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Flüchtlings-Berichterstattung bei RTL: der Warnschuss, der ein Schnellschuss war

So berichtete „Guten Morgen Deutschland“ über angebliche Warnschüsse in Freilassing
So berichtete "Guten Morgen Deutschland" über angebliche Warnschüsse in Freilassing

Dass Meldungen (vor)schnell veröffentlicht werden, sich schnell im Netz schnell verbreiten und später kaum wieder einzufangen sind, ist ein bekanntes und leidiges Phänomen. Aktuelles Beispiel: Bei RTL wurde im Früh-Magazin “Guten Morgen Deutschland” am Dienstag als Tatsachenbehauptung gemeldet, in Freilassing habe die Polizei Flüchtlinge mit Warnschüssen aufgehalten.Dabei war die Quellenlage überaus unklar. Medien sollten ein neues Verhältnis zu Tempo-Druck und dem Umgang mit Fehlern lernen.

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“Schüsse an der Grenze”  – so wurde der Beitrag bei Guten Morgen Deutschland reißerisch angekündigt. Im bayerischen Freilassing hätten Polizisten Warnschüsse abgegeben, weil eine Gruppe von Flüchtlingen aus einem Lastwagen gesprungen und auf die Grenze zugerannt sei. Das klingt hochdramatisch. Nach der Wiedereinführung von Grenzkontrollen wird an deutschen Grenzen jetzt auch schon geschossen? Wie bitte? Die Meldung hätte enorme Sprengkraft und ganz sicher bundesweit die Schlagzeilen beherrscht – wenn sie denn stimmen würde …

Seltsamerweise war im weiteren Verlauf der RTL-Frühsendung dann keine Rede mehr von den Warnschüssen, lediglich in der Anmoderation. Trotzdem machte die Meldung, wie die taz dokumentierte bei anderen Medien die Runde. Stern.de übernahm die RTL-Meldung von den vermeintlichen Schüssen in seinen “Flüchtlingsticker”, die österreichische Kronen Zeitung griff zu und Vice Deutschland textete ganz aufgeregt: “Warnschüsse gegen Flüchtlinge: Die Bundespolizei macht Ernst”. Laute Post statt stiller Post: Mit jedem Abschreiben wird es dramatischer.

RTL hatte die Warnschuss-Meldung auch auf der eigenen Website verbreitet. Später rückte man die Meldung bei RTL zunächst in den Konjunktiv und ließ die Sache mit dem angeblichen Warnschuss darauf ohne Erklärung ganz verschwinden. (Korrektur: In einer ersten Version war hier zu Lesen, RTL habe die Meldung online nach einer Anfrage der taz verändert. Dies ist laut Aussage von RTL falsch. Die Meldung sei nach den Dementis der Polizei von der Redaktion geändert worden.)

Doch wo kam die Warnschuss-Meldung überhaupt her? Sie stammt von der TV-News Agentur DNF Mediengesellschaft mbH. Gegen 1.21 Uhr in der Nacht zum Montag schickte DNF ein Paket mit O-Ton und Film-Angeboten an RTL. Im Begleittext hieß es u.a.:

In Freilassing mussten Polizisten am Montagabend sogar Warnschüsse abgeben. Während einer Kontrolle waren Personen aus einem Wagen gesprungen und davon gerannt. Erst durch den Warnschuss blieben sie schließlich stehen und konnten von den Beamten festgesetzt werden. Wir haben die Bilder und O-Töne.

Die angeboten Bilder und O-Töne drehten sich dann freilich nicht um Warnschüsse, sondern um das alltägliche Geschehen bei den Grenzkontrollen:

Polizei kontrolliert Fahrzeuge auf der Brücke, div. Einstellungen – Autos rollen nach Kontrolle weiter

– Transporter wird herausgewunken

– Wohnmobil wird herausgewunken

– Polizisten kontrollieren Fahrzeuge

– Laster wird kontrolliert

– Fahrzeuge stauen sich   Polizeiauto im Vordergrund

– div. weitere Einstellungen der Kontrolle

Bahnhof:

– Polizeifahrzeuge m Bahnhof

– Polizistin mit kleinem Jungen

– Polizei bespricht sich

Und so weiter. Trotzdem verwurstete die Redaktion von “Guten Morgen Deutschland” die angeblichen Warnschüsse als Aufhänger für den Nachrichten-Block am Dienstagmorgen. Auf Nachfrage bei RTL hieß es: „Nachdem die Agentur, mit der wir seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten, die Meldung verbreitet hatte, haben wir dort im Zuge der Recherchen selbstverständlich nachgefragt. Hier wurde uns bestätigt, dass es für den Zwischenfall verlässliche Quellen gäbe. Diese Aussage wurde dann nicht noch einmal bei der zuständigen Polizei gegenrecherchiert. Das war ohne Wenn und Aber ein Versäumnis.“

Der Reporter von DNF blieb auf Nachfrage von taz und RTL bei seiner Darstellung. Er habe die Schüsse zwar nicht selbst gehört, zwei zuverlässige Quellen hätten ihm das aber bestätigt. Belege gibt es keine und die Polizei dementierte mittlerweile, dass es irgendwelche Warn- oder sonstige Schüsse gegeben habe. Die Redaktion von Vice ließ ihren Text online, allerdings versehen mit einem “Update”:

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Die Polizei von Oberbayern Süd erklärt, nichts von Schüssen an der Grenze zu wissen. RTL hat den Originalbericht mittlerweile geändert, so dass die Aussage des Reporters nicht mehr zu finden ist. Wir haben daraus gelernt und werden unsere Quellen in Zukunft genauer prüfen.

Bei RTL findet man einen solchen Hinweis nicht. Dies sei nicht üblich, erläutert ein Sendersprecher MEEDIA auf Nachfrage, da online Texte ohnehin laufend aktualisiert würden.

So war der “Warnschuss” ein klassischer journalistischer Schnellschuss. Allzu oft werden im Eifer des Gefechts Meldungen von anderen Medien schnell übernommen, Quellenangabe dazu und fertig. Das Medium, das zitiert wird, wird die Sache schon überprüft haben. Genauso lief das im vorliegenden Fall. Bei RTL verließ man sich auf die Agentur, bei den anderen Medien verließ man sich auf RTL. Mit jedem Schritt wird ein wenig mehr zugespitzt.

Es gibt einen gefühlten oder tatsächlichen Druck in Redaktionen, dass alles immer ganz, ganz schnell veröffentlicht werden muss, möglichst mit dramatischem Dreh. Sonst, so die Angst vieler Medienmacher, wird man nicht gehört, gesehen oder gelesen. Quote, Auflage und Klicks sinken und man hat ein Problem.

So geschehen Fehler, die eigentlich nicht geschehen müssten. Ist solch ein Fehler dann in der Welt, greift häufig der nächste Reflex: Die Redaktion versucht die Sache zu vertuschen. Online-Artikel werden umgeschrieben oder offline gestellt. Bei Print wird schlicht geschwiegen und bei TV und Radio hofft man darauf, dass es sich “versendet” und entfernt bestenfalls noch den Beitrag aus der Mediathek. In Zeiten von YouTube, Blogs und Social Media ist es aber fast unmöglichgeworden, Fehler zu vertuschen.

Irgendwo hat immer einer die Sendung mit dem Patzer mitgeschnitten und auf YouTube gestellt, einen Screenshot gemacht oder ein Foto eines Artikels bei Facebook gepostet. Und wenn die Redaktion, der ein Fehler unterlaufen ist, dann eisern schweigt oder gar versucht so zu tun, als sei nichts geschehen, ist der Vorwurf von der “Lügenpresse” nicht weit.

Was also wäre zu tun? In Redaktionen müsste die Sensibiltät dafür geschärft werden, dass nicht jede Story zwingend ganz schnell raus muss. Vor allem bei sensiblen Themen sollte es eine Kultur der Vorsicht geben. Es liegt vor allem an redaktionellen Führungskräften, eine solche Kultur einzuführen und vorzuleben. Wenn Redakteure Ärger befürchten müssen, weil Meldungen “nicht schnell genug” online oder on air, kann dies nicht gelingen.

Zur Kultur der Vorsicht müsste eine Fehlerkultur treten. Fehler klar öffentlich benennen, Fehler-Ursachen erklären, sich entschuldigen, wenn es angebracht ist. Damit haben immer noch zu viele Medien große Probleme. Dabei würde eine transparente, offene Fehlerkultur dafür sorgen, dass den “Lügenpresse”-Rufern ein Großteil ihrer Argumente genommen wird. Medienmacher sich auch nur Menschen. Sie sollten sich auch so benehmen.

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Alle Kommentare

  1. Nun ja, am Ende muss auch Waffeneinsatz bei der Grenzabsicherung möglich sein.
    Wenn man sieht wie rabiat auch die Asylbewerber gegenüber den Behörden/Polizei in Ungarn und Österreich vorgehen um nach Deutschland zu flüchten kann man erahnen was sich auch an der Deutschen Grenze abspielen kann.
    Wenn wir doch jeden wieder reinlassen der illegal einreisen möchte können wir uns das ganze ja sparen…

    1. Nicht so mutig, Horst! So weit sind wir noch nicht. Es ist noch nicht 33, lieber Gewalt-affiner Kommentator.

      1. Falsch … es ist schon 41 … die Politik agiert selbstgefällig und Kriegstreibend. Die Flüchtlingskrise ist doch ein Ergebnis dessen. Europa und sein großer Bruder streben nach Macht und Einfluss … das Ergebnis ist gerade aktuell. Deja Vu … Griechen, Römer, Hunnen, Wikinger jede Idee geht irgendwann zu Grunde … wenn es dann zerfällt war wieder keiner dabei …. denke alle 50-100 Jahre braucht die Menschheit sowas.

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