Im Abzählreim raus aus der Grauzone: Brigitte Wir will „vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran“

Die neue Brigitte Wir und das Team hinter dem Heft
Die neue Brigitte Wir und das Team hinter dem Heft

Im Frühsommer überraschte die Brigitte mit der Ankündigung, ein neues Magazin für Frauen ab 60 ("für die dritte Lebenshälfte") an den Kiosk bringen zu wollen. Damals firmierte das Projekt noch unter dem Arbeitstitel Paris. Ab morgen ist das Heft im Handel und hört nun auf den Namen Brigitte Wir. Zielsetzung dabei: "Wir wollen diese Generation aus der Unsichtbarkeit hervorholen – offen, unverblümt und humorvoll", erklärt Heftentwicklerin Karin Weber-Duve.

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Die ehemalige Brigitte Woman-Macherin kam für das Projekt extra aus ihrem Ruhestand zurück. Sie meint, dass Brigitte Wir den Hut vor Frauen ab 60 ziehen würde und „ihnen ab jetzt mit einem neuen Magazin zur Seite“ stünde.

Tatsächlich gehört die Redaktionsstruktur zu den Besonderheiten des auf zweimonatliche Erscheinungsweise angelegten Print-Neulings. So besteht das Entwicklungsteam aus der Brigitte-Chefin Brigitte Huber, die als Herausgeberin fungiert, Tatjana Blobel, Claudia Kirsch und Karin Weber-Duve. Die Bildredaktion verantwortet Orsolya Groenewold und um die Art-Direktion kümmert sich Susanne Söffker. Bis auf die Herausgeberin soll es keine weiteren Hierarchiestrukturen geben und alles aus dem Team heraus entstehen und entschieden werden. Die ersten Produktionen werden zeigen, ob die Idee der Macherinnen aufgeht oder nicht doch am Ende des Tages eine Entscheidungsinstanz her muss.

Die Ressorts sind aufgeteilt in „Vorwärts“, „Rückwärts“, „Seitwärts“, „Ran“

Im ersten Editorial umreißen die Macherinnen schon einmal ihre Grundüberlegungen: „Wir Frauen über 55 fühlen uns jünger, und wir sind gesünder, fitter, unternehmungslustiger als jede Generation vor uns“. Zudem ist von „Durchwurschteln“ und „Improvisieren“ die Rede.

Wer daraufhin ein sympathisch, chaotisches Heft erwartet, liegt falsch. Brigitte Wir ist ein Konzept-Magazin. Es folgt klaren Regeln und ist ein Kind rationaler Überlegungen.

Was genau die Idee hinter der Rubrizierung war, muss sich allerdings erst noch zeigen. Die Ressorts sind aufgeteilt in „Vorwärts“, „Rückwärts“, „Seitwärts“, „Ran“. Das ist eine Anspielung auf das alte Kinderspiel„Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm und vorwärts-rückwärts-seitwärts-ran!“. Das ist mal was Neues, allerdings will sich die Sinnhaftigkeit dahinter nicht so richtig erschließen.

Bei der Gestaltung setzen die Hamburger auf ein ruhiges und übersichtliches Layout und verzichten bewusst auf kleinteilige Gestaltungselemente. Das Konzept sieht vor, in jeder Ausgabe auf eine große, monothematische Bildstrecke zu setzen. Beim Erstling sind das Frauen-Porträts, die zeigen sollen, „wie schön gelebtes Leben aussehen kann“. Weitere große Stücke stellen die „lebenslustigen Frauen von Guantanamo“ vor und räumen einem Gespräch mit der Sängerin Joni Mitchell viel Raum ein.

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Ganz charmant ist, mit welchem kindlichen Groupietum das Heft einen Besuch bei Sänger Abi Ofarim angeht. Jüngere würden den Superstar der 70er-Jahre wahrscheinlich nicht einmal erkennen. Bei Brigitte Wir wird auf der ersten Doppelseite des Portraits nicht einmal der Name des Mannes genannt, um den es geht. So bekannt scheint er in der Zielgruppe noch immer zu sein.

Das stärkste Stück in der gesamten Ausgabe ist eine intime Fotostrecke der schwedischen Fotografin Anna Claren, die drei Jahre lang ihre Familie (Mutter, Oma, Kinder, Mann) fotografiert hat. So ist ein dichtes Stück über die „unsichtbare Nabelschnur“ entstanden.

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Aber auch die Brigitte Wir meint, nicht ohne Mode und Service auskommen zu können (oder zu wollen). So lehnt sich die lange Fashionstrecke an den Kinoklassiker „Harold and Maude“ an. Zudem gibt es Kosmetik-Tipps und Gesundheits-Stücke über Kräuter und den Sinn und Unsinn von Medikamenten. In einem Special informiert die Redaktion über „Wohnen im Alter“. Dazu gibt es sogar Extra-Beilage zum herausnehmen und sammeln. Auch wenn diese Stücke liebevoll produziert und konzipiert sind, wirken sie doch noch zuweilen nah am Gesundheits-Magazin einer Krankenkasse.

Das Cover ist leider kein wirklich großer Wurf. Es sieht aus wie die frisch überarbeitete Titelseite von Geo, nur dass das Foto ausgetauscht und die Hintergrundfarbe geändert wurde. Auch das Bild ist nichtssagend. Wer ist die Frau und warum steht bei ihr das Zitat „Früher dachten wir, nur alte Menschen werden älter“?

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Überhaupt wird das Thema Alter ständig thematisiert. Dabei soll die neue Brigitte Wir – laut Editorial „mit ihrer Themenvielfalt unseren Alltag“ widerspiegeln: „Wir sind eine spannende Generation, lebensklug, neugierig, offen“. Immerhin gehe es um eine „Altersgruppe, die ständig wächst und doch gesellschaftlich an den Rand gedrängt wird“. Nach Einschätzung der Macherinnen „ein unzeitgemäßes Paradox“. Deshalb will Brigitte Wir dazu beitragen, „uns Frauen über 55 aus dieser Unsichtbarkeit hervorzuholen. Indem sie Tabus knackt und sich nicht vor Intimitäten scheut.“

„Wir begründen ein neues Segment im Markt der Frauenzeitschriften“

Nicht nur für die Macherin ist das Magazin Neuland. Auch der Verlag wagt sich mit dem Projekt in unbekannte Gefilde. „Wir begründen ein neues Segment im Markt der Frauenzeitschriften, genauso wie wir es vor gut zehn Jahren schon mit Brigitte Woman sehr erfolgreich vorgemacht haben“, erklärt Verlagsgeschäftsführer Frank Stahmer. „Es ist längst überfällig, dass diese tolle Zielgruppe der älteren Frauen medial und werblich nicht mehr vernachlässigt wird.“

Die erste Überschrift im neuen Magazin heißt „Raus aus der Grauzone“. Tatsächlich ist dieses Motto Versprechen und Auftrag zugleich. Brigitte Wir gibt sich reichlich Mühe, trotz aller gedeckter Farben und dem matten Papier irgendwie bunt zu sein. Das klappt stellenweise. Seine besten Momente hat der Neuling aber immer dann, wenn es ihm gelingt, einfach nur eine fröhliche und sympathische Wärme auszustrahlen.

Brigitte Wir ist ab  16. September im Handel. Der Preis beträgt 4,50 Euro, die Druckauflage liegt bei 150.000 Exemplaren. Die zweite Ausgabe ist für Mitte November geplant.

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Alle Kommentare

  1. Seit meiner Studentenzeit bin ich regelmäßige Brigitte-Leserin, teilweise im Abo, teilweise über den Zeitschriftenhandel. Sehr gefreut habe ich mich im fortgeschrittenen Alter über die Brigitte Woman, die viele Interessen meiner Altersgruppe abdeckt und trotzdem flott rüberkommt. Nun noch ein Format für das neue Lebensalter. Zunächst habe ich es gar nicht gewagt, sie zu kaufen, um nicht zuzugeben, dass die angesprochene Altersgruppe die richtige ist. Schließlich doch! Nun halte ich schon die 2. Ausgabe in Händen – und ich freue mich über jeden einzelnen Artikel. Gut gemacht! Weiter so!
    Danke!

  2. Gratulation, ihr traut euch was und das finde ich großartig! Vor ca 5 Jahren habe ich einem Verlag vorgeschlagen genau diese Altersgruppe abzudecken, leider bin ich nur auf taube Ohren gestoßen. Ich bin 55 Jahre und werde eine der treuen Leserinnen werden, macht weiter so!

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