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“Rach Undercover” bei RTL: der Fernsehkoch und die Bloggerin, die keine war

Christian Rach mit neuem Gesicht und neuer Sendung „undercover“ und Nadia Doukali, die Bloggerin, die eigentlich Kinderbuch-Autorin ist , beim Testessen
Christian Rach mit neuem Gesicht und neuer Sendung "undercover" und Nadia Doukali, die Bloggerin, die eigentlich Kinderbuch-Autorin ist , beim Testessen

Es war wieder da, das gute alte Rach-Feeling bei RTL. In der neuen Reihe “Rach Undercover” rettet Christian Rach in bewährter Manier Restaurants, auch wenn die Wirte gar nicht wissen, dass sie gerettet werden müssen. Dazu verkleidet er sich Mission-Impossible-mäßig und tut sich mit Internet-Kritikern zusammen, die er gleichzeitig entlarvt. Bei so vielen verschiedenen Zutaten besteht selbst für einen wie Rach die Gefahr, dass er sich in seiner TV-Küche verzettelt. Zumal das neue Format so ein bisschen nach Scripted riecht.

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“Der Restauranttester” bei RTL mit Christian Rach war ein TV-Format, das dem Sterne-Koch und unermüdlichen Wirbler Christian Rach auf den Leib geschneidert war. Es war beste Unterhaltung mit Niveau. Man schaute gerne zu, wie Rach der Retter einschwebte und schlecht gehende Ranzbuden in der Provinz innerhalb weniger Tage als freundlicher Kochlöffel schwingender Küchen-Marschall auf Vordermann trimmte.

Unvergessen ist die legendäre Hollo-Bollo-Folge, in der Rach an den fehlenden Kochkünsten des Gastronomen zuerst verzweifelte und dann aus der Not eine Tugend machte, indem er das Zubereiten von Speisen mit fertiger Sauce Hollandaise kurzerhand zum Kult erklärte. Aber das ist die Vergangenheit. Nach vielen Folgen zog es Rach zum ZDF, wo er als Essens-Erklärer eingesetzt wurde. Aber er und das öffentlich-rechtliche Fernsehen fremdelten erkennbar. Die Rach-Shows im ZDF kamen stets mit erhobenem Zeigefinger daher und waren dramaturgisch unausgegoren.

Jetzt ist Rach zurück bei RTL und man hat dort das bewährte Restauranttester-Format für ihn ordentlich durchgeschüttelt. Man kann bei Rach nun als hilfloser Wirt nicht mehr um Hilfe rufen, Rach sucht sich selbst aus, wer in den Genuss seiner Rundum-Beratung kommt. Als Entscheidungshilfe konsultiert der Meister vorher Online-Restaurant-Kritiken. Ganz nebenbei will Rach auch den Online-Hobby-Kritikern auf den Zahn fühlen. Und weil “Undercover”-Formate in Mode sind, bekommt er zwischendurch noch ein falsches Gesicht samt Bärtchen angeklebt.

Das alles sind ein bisschen sehr viel Zutaten für eine einzige Sendung. In der ersten Folge treibt Rach tatsächlich eine Kritikern des Frankfurter Lokals Frohsein auf, die sich vor die Kamera wagt und auch telegen ist. Nicht weiter verwunderlich, denn bei der angeblichen “Bloggerin”, wie sie RTL einführt, handelt es sich um Nadia Doukali, eine Frankfurter Halb-Prominente, die Festivals organisiert, Kinderbücher schreibt und einen eigenen Wikipedia-Eintrag besitzt. Bei Rach wird ein bisschen so getan, als würde Frau Doukali ständig Food-Kritiken im Web verfassen. Zumindest bei Trip Advisor, dem Portal, bei dem sich Rach für diese Sendung umgeschaut hat, hat sie allerdings nur einen einzigen Beitrag geschrieben, nämlich den übers Frankfurter Lokal “Frohsein”. Ihr Beitrag dort stammt vom 12. Juni 2015, kann also auch noch nicht sehr alt gewesen sein, als die Sendung, aufgezeichnet wurde.

Auf Facebook beklagt sich Nadia Doukali nach der Ausstrahlung, dass man die Sendung so geschnitten habe, dass der Haupt-Protagonist am besten ausschaut. Doukali schreibt, dass sie nach der Sendung mit “Hasspostings zugespammt” werde. Grund ist, dass am Ende der Sendung Rach ihr eine kleine Falle stellte, um ihre Qualifikation als Essens-Testerin auf die Probe zu stellen. Rach bestellte im “Frohsein” Wiener Schnitzel, ließ ihr allerdings ein Putenschnitzel und kein Kalbsschnitzel servieren. Als Doukali ungebremste futterte und lobte, offenbarte Rach das “falsche” Wiener Schnitzel und Doukali stand als dumme Pute da, weil sie selbige augenscheinlich nicht von Kalb unterscheiden konnte. Das war natürlich ein bisschen fies, zumal man wirklich kein Food-Papst sein muss, um Kalb von Pute zu unterscheiden.

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Ach herrje! Liebe RTL Zuschauer. Da ich hier zugespamt werde mit Hasspostings möchte ich etwas Licht ins dunkle bringen….

Posted by Nadia Doukali on Montag, 14. September 2015

So wie Rach seine Co-Esserin führte RTL die Zuschauer an der Nase herum. Vor der Werbepause wurde durch Schnitte der Eindruck erweckt, Doukali würde auch an dem vom Rach verbesserten Essen rummotzen. Dabei bezog sie sich in dem gezeigten Ausschnitt, wie sich freilich erst nach der Werbepause herausstellte, auf das Essen bei ihrem ersten Besuch. Das sind so Nickeligkeiten, die einem als Zuschauer das TV-Menü dann doch ein wenig versalzen.

Den ganzen Klimbim mit dem Verkleiden hätte man in der Auftaktfolge schlicht weglassen können. Das ergäbe nur Sinn, wenn dem verkleideten Rach tatsächlich absichtlich eine ganz andere Qualität aufgetischt würde als dem erkennbaren Rach. Nach dem Motto: Wenn der Promi-Koch kommt, legt sich die Küche ins Zeug, normale Gästen wird Schlangenfraß serviert. Die meisten Restaurant-Besatzungen dürften für solch ein Verhalten aber gar nicht durchtrieben genug sein.

Die Idee, auf Internet-Kritiken einzugehen, hat Potenzial. Produktionsfirma und Rach sollten aber aufpassen, dass das authentisch ist. Dass sie in der ersten Folge ausgerechnet eine Lokal-Prominente, die gerade mal eine einzige Internet-Kritik verfasst hatte, zufällig aufgetrieben haben, hatte schon ein Gschmäckle und riecht verdächtig nach Scripted Entertainment. Warum hat man Nadia Doukali zum Beispiel als “Bloggerin” bezeichnet und nicht als Event-Managerin und Kinderbuch-Autorin?

Mal schauen, wie das weitergeht mit “Rach Undercover”. Der große Meister würde vielleicht sagen: Die Zutaten sind zwar aufgewärmt aber qualitativ noch OK, der Koch beherrscht sein Handwerk. Am Konzept muss aber noch dringend gefeilt werden. Und, ganz wichtig: Gäste (hier: Zuschauer) respektieren und nicht mit billigen Schnitt-Tricks an der Nase herumführen. Noch einmal mit den Handflächen nach außen wild gestikulieren. Abspann.

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Alle Kommentare

  1. Ja, mir kam es auch so vor, als wenn der Gast als Lügner dagestellt wird.
    Aber Gäste lügen nicht. Na gut vielleicht sind Sie mit ihrer Wortwahl etwas zu imutional, aber man hat nicht das gehalten, was versprochen wurde!
    Sorry liebe Gastronomen, aber schnelles Geld ist damit nicht verdient.
    Nehmt es ernst und ändert es, wenn ihr wirklich Geld verdienen wollt!
    Ja ,der Gast will das volle Programm ,damit er euch weiterempfehlt und das ist auch richtig so.

  2. Zur Sendung Rach am 08.11.2015
    Hans sagt:
    Es ist schon seltsam, daß ein Starkoch sich mehrfach über Bratkartoffel die unter einem panierten Schnitzel liegen mokiert aber nicht erkennt, daß Soße auf einem panierten Schnitzel nichts verloren hat.
    Dadurch wird die ganze Pampe nur verstärkt.

  3. Auch wenn ich kein Gourmet bin, weiß ich trotzdem, wie lange ich auf mein Essen warten muss, ob meine Bratkartoffeln angebrannt sind und ob mein Fleisch zäh ist. Und dafür muss ich kein Filet von einem Roastbeef unterscheiden können. Und auch keine Fischsorten benennen müssen. Es soll für mich als Konsument einfach schmecken und das Umfeld inclusive Bedienung muss stimmen.

    Ich sehe es genauso wie Steffen, dass hier der Kunde vorgeführt wird und der schlechteste Servive und der miserabelste Koch in Schutz genommen wird.

    Ich schalte einfach nicht mehr ein. Schade, damals war ich ein eingeschworener Rach Fan.

  4. Ich stimme den meisten hier geschriebenen Statements absolut zu!

    Der erhobene Zeigefinger hat mich schon sehr gestört. Mein Eindruck war, dass hier Privatpersonen im Fernsehen vorgeführt werden. Die „Falle“ für den Online-Kritiker ist offenbar fest im Konzept verankert. Das war in der heutigen Folge genauso. Es wurde sehr viel gestänkert. Vom Kritiker, vor allem aber von Rach über den Kritiker. Das gehört sich so nicht.

  5. Ihre Analyse hat mir sehr gut gefallen, Herr Winterbauer. Ein aktuellerer Facebook-Eintrag bei Nadia Doukali bestätigt das (auch von mir) vermutete und befürchtete stark gescriptete Konzept. Ich fand, dass sich Christian Rach schon gefährlich nahe am Rand seiner Glaubwürdigkeit bewegte.
    Den Essens-Test mit der Pseudo-Bloggerin fand ich überflüssig. Erlauben Sie mir dazu noch eine „Spitzfindigkeit“, Herr Winterbauer: Herr Rach ließ Frau Doukali kein Puten-, sondern ein Hähnchenschnitzel servieren….

  6. „Ihr Beitrag dort stammt vom 12. Juni 2015, kann also auch noch nicht sehr alt gewesen sein, als die Sendung, aufgezeichnet wurde.“

    – Oder wurde die Sendung erst aufgezeichnet, und dann hat man noch schnell eine Negativ-Rezension verfasst? Ich hab mich schon gewundert, wie Rach es schafft, eine Tripadvisor-Rezensentin ausfindig zu machen. Klar ist das alles möglich, wenn man recherchiert – aber „gute Planung“ macht oft weniger Arbeit als echte Recherche 😉

  7. Danke für diesen guten Kommentar und besonders die Hintergrundrecherche zur vermeintlichen „Bloggerin“, dies taucht bislang in keiner TV-Kritik zu dieser Sendung auf. Ob die Sendung zumindest teilweise „scripted“ ist habe ich mich auch beim Anschauen gefragt.

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