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Es geht ein Ruck durch Diesel-Deutschland: die VW-Affäre und ihre unabsehbaren Folgen

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn
Ex-VW-Chef Martin Winterkorn

Die Kommentierung der Nachricht vom Rücktritt des VW Chefs Martin Winterkorn ist bemerkenswert zweigeteilt. Die einen meinen, sein Rücktritt sei überfällig gewesen und prangern das verrottete System Volkswagen an. Die anderen winden Winterkorn Kränze und glorifizieren ihn im Rückspiegel als größten Autobauer der Geschichte. Ausgestanden ist die Geschichte mit dem Rücktritt aber noch lange nicht.

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Bild-Politik Chef Béla Anda ist ganz gerührt von der Größe des Martin Winterkorn. Er schreibt in seinem Kommentar:

Martin Winterkorn hat nicht versucht, die Lage zu beschönigen. Unmittelbar nach Veröffentlichung der Vorwürfe hat er die Verantwortung auf sich genommen. Damit hat er seinem Unternehmen einen letzten großen Dienst erwiesen.

Winterkorn habe als VW-Chef Großes geleistet. Es sei “ungerecht”, dass der Skandal und sein Rücktritt mit dem Erreichen des Ziels, größter Autobauer der Welt zu werden, zusammenfalle. Im ersten Halbjahr 2015 hat Volkswagen konzernweit tatsächlich rund 20.000 Autos mehr verkauft als die bisherige Nummer Eins Toyota. Ein hauchdünner Vorsprung. Unklar ist, ob er aufs Gesamtjahr gesehen zu halten gewesen wäre. Wenn die Nachfrage nach VW-Modellen wegen des aktuellen Skandals nachgibt, dürfte Toyota am Jahresende ohnehin wieder größter Autobauer sein.

Bild-Mann Anda dürfte VW gut kennen. Er war Regierungssprecher unter Kanzler Gerhard Schröder, der aus Niedersachsen stammt und dem man ein besonders enges Verhältnis zum örtlichen Autoriesen nachsagte. Die Grenzen zwischen Medien, Politik und Industrie sind bisweilen durchlässig.

Auch Ulf Poschardt, Auto-Fan und Vizechef bei Springers Welt, hat viel Verständnis für Martin Winterkorn. Die Kritik an den Abgas-Betrügereien sei hysterisch und neige zur “Tugendprahlerei”, meint Poschardt. Relativierend erläutert er, dass US-Autofirmen auch “Sprit vernichtende Pick-ups” bauen und “jedes Land mit Autoindustrie seine eigenen Produzenten hegt und pflegt”. Unterstellt Poschardt den USA also, bei Autos aus eigener Produktion bei Abgaskontrollen nicht genau hinzuschauen? Eine abenteuerliche These, die umso schräger wirkt, je länger man darüber nachdenkt. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass auch Deutschland seine Autoindustrie “hegt und pflegt” und ausländische Produzenten benachteiligt?

Es ist eine gefährliches Sichtweise, die in dem Kommentar des Welt-Auto-Experten mitschwingt. Eine Sichtweise, die Groß-Skandale wie jenen, den VW an der Backe hat, mithin erst möglich machen. Es wird vom eigentlichen Betrug abgelenkt und schnell mit dem Finger auf andere gezeigt.

Autokonzerne haben viele Freunde in der Politik, denn an ihnen hängen Arbeitsplätze und Export-Umsätze. Autokonzerne haben auch viele Freunde in den Medien, denn sie schalten viel Werbung und laden gerne und häufig ein. Legendär sind die Produkttests, die nach wie vor in der Regel an exklusiven Locations in aller Welt stattfinden. Auto-Journalisten jetten mit, genächtigt wird in Luxushotels. Und für den Dauertest vor Ort gibt es Dauerleihgaben vom Hersteller. Viele Motor-Journalisten haben gar kein eigenes Auto, weil sie stets ein neuer Testwagen vor der Redaktionstür steht.

Aber auch ohne Nähe zum Konzern, herrscht bisweilen eine Tendenz der voreiligen Freisprechung von Industriedenkmälern vom Schlage eines Winterkorn. Bei Zeit Online kommentierte Dietmar H. Lamparter zwar, dass der Rücktritt Winterkorns nicht ausreicht. Aber auch dieser Kommentar ging wie selbstverständlich davon aus, dass der zurückgetretene VW-Chef nichts von dem Betrug wusste. In dem Zeit-Online-Kommentar wird außerdem der systematische Betrug als “Fehler” verklärt. Dabei handelte es sich um keinen Fehler. Die Installation einer komplexen Mogel-Software in zig-Millionen VW-Fahrzeugen war pure Absicht. Dahinter steckte eine gewaltige kriminelle Energie. Darum führt es auch in die Irre, wie Zeit Online zu schreiben, Winterkorn habe es nicht geschafft, einen offenen Umgang mit Fehlern zu etablieren. Fehler machen und betrügen – das sind zwei ganz verschiedene Paar Stiefel.

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Vielmehr muss gefragt werden, wie in einem Konzern ein derart massives und offenbar gut organisiertes kriminelles Verhalten über Jahre hinweg zum Normalfall werden kann. Es gibt auch Kommentare, die in die entgegengesetzte  Richtung steuern, wie die bisher erwähnten. Frank-Thomas Wenzel hält Winterkorn im Kölner Stadt-Anzeiger vor, zu lange mit seinem Rücktritt gezögert zu haben. Der Rücktritt sei der Schlusspunkt einer langen Kette von Verfehlungen gewesen, “die Winterkorn aber offenbar nicht wahrhaben wollte. Viel zu lange hat er Tricksereien geduldet und gedeckt.” Da kann man beim Lesen den Eindruck gewinnen, es handele sich hier um einen Vorgang, der sich über einen langen Zeitraum erstreckte. Dabei wurden die Betrugs-Vorwürfe erst am vergangenen Freitag überhaupt erst öffentlich und die mediale Welle kam am Sonntag ins Rollen.

Die Geschwindigkeit, mit der Volkswagen im medial vermittelten Bild vom Vorzeigekonzern einer kraftstrotzenden deutschen Autowirtschaft abstürzt und zum verrotteten Sanierungsfall wird, ist atemberaubend. Heribert Prantl findet in der Süddeutschen dafür das Bild vom “Höllensturz eines Weltkonzerns”.

Die Auswirkungen des Skandals sind dabei in der Tat noch nicht abzusehen. Schon meldet die Autobild, dass auch bei einem BMW SUV die Diesel-Abgaswerte jenseits des Erlaubten liegen. Gut möglich, dass wir gerade die Entzauberung des Lieblingsmotors der Deutschen erleben. Es geht ein Ruck durch Diesel-Deutschland.

Jahrelang wurde Autofahrern von den Konzernen und den Medien eingetrichtert, dass Fahrspaß – noch so eine urdeutsche Vokabel – und Umweltschutz in modernen Dieselmotoren Hand in Hand gingen. Nun, da VW mit dem dreisten Betrug aufgefallen ist, wird wohl genauer hingeschaut.

Prantl notiert in der SZ ganz richtig, dass die Äußerung Winterkorns, er sei sich keiner Schuld bewusst, eine “befremdliche Einlassung” ist. Prantl: “Er war Vorstandschef, verantwortlich für das, was er getan und auch für das, was er – zum Beispiel bei der Kontrolle – unterlassen hat.” Das stimmt. Und außerdem: Wäre er sich keiner wie auch immer gearteten Schuld bewusst, warum hat er sich dann zuvor entschuldigt?

Der Fall VW hat viele Facetten. Es muss geklärt werden, wie der Betrug genau ablaufen konnte. Verantwortliche bei Volkswagen müssen identifiziert und zur Verantwortung gezogen werden. Darüber hinaus muss eine ganze Industrie ihr Verhältnis zu Verbraucher-Versprechen klären und die Kumpanei zwischen Autokonzernen, Politik und Medien muss geprüft und möglichst stillgelegt werden. Da haben wir einiges zu tun.

Es ist die alte Deutschland AG, die da beim Dieselgate ihr hässliches Haupt reckt. Das unselige VW-Gesetz in Niedersachsen, dass den Autokonzern praktisch in den Rang eines unantastbaren Staatsunternehmens erhebt, ist ein Relikt jener Deutschland-AG-Zeit der unentwirrbaren Verflechtungen zwischen Politik und Kapital. Bei Spiegel Online weist David Böcking zu Recht darauf hin, dass es im Umfeld von VW schon lange “ganz schön halbseiden” zugeht. Die Stichworte lauten: Lopez-Affäre, Lustreisen-Skandal, Porsche-Machtkampf.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich Medien, Politiker und Industrie im weiteren Verlauf der Dieselgate-Affäre positionieren. Dieser Skandal erstreckt sich auf alle Teile der Gesellschaft. Am Ende könnte die endgültige Zerschlagung der Deutschland AG stehen.

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Alle Kommentare

  1. Für die Bewertung fehlt den meisten Journalisten und Politikern leider das technisches Wissen.

    Da Motor- und Abgas-Steuerung seit einigen Jahren von immer leistugsfähigeren Kleincomputern übernommen werden lässt sich die Software eben auch immer besser anpassen, z.B. an typische Abgasuntersuchungs-Testverfahren.

    Auf so eine Lösung kommt praktisch jeder gute Ingenieur, insbesondere weil die Abgasreinigung zu höherem Verschleiss an Komponenten führt.

    Das ganze ist natürlich kostengetrieben, so hat mit Winterkorn eigentlich schon der richtige Mann seinen Hut genommen.

    Wobei die Methode wie sie VW verwendet hat (in vielleicht abgestufter Weise) überall in der Industrie zum Einsatz kommt (s.a. BMW)

    Die eigentlich verantwortlichen sind Politik (schwachsinnige Gesetzgebung) und Prüfbehörden.

    Im Gegensatz zu den USA sind die verwendeten Methoden in Deutschland nämlich garantiert nicht strafbar.

  2. Natürlich ist irgendwo ein Fehler passiert … sonst wäre der Betrug ja nicht aufgeflogen. Die Frage ist nun, ist Winterkorn wegen dieses Fehlers oder diesem Betrug zurückgetreten?

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