DuMont-Hauptstadtredaktion: Mantel-Manufaktur mit pluralistischem Anspruch

Jochen Arntz ist Chefredakteur des Hauptstadt-Büros von DuMont.
Jochen Arntz ist Chefredakteur des Hauptstadt-Büros von DuMont.

DuMonts Idee der Zentralredaktion ist die wohl am längsten bestehende. Seit 2010 existiert das heute genannte DuMont Hauptstadtbüro und beliefert neben den eigenen Titeln auch die Frankfurter Rundschau sowie den Weser Kurier. Beim Besuch in Berlin und im Vergleich mit der Konkurrenz wird deutlich: Das Team von Leiter Jochen Arntz hat die größte Erfahrung, hinkt aber vor allem technisch hinterher.

Anzeige

Dass in der Zentralredaktion der Mediengruppe DuMont alles etwas anders läuft als bei der Konkurrenz, lässt sich bereits beim Betreten des Gebäudes erahnen. Die Politik- und Wirtschaftsexperten des Kölner Medienhauses arbeiten aus dem Gebäude des Berliner Verlags, nahe dem Alexanderplatz, heraus. Der Bau aus DDR-Zeiten, der seit diesem Jahr unter Denkmalschutz steht, zählt zwar architektonisch zur Moderne, hat mit der heutigen Auffassung des Begriffs allerdings nur noch wenig zu tun. Der Charme der siebziger Jahre wurde auch im Innern des Gebäudes erhalten. Ein schmaler Flur in Neon-Licht getaucht, das vom grauen Fußboden wieder geschluckt wird. Zahlreiche Einzelbüros gehen ab, in vielen stapeln sich Zeitungen. Es riecht nach Papier. Am Ende mündet der Flur in einen Konferenzraum, auf dessen Tisch ein Zentraltelefon steht, von dem Honecker persönlich telefoniert haben könnte.

Weite Flure, ein großer Newsroom mit Dutzenden Arbeitsplätzen, große Bildschirmflächen und Videokonferenzsysteme; das ist zwar repräsentativ, wird aber nicht zwingend gebraucht, meint Jochen Arntz. Der Journalist, der bei der Berliner Zeitung lernte und Chef der Seite-3 bei der Süddeutschen Zeitung war, ist seit Anfang 2014 Chefredakteur der Hauptstadtredaktion. Unter seiner Leitung schreibt ein 17-köpfiges Team für alle DuMont-Titel sowie die Frankfurter Rundschau (ehemals DuMont) als größten Kunden und seit kurzer Zeit auch für den Weser-Kurier aus Bremen.

Arntz führt die wohl erfahrenste und zugleich spezialisierteste Zentralredaktion im von MEEDIA angestellten Vergleich. Während andere Zentralredaktionen wie jene von Madsack und Funke die gesamte Mantelproduktion für ihre Titel übernehmen, hat sich die Hauptstadtredaktion – zuvor Redaktionsgemeinschaft (ReGe) genannt – auf Politik und Wirtschaft spezialisiert, beliefert die Zeitungen (neben FR und Berliner Zeitung auch Mitteldeutsche Zeitung & Kölner Stadt-Anzeiger) mittlerweile aber auch mit Panorama- und Feuilleton-Stücken. Täglich zehn bis zwanzig Texte entstünden hier pro Tag für seine „Kunden“, wie Arntz die Redaktionen nennt. Die DuMont-Redaktion behält sich vor, ein Themen-Angebot zu erstellen, das in einer morgendlichen Konferenz mit den Chefredaktionen der unterschiedlichen Titel diskutiert wird. Wie die anderen Zentralredaktionen, steht auch Arntz vor den Herausforderungen, verschiedene Längen zu unterschiedlichen Andruckzeiten zu produzieren. „Der Kölner Stadt-Anzeiger bezieht für die Printausgabe 3800 Zeichen, die Berliner Zeitung 4500 Zeichen und Frankfurt 4900 Zeichen. Dazu kommen unterschiedliche Andruckzeiten der Zeitungen. Die FR braucht ihre Texte für die erste Form bereits um 16.00 Uhr, während die Berliner Zeitung gegen 17.30 Uhr komplett sein muss, Köln und Halle noch später. Wir liefern die Texte und geben den Kunden vorher durch, wie lang sie sind.“ Eine Besonderheit: „Das Layout liegt in der Hand der Redaktionen.“

Übersicht

DuMont

Eigene Titel: 1 Berliner Zeitung | 2 Kölner Stadt-Anzeiger | 3 Mitteldeutsche Zeitung, Halle

Externe Kunden: 4 Frankfurter Rundschau | 5 Weser-Kurier, Bremen

Weniger Technik = mehr Flexibilität?

Die Redakteure bereiten ihre Inhalte in Textdokumenten auf, die den Redaktionen dann per Mail zur Verfügung gestellt werden. Das kostet den Redaktionen vor Ort unter Umständen mehr Arbeit, schafft auf der anderen Seite aber wieder mehr Flexibilität, wie Arntz anhand eines Beispiels zur Berichterstattung über den 11. September zeigt: „Unsere ursprüngliche Idee war es, einen Leitartikel über 9/11, über die heutige Bedeutung dieses Datums zu schreiben. Das haben wir auch getan, die Frankfurter Rundschau aber hat um diese Geschichte einen Schwerpunkt gebaut und daraus ein Titelthema gemacht. Dazugestellt wurde von uns auch ein Porträt über Bundesinnenminister Thomas de Maizière, in dem es auch um die innere Sicherheit ging. Die gleichen Inhalte liefen auch bei anderen Zeitungen, wurden aber unterschiedlich gewichtet.“ Seine Redaktion zeichne sich dadurch aus, dass sie zwar ein festes Angebot vorgebe, allerdings versuche, auf möglichst viele individuelle Wünsche einzugehen. Ein weiterer Vorteil: Durch die reine Textlieferung haben die Chefredakteure zwar keine Entscheidungshoheit über die Inhalte, wohl aber darüber, wie sie in ihren Blättern präsentiert werden – manchmal nämlich gar nicht.

„Man kann Meinungen nicht passgenau machen“

„Es kommt durchaus vor, dass die Redaktionen ein Thema mal nicht mitnehmen, weil sie in ihren Zeitungen keinen Platz haben oder andere Schwerpunkte setzen“, erklärt Arntz. Dafür würden sie vielleicht in den Tagen darauf mitgenommen werden. Fallen Hauptstadt-Texte weg, müssen die Redaktionen die Inhalte selbst schreiben. Alles Abstimmungssache. „Man glaubt schnell, dass das Arbeiten für vier oder fünf Redaktionen auch in den Konferenzen viel aufwendiger ist. Ich war lange bei der Süddeutschen Zeitung und kann sagen, dass der Unterschied in der Konferenzkultur gar nicht so groß ist.“

Dennoch bringt ein Arbeiten für eine Handvoll Redaktionen eigene Herausforderungen mit sich. Auch bei DuMont ist das Thema Blattlinie ein wichtiges. „Weil wir auch politisch eine relativ große Vielfalt haben, merken wir manchmal, dass die Zeitungen leichte Autorenpräferenzen entwickeln“, erklärt Arntz. Arntz versuche bei der Aufgabenverteilung darauf zu achten, dass den Wünschen möglichst nachgekommen wird. „Wenn es also Tage gibt, an denen eine Zeitung ein Thema besonders interessiert, macht man sich auch Gedanken darüber, welcher Autor der richtige sein könnte.“ Die Balance zwischen dem bürgerlichen Kölner Stadt-Anzeiger und der linken Frankfurter Rundschau zu halten, scheint dabei nicht immer einfach. „Man kann Meinungen nicht passgenau machen, aber auf verschiedene Profile achten, um eben keinen Einheitsbrei zu bieten.“ Das zeige sich auch in der Zusammensetzung des Teams. Unsere Journalisten kommen von vielen verschiedenen Zeitungen und schaffen damit einen Pluralismus innerhalb der Redaktion. Ich erinnere mich auch, bei der Berliner Zeitung einmal gelernt zu haben, dass verschiedene Meinungen und Standpunkte ein Blatt erst interessant machen. Und so ist es hier in vielen Fällen auch.“

„Zuwachs an Zentralredaktionen ist Ansporn“

Während die einzelnen Standorte dafür verantwortlich sind, die Inhalte in die Zeitungen zu bringen, ist das Digitale bei DuMont zentralisiert. Allerdings nicht –  wie man erwarten würde – in der Hauptstadtredaktion, sondern in der DuMont-Zentrale in Köln. Von der Digitalen Transformation, das wohl wichtigste Projekt im Hause DuMont, ist in Berlin nichts zu spüren. Trotz der dünnen Wände hat der Digital-Geist noch keinen Einzug gefunden. Zwar gebe es einen Online-Frühdienst, wie Arntz betont. Eine eigene Online-Redaktion, wie sie Madsack hat oder derzeit auch Funke aufzieht, gibt es allerdings nicht. Erster Kunde für die Berliner scheint die Zeitung.

Im technischen Wettbewerb liegt DuMont scheinbar zurück, wobei der Konkurrenzbegriff wohl weniger gerne gehört wird. „Wir müssen nicht in einem abstrakten Wettbewerb zu Funke oder Madsack stehen“, meint Arntz. Es gehe darum, „die Zeitungen, die unsere Kunden sind, gut zu beliefern“. Dass der Markt der Zentralredaktionen wachse, sei „für uns aber auch ein Ansporn“ und „ein Zeichen an den Leser“. Ein Zeichen, „dass es nicht nur die überregionalen Titel wie Süddeutsche oder FAZ mit großen Redaktionen gibt“.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige