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Boulevardjournalismus pervers: Österreichische Kronen Zeitung druckt Leichenfoto aus Flüchtlings-Lkw

Mit dem Abdruck eines Fotos, das auf engstem Raum zusammengepferchte Leichen in einem bei Wien entdeckten Lastwagen zeigt, hat die österreichische Kronen Zeitung eine Welle der Empörung ausgelöst. Die Chefredaktion hatte das unverpixelte Bild auf Seite 3 des Boulevardblatts gezeigt und dies mit der besonderen Bedeutung des Themas gerechtfertigt. Die Veröffentlichung wird nun ein Fall für den Presserat.

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Wie der Standard berichtet, seien bis zum frühen Nachmittag bereits 17 Beschwerden gegen die Zeitung eingegangen, an der die Essener Funke-Gruppe (ehemals WAZ) 50 Prozent der Anteile hält. Andreas Koller vom Presserat wird vom Standard dazu zitiert: „Ich halte diese Fotos für unentschuldbar. Faktum ist, dass Tote auch dann, wenn es sich um Flüchtlinge handelt, Anspruch auf Achtung ihrer Würde haben. Daher ist es inakzeptabel, sie nach ihrem grausamen Tod aus purer Lust an der Sensation im Zeitungsboulevard zur Schau zu stellen.“ Schon am kommenden Dienstag werde sich das Kontrollgremium mit dem Fall beschäftigen. Bereits 2014 war die „Krone“ insgesamt 16 Mal gerügt worden.

Wie die Kronen Zeitung am Freitag mitteilte, solle das Foto „die Dramatik des Todeskampfes von Männern und Frauen im Laderaum ohne Sauerstoff“ deutlich machen. Auf Nachfrage des Standards erklärte Richard Schmitt, Berater von Krone-Herausgeber Christoph Dichand und Digital-Chefredakteur: „Das Foto zu bringen war eine gemeinsame Entscheidung der Chefredaktion. Die Gesichter der Todesopfer sind nicht zu sehen, die Identität somit geschützt. Bei einer Tragödie dieses Ausmaßes muss eine entsprechende Bebilderung möglich sein.“

Nicht nur bei Facebook und in anderen sozialen Netzwerken herrscht seither ein Shitstorm gegen die Zeitung, die in Österreich mehr als eine Million Leser hat. Auch die Polizei ermittelt, da das Foto nur in dem Moment geschossen worden sein kann, als Polizisten erstmals den Laderaum des Transporters öffneten. Presserats-Vertreter Koller sprach in diesem Zusammenhang von einer „Komplizenschaft“ zwischen den Sicherheitsbehörden und der Kronen Zeitung. Die offenkundige Allianz zwischen der größten österreichischen Tageszeitung sowie Polizeibehörden und Innenministerium wird seit Jahren heftig diskutiert. So werfen Kritiker den Ämtern vor, die „Krone“ immer wieder mit exklusiven Informationen zu versorgen, um im Gegenzug publizistische Unterstützung und Lobbyismus für Polizeithemen zu erhalten.

Von Funke liegt auf MEEDIA-Anfrage bislang noch keine Stellungnahme vor.

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