Krautreporter und die Zukunft: Die Paywall ist nicht das Problem

Krautreporter-Macher: Geschäftsführer Sebastian Esser (li.) und Chefredakteur Alexander von Streit
Krautreporter-Macher: Geschäftsführer Sebastian Esser (li.) und Chefredakteur Alexander von Streit

Publishing Die Krautreporter machen dicht: Eine Paywall soll das Überleben des Crowdfunding-Projekts retten. Mit der Ankündigung steht das Startup, um das es still geworden war, im Mittelpunkt des Interesses – und der Kritik. Die ist unangebracht, das eigentliche Problem der Krautreporter liegt woanders.

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Horizont-Chefredakteur Volker Schütz langte Anfang der Woche unter der Überschrift „Krautreporter auf dem Weg ins Nichts?“ richtig zu und zog knapp ein Jahr nach dem Start eine vernichtende Bilanz: „Selten wurde ein Journalisten-Projekte auch so peinlich vergeigt wie der anspruchsvolle Versuch, Online-Journalismus neu zu erfinden.“ Die Paywall würde daran, so Schütz weiter, nichts ändern, im Gegenteil: „Der nächste Schritt in die Bedeutungslosigkeit ist programmiert.“

Man muss hinzufügen, dass Schütz – wie viele Medienjournalisten – zu den Unterstützern des Projekts gehörte und den Krautreportern im vergangenen Jahr 60 Euro für ein Jahresabo überwiesen hatte. Und dass er dieses Abo nun nicht verlängern wird, teilt er mit vielen, unter anderem auch mit dem Verfasser dieses Artikels. Aber auch wenn man sich im Ergebnis einig ist, muss das nicht für die Gründe gelten.

Über Paid Content und den generellen Wunsch, eine Bezahlschranke vor aufwändig erarbeiteten Inhalten zu etablieren, ist so viel berichtet worden, dass die Argumente hier nicht wiederholt werden sollen. Viele Medienhäuser haben es wegen erwiesener oder angenommener Zwecklosigkeit aufgeben, dieses Ziel zu verfolgen, und die, bei denen es (wenigstens einigermaßen) funktioniert, behalten Paywalls besonderen Exklusivinhalten oder ganz neuen Produkten vor.

Doch das massenhafte Scheitern von Paywall-Strategien bedeutet nicht, dass bezahlter Content eine Wunschvorstellung der Branche bleiben muss. Bei den Krautreportern verhält es sich eher so, dass die Erfolgsaussichten für sie besonders hoch wären. Die Plattform ist ein einzigartiges Projekt, das vor dem Start bereits für ein Jahr durchfinanziert war, obwohl damals noch niemand wusste, wie das journalistische Produkt aussehen würde. Die Abonnenten verhielten sich wie Mäzene, die das Ungewisse nicht scheuten. Viele waren vielleicht einfach neugierig, was das von allen Anzeigenzwängen unabhängige Team redaktionell auf die Beine stellen würde. Eine neue Form von Journalismus, ein Online-Magazin, das sich elementar von den etablierten Angeboten der Verlagshäuser unterscheidet?

Nun sind viele enttäuscht und zumindest aus professioneller Sicht ist es ein Fakt, dass die Krautreporter den hohen Erwartungen nicht gerecht geworden sind. Dass sie ausgerechnet in einer Situation, in der sich die Macher für Versäumnisse des ersten Jahres rechtfertigen müssen, eine Paywall einführen, ist aber nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Eigentlich hätten sie dies viel früher tun müssen: Die Vorteile, die Abonnenten gegenüber nicht zahlenden Lesern hatten, rechtfertigten von Beginn an nicht den Preis von 60 Euro für ein Abo. Das wird sich nun ändern. So gesehen ist die Paywall eine Chance, vielleicht sogar die letzte für die Krautreporter.

Doch die Zukunftsfähigkeit des Crowd-Projekts hängt nicht an der Frage, welches Bezahlmodell die Plattform wählt. Das eigentliche Problem ist, dass die Krautreporter es nicht geschafft haben, Krautreporter zu einer unverwechselbaren Marke zu formen. In allen großen Nachrichtenlagen der vergangenen Monate haben sie keine eigene Stimme gehabt, haben weitergemacht wie immer schon: mit einem Sammelsurium an mehr oder weniger guten und mehr oder weniger (meist weniger) relevanten Artikeln. Es war zu viel Klein-Klein, es gab keine redaktionelle Identität. Es gab nichts, was man vermissen würde, wenn es nicht mehr da ist. Die Krautreporter vermittelten das Bild einer Mitmach-Plattform freier Journalisten. Das war vielleicht genug, um einen Achtungserfolg zu landen; es ist definitiv zu wenig, um ein Medium auf Dauer am Markt zu halten.

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Alle Kommentare

  1. Markenbildung.

    Es mag sein, dass die Krautreporter in den großen Nachrichtenlagen zu wenig präsent waren – aber in allen? Ich erinnere mich bspw. an eine gut gemachte Geschichte zum Abschuss der Malaysian Air – ein Thema, das über Monate immer wieder Thema in den Nachrichten war.

    Und ich erinnere mich an mindestens einen Artikel in einer namhaften Zeitschrift, der – dort auch so gekennzeichnet – auf sie zurückging, bei ihnen „geklaut“ worden war.

    Das mag im mächtigen Rauschen täglicher Nachrichten eines Jahres wenig erscheinen. Aber – liegt das nicht in der Natur des Anspruchs? Tiefgang und Hintergrund produziert man eben nicht im ‚Hecheltakt‘. Schon gar nicht, wenn man nur über personell begrenzte Ressourcen verfügt – der (gedruckte) Spiegel, immerhin ein Wochenmagazin, verfügt gegenüber den ‚Krautis‘ doch über eine wahre Armada an Autoren und Rechercheuren, bietet teils für einzelne Stücke schon eine ganze Mannschaft in Stärke der kompletten Krautreporter auf. Sind da sind die Grenzen der öffentlichen Wahrnehmbarkeit nicht nachgerade naturgegeben?

    Klar ist doch, dass die Krautreporter – wie auch der hier angedeutete beschränkte Kreis von Zahlkundschaft – aus einer Nische heraus entstanden ist. Und nicht vielleicht sogar ganz bewusst für eine Nische? Die Aufforderung an andere Medien, sich so frei zu fühlen bei ihnen zu „klauen“, ist sie nicht dessen sehr bewusster Ausdruck?

    Was meint der Autor denn hier mit „der Markt“? Die täglich dröhnende Buhlmaschine um öffentliche Aufmerksamkeit, hinter der – wie im Falle MEEDIAs – nicht selten genug mächtige Verlage stehen? Das mag ja stimmen…

    Aber: Stimmt denn dieser Maßstab überhaupt? Und: Kommt es auf ihn an? Lässt sich nicht ggf. auch bloß in einer – wenn auch kleinen Nische dieses Marktes überleben? Und war nicht genau das – zumindest für den Anfang – das von den Krauterportern angestrebte? Massenmedium wollten sie nach meiner Erinnerung jedenfalls nie sein.

    Insofern finde ich die Kritik Altrogges, wenngleich in einigen Punkten zutreffend, insgesamt zu ‚holzschnittartig‘, vor allem zu harsch. Oder sollte ich besser ‚aufmerksamkeitsheischend‘ schreiben?

    Ich jedenfalls ziehe, bei allen Fehlern, vor den Krautreportern für das bisher Erreichte den Hut – und wünsche ihnen viel Glück für die Zukunft. Das, da bin ich mir mit Altrogge gewiss einig, werden sie auch dringend brauchen.

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