Anzeige

Experte über Winterkorns Entschuldigungs-Video: „Aussagen wirken wenig glaubwürdig“

Zu nah vor der Kamera, schweißglänzend und inhaltlich nicht überzeugend – Christián Gálvez (re.) hält den PR-Auftritt von VW-Chef Winterkorn für gründlich misslungen
Zu nah vor der Kamera, schweißglänzend und inhaltlich nicht überzeugend – Christián Gálvez (re.) hält den PR-Auftritt von VW-Chef Winterkorn für gründlich misslungen

Es sollte ein Befreiungsschlag im PR-Desaster um bewusst gefälschte Abgaswerte sein: Mit seiner per Video-Botschaft übermittelten Entschuldigung wollte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn durch das #dieselgate verlorene Vertrauen zurückgewinnen. Gegenüber MEEDIA erklärt Christián Gálvez, Experte für mediale Wirkung öffentlicher Auftritte, warum dieser Versuch gründlich misslang.

Anzeige
Anzeige

Welche Rolle spielen solche Statements im Rahmen des Krisenmanagements?
Die eigentliche Stärke solcher Kommunikationsmaßnahmen ist der Faktor Mensch. Ziel der Konzernkommunikation ist es, durch eine klare, offene Ansprache auf Augenhöhe, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu stabilisieren und im besten Fall zurückzugewinnen. Wesentlicher Erfolgsfaktor einer solchen Maßnahme ist und bleibt der Faktor Mensch.

Welchen Eindruck hat diesbezüglich Winterkorn gemacht?
Zum einen stimmte die Inszenierung der Person Winterkorns nicht. Winterkorn gehört nicht zu den Vorständen, die die beziehungsorientierte Kommunikation in den Mittelpunkt stellen. Ihm geht es grundsätzlich um die Sache – „Marken, Autos und Technologien“. Um diesen Dreiklang dreht sich seine gewohnte Rhetorik. Tatsächlich spricht er diesen Dreiklang in seinem Statement an, und die kraftvolle Modulation lässt hier heraushören, dass er sich auf vertrautem Terrain bewegt. Bei allem anderen wirkt er auf den Zuschauer hölzern. Der große Fehler in der Inszenierung: Winterkorn steht viel zu dicht vor der Kamera. Seine Stirn glänzt und der fade Hintergrund gibt den Worten wenig Ausdruck.

Wie glaubwürdig wirken Winterkorns Aussagen?
Die Aussagen Winterkorns wirken wenig glaubwürdig. Das liegt vor allem an der technischen Umsetzung. Winterkorn liest den gesamten Text vom Prompter ab. Kopf und Schultern sind während des Statements starr. Das Augenbewegungsmuster Winterkorns bildet somit die einzige auffallende Dynamik im Bild. Umso störender wirkt diese Bewegung. Videobotschaften sind dafür da, dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge schaut. Dieser Augenkontakt findet aber zu keiner Zeit statt. Der ungeschulte Beobachter erkennt vielleicht den Prompter nicht, das Unbewusste spürt jedoch, dass hier etwas nicht stimmt. Auch das hätte man technisch mit einfachen Mitteln lösen können.

Mit welchen rhetorischen Elementen arbeitet der Vorstandschef?
Auffallend ist, dass Winterkorn häufig das Personalpronomen „wir“ verwendet. Unklar ist jedoch, wer hinter dem „wir“ steht. Spätestens seit der „Yes, we can“-Rhetorik eines Obamas haben Führungskräfte die Kraft des Wörtchens „wir“ entdeckt. Obama nutzte das „we“, um sich zu einem Teil der Bewegung zu machen. Dieses klare Bekenntnis schafft Nähe und Vertrauen. Winterkorn lässt den Zuhörer im Unklaren wer „wir“ ist. Im zweiten Drittel des Statements spricht er die Mitarbeiter mit den Worten „An unsere Mitarbeiter gerichtet“ an. Gerade hier wird deutlich, dass er aus einem höheren Status heraus argumentiert. Gleichzeitig entzieht er sich hierdurch seiner Verantwortung. Später verwendet er die Metapher „unsere Mannschaft“. Dabei hat der Zuschauer zu keiner Zeit das Gefühl, dass er den Trainer oder Manager vor Augen hat. Im Schlussstatement verwendet Winterkorn sogar innerhalb eines Satzes die Personalpronomen „wir“ und „ich“. Videobotschaften sollen Klarheit schaffen. Diese Klarheit geht hier verloren, weil nicht deutlich wird, wer hier Verantwortung übernimmt.

Anzeige

Zudem nutzt Winterkorn eine erstaunliche Präsupposition, eine Vorannahme. Er sagt „Dazu arbeiten wir weiter eng mit den zuständigen staatlichen Stellen und Behörden zusammen.“ Das hier bewusst verwendete „weiter“ ist ein rhetorischer Kniff, um dem Unbewussten zu suggerieren, dass es auch in der Vergangenheit diese Transparenz und Offenheit gegeben hat, was ja nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand überhaupt nicht der Fall gewesen ist.

Sogar in der gestrigen Tageschau wurde der Ausschnitt mit der Entschuldigung Winterkorns gezeigt. Wirkte diese glaubwürdig auf sie?
Winterkorns Körpersprache zeigt kaum Anhaltspunkte für ein Aufbrechen der Symmetrie. Daran lässt sich häufig die Glaubwürdigkeit einer Aussage überprüfen. Was ich viel bemerkenswerter finde, ist die Tatsache, dass kein Mensch „sich selbst entschuldigen“ kann. Auch nicht der Vorstand eines Automobilkonzerns. Winterkorn könnte bestenfalls bei den Betroffenen um Entschuldigung bitten. Denn es sind ausschließlich die Zuschauer, die ihm die Schuld vergeben können. Hier stimmt die Haltung des Sprechers nicht. Übrigens wurde zu keiner Zeit der Kleinaktionär erwähnt, der im guten Glauben sein Erspartes in das Unternehmen gesteckt hat.

 

Cristián Gálvez ist Experte für den Dreiklang aus Motivation, Persönlichkeit & Wirkung. Zu seinen Referenzen zählt das „Who-is-Who“ der Unternehmenswelt. Zudem ist Gálvez Autor mehrerer Ratgeber und Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. Mit seinen Vorträgen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. www.galvez.de

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*