Richard Gutjahr über sein Snapchat-Experiment: „Leben im permanenten Beta“

Journalisten und Medienhäuser entdecken Snapchat – vorerst noch spielerisch
Journalisten und Medienhäuser entdecken Snapchat – vorerst noch spielerisch

Gerade erst haben sich Medienhäuser an Facebook gewöhnt und setzen es mehr oder weniger selbstverständlich als News-Kanal ein, da ist das soziale Netzwerk für eine wichtige Zielgruppe schon wieder nahezu belanglos geworden: Die meisten Teenager sind nicht (mehr) bei Facebook, sondern bei Instagram – und Snapchat. Medienmacher stellt dies vor eine neue Aufgabe: Wie können sie Snapchat einsetzen? Richard Gutjahr nutzt die App und gibt MEEDIA Einblicke in seine Erfahrungen.

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Der neue Foto-Sharing-Dienst mit dem kleinen gelben Geist nimmt einen immer wichtigeren Platz bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein; mittlerweile sind 200 Millionen Menschen weltweit bei Snapchat aktiv, 700 Millionen Snaps werden täglich hin- und hergeschickt. Längst konnte das Netzwerk sein Schmuddel-Image, dort würden nur Nacktbilder verschickt werden, ablegen. Auch junge Promis wie Miley Cyrus und Justin Bieber sind selbstverständlich schon vertreten und nutzen die öffentlichen Snapchat-Geschichten zum Selbstmarketing.

Medienmacher stellt dies vor eine neue Herausforderung, schließlich wollen viele von ihnen gerade die jungen Leute erreichen. Und diese sind eben jetzt bei Snapchat. An vielen Stellen funktioniert die App zudem grundlegend anders als Facebook, Twitter oder auch Instagram – so löschen sich zum Beispiel Privat-Snaps nach höchstens 10 Sekunden automatisch; öffentliche Geschichten verschwinden nach 24 Stunden. Auch gibt es (noch) keine Möglichkeit zum Liken, Teilen oder direkten Kommentieren; Profile können ebenfalls nicht angesehen werden. Tatsächlich ähnelt Snapchat an dieser Stelle noch viel mehr Messaging-Diensten wie Whatsapp als Netzwerken wie Facebook. Das ist ungewohnt und zunächst durchaus befremdlich (MEEDIA erklärt hier, wie Snapchat funktioniert).

„So intuitiv wie ein Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn“

Richard Gutjahr ist einer der aktivsten deutschen Journalisten bei Snapchat. Er findet es spannend, dass sich die Snaps selber löschen. „Dass sich Bilder und Filme spätestens 24 Stunden nach dem Betrachten zerstören, mag uns Journalisten und Medienmachern komisch vorkommen“, erklärt er gegenüber MEEDIA. „Umgekehrt erleben wir ja gerade, wie sich die Nachrichten-Welt immer mehr zu einem nicht enden wollenden Strom ohne Anfangszeit und ohne Ende entwickelt. Vor diesem Hintergrund ist das ‚Nichts-ist-für-die-Ewigkeit‘-Prinzip von Snapchat vielleicht gar nicht mal so dumm.“

Jeden Tag produziert Gutjahr eine Snapchat-Geschichte. Dass er noch experimentiert, ist offensichtlich: Er zeigt vor allem private Alltags-Schnipsel und macht Bilder beim Sport oder beim Filmeschauen. Er lerne dabei am meisten durch Trial und Error, so der Journalist. „Wenn meine Snaps heute noch wenig mit Journalismus zu tun haben, so ist das durchaus Teil des Prozesses. Ich möchte spielerisch erlernen, was man mit diesem Tool alles machen kann – und wo die Grenzen liegen.“

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Richard Gutjahr bei Snapchat

In den vergangenen Monaten und Jahren wurde immer wieder gepredigt, wie wichtig Interaktion mit den Lesern ist. Für viele Journalisten war das direkte Feedback zum Beispiel bei Facebook zunächst vollkommen neu. Bei Snapchat hingegen ist weder liken noch teilen möglich. Müssen wir uns wieder umgewöhnen? Richard Gutjahr glaubt: Nein. Für ihn sei Snapchat nur eine weitere Form, Geschichten zu erzählen. „Die Interaktion mit den Lesern, mit den Menschen formerly known as audience, ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Im Übrigen kann man via Snapchat sehr wohl interagieren. Die App ist nur so schrecklich unübersichtlich; so intuitiv wie ein Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn. Aber das waren Facebook und Twitter auch anfangs“, sagt Gutjahr.

Die Discover-Funktion: Snapchat als News-Kanal

Deutsche Redaktionen sind bei Snapchat wenig bis gar nicht vertreten; die beiden Jugendportale von Spiegel Online und Bild.de, bento und byou, haben zwar schon Accounts, sind in ihrem Auftritt allerdings noch zurückhaltend. Und Ze.tt, das junge Magazin von Zeit Online, setzt lieber auf ein anderes angesagtes Social Network und produziert fleißig Instagram-Videos.

Internationale Medien nutzen Snapchat bereits routinierter – was vor allem an der Discover-Funktion liegt. Dieses Update wurde Anfang des Jahres eingeführt und ermöglicht Publishern, redaktionelle Inhalte wie Text, Video und auch Musik bei Snapchat unterzubringen. Auch diese Geschichten werden nach 24 Stunden automatisch gelöscht. Bislang sind unter anderem dabei: CNN, Comedy Central, Buzzfeed, National Geographic, ESPN, Mashable, Vice oder Cosmopolitan. Innerhalb der News-Geschichten können die Medienhäuser außerdem Werbung platzieren, die Einnahmen daraus werden zwischen den Verlagen und Snapchat geteilt.

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Buzzfeed bei Snapchat

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CNN bei Snapchat

„Wir werden unser Leben lang der Entwicklung hinterherlaufen“

Von MEEDIA auf die Problematik angesprochen, dass Facebook bei den meisten Teenies wenig bis gar nicht mehr stattfindet, viele Medien aber (noch) nicht bei Instagram oder Snapchat sind, erklärt Richard Gutjahr: „Ich fürchte, wir werden unser Leben lang der Entwicklung hinterherlaufen. Wenn wir heute vom Neuland sprechen, verbinden wir damit ja insgeheim die Hoffnung, eines Tages dort auch anzukommen. Ein Ort, an dem es klare Jobbeschreibungen und belastbare Geschäftsmodelle gibt, eine Welt mit Einhörnern und Katzen, die Regenbögen an den Himmel malen. Ich fürchte, das ist eine Illusion. Ich denke, wir werden niemals wirklich ankommen.“

Ihm helfe es, sich seine Arbeit als Software vorzustellen, als Betriebssystem, das immer wieder Updates braucht, um nicht eines Tages ausrangiert zu werden. „Ein Leben im permanenten Beta“ helfe ihm, um mit dem Hinterherlaufen der Entwicklung zurechtzukommen. „Das ist anstrengend, aber zugleich auch unfassbar faszinierend! So gesehen passt Snapchat wunderbar in unsere Zeit. Eine Welt, die nicht zurückschaut, sondern die im Hier und Jetzt spielt. Mal sehen, was daraus wird.“ Richard Gutjahr glaubt: „Wenn der Tag gekommen ist und ich eine tolle Geschichte zu erzählen habe, könnte Snapchat eine Plattform dafür sein.“

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Alle Kommentare

  1. Die Kernaussage ist… wir (die medien) werden niemals ankommen… genau, deshalb ist es eine nette Beschäftigung für Enthusiasten wie Herrn Gutjahr, die auch wichtig ist. Für Verlagshäuser, Sender TV/Radio etc. wird es jedoch nicht darauf ankommen jedem Trend hinterher zu hecheln, sondern originäre Strategien für originäre Produkte zu entwickeln. Die Beobachtung der Entwichlungen und Trends im Netz ist wichtig, jedoch nur um ein größeres Verständnis für die Nutzer zu entwickeln und darauf basierend neue eigene Erfolgsmodelle zu entwickeln.

  2. Für Marken und Medienhäuser kann es eben ein guter zusätzlicher Kanal sein, in dem man sich von der gesichtslosen Marke entfernen kann, persönliche Einblicke geben kann. Echt und im Moment in eine Redaktion oder hinter eine Produktion schauen können. Da muss man halt dann auch als Zuschauer zur richtigen Zeit im richtigen Kanal sein. Genau das macht es aber dann Spannend für mich als Zuschauer, mal eine Information zu bekommen, die nicht alle automatisch haben.
    Privat finde ich es auch einfach unterhaltsam und eine Spielerei, wie schon lange keine neue Technik mehr bietet. Spielerisch selbst was entdecken als nur das was alle tun.

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