Anzeige

Virginia Shooting im Autoplaymodus: Facebook und der virale Kontrollverlust

Der 41-jährige Schütze filmte seine Tat und stellte den Clip dann online
Der 41-jährige Schütze filmte seine Tat und stellte den Clip dann online

Es bedarf meistens einer Katastrophe, damit über den Sinn und Unsinn von so manch einer vermeintlichen Errungenschaft der neuen sozialen Medien diskutiert wird. Nach dem Virginia Shooting, bei dem zwei Journalisten live on Tape von einem Ex-Kollegen erschossen wurden, debattiert das Web jetzt über die Autoplayfunktion. Die automatisch startenden Videos zwingen nämlich potentiell jedem Facebook-Nutzer, ob er will oder nicht, die Bilder der schrecklichen Tat auf.

Anzeige
Anzeige

Am Mittwochmorgen (Ortszeit) hatte ein früherer Kollege die TV-Journalistin Alison Parker und ihren Kameramann, Adam Ward, während eines Live-Interviews erschossen und die Tat gefilmt. Die Reporterin des Senders WDBJ7 interviewte gerade in einem Shopping-Center eine Frau, als plötzlich Schüsse fielen. In dem Video sind etwa ein Dutzend Schüsse und Schreie zu hören.

Nach einer groß angelegten Verfolgungsjagd konnte der 41-jährige Täter gefasst werden. Er war vor einiger Zeit von WDBJ gefeuert worden. Beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, verletzte sich der Mann erst schwer, starb aber später in einem Krankenhaus.

Der Schütze hatte die Erschießung der beiden Journalisten um 06.45 Uhr (Ortszeit) gefilmt und anschließend das Material auf Facebook und Twitter verbreitet. „Ich habe die Schüsse gefilmt, siehe Facebook“, war in seinem Account zu lesen. Das Video dauert insgesamt eine Minute. Recht schnell entfernten die Netzwerke das Material.

Trotzdem verbreitet sich das Video wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke. Wie Mashable nachzählte, wurde ein Tweet des Schützen über 800 Mal geretweetet. Sein Facebook-Posting erreichte vor der Löschung bereits 380 Shares.

Viele – vor allem US-Medien – bauten die beiden Social-Media-Original-Quellen in ihre Berichte ein und sorgten so noch für eine weitere virale Verbreitung des Materials.

Mit seinem Vorgehen gelang es dem 41-Jährigen, Facebook und Twitter geschickt als Verstärker und Megafon zu gebrachen. Die viralen Effekte der sozialen Netzwerke erhöhten die Aufmerksamkeit auf seine Tat um ein Vielfaches. Damit nutzte der Schütze die selben Techniken, der sich sonst die Terroristen von ISIS oder die Werbewirtschaft bedienen.

Massiv verstärkt wurde die Viralität noch durch die Autoplay-Funktion, also dem Konzept von Facebook, das hochgeladene Videos automatisch starten lässt. Entwickelt wurde das System, um die Sichtbarkeit von Werbeclips innerhalb des US-Netzwerkes zu erhöhen. Jetzt steigerte es die Sichtbarkeit eines grausamen Mordes – ohne, dass die Zuschauer eine Wahl hatten, zu entscheiden, ob sie das Video überhaupt sehen wollten.
Unzählige Nutzer und Zuschauer beschwerten sich daraufhin, dass sie gezwungen werden einen Doppelmord zu sehen oder auch nur zu hören, den sie weder sehen noch hören wollten.

Nicht nur in den USA ärgerten sich viele über die Autoplay-Funktion. So beschwerte sich die taz-Kolumnistin Silke Burmester bei Kress, dass das gezwungene Anschauen des Videos bedeutet würde, „einen Teil meiner Würde zu verlieren, weil es eine Seite in mir hervorbringen würde, die es in einer zivilisierten Gesellschaft zu zähmen gilt“.

Immerhin scheinen die Löschmechanismen des Webs einigermaßen zu funktionieren. Wie Mashable berichtet, waren wenige Stunden nach der Tat die meisten Clips und Video-Schnipsel von der Erschießung wieder aus von Facebook und Twitter gelöscht.

Tatsächlich stellt sich nach der Tat und ihrer viralen Folgen in den sozialen Netzwerken die Frage, ob Facebook, Twitter & Co. nicht sogar eine moralische Verpflichtung hätten, in solchen Fällen das automatische Starten von Videos zu unterbinden – wenn das technisch überhaupt möglich ist.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Es gibt ein ganz wirksames Mittel, sich gegen soetwas zu schützen: sich einfach bei Facebook abzumelden. Aber leider haben die Leute dann Angst, keine Plattform mehr für ihre elend langweiligen Privatfotos und Kommentare zu finden. Also bitte nicht beschweren, liebe FB-Nutzer.

  2. Zoomin.TV hat dieses Video auch aufgregriffen, ich sah es zufällig und wurde auch gezwungen dieses schlimme Verbrechen anzuschauen. Die Schüsse, die Schreie, schlimm, ich bin zutiefst geschockt … und Zoomin.TV verdient eine Abmahnung!

    1. Mal besser nachdenken: Meinen Sie, ich rechne auf Facebook und Co damit, Videos angezeigt zu bekommen auf denen Menschen sterben?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*