter, die sich in DE tummeln…!!!

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