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TV-Karriere in Ägypten: Wie n-tv-Moderator Constantin Schreiber bei Al Jazeera durchstartet

Constantin Schreiber arbeitet hierzulande für RTL und n-tv, macht aber auch Programme in der arabischen Welt
Constantin Schreiber arbeitet hierzulande für RTL und n-tv, macht aber auch Programme in der arabischen Welt Foto: Amanda Mustard

Constantin Schreiber dürfte hierzulande nur Stammzuschauern des Spartensenders n-tv ein Begriff sein. Seit 2012 präsentieren der 36-Jährige dort die Nachrichten. In der gleichen Zeit erlangte er in einem anderen Teil der Welt eine ungleich höhere Popularität: In Ägypten wirbt der Privatsender OnTV sogar mit dem Gesicht des Journalisten. Nun ist auch der einflussreiche Sender Al Jazeera ist auf ihn aufmerksam geworden. Ein Porträt.

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Constantin Schreiber durchforstet in der Universitätsbibliothek Passau gerade Bücher-Türme, als an jenem Dienstagnachmittag deutscher Zeit die gesamte Weltordnung über den Haufen geworfen wird. Zwei entführte Passagierflugzeuge steuern am 11. September 2001 geradewegs in die beiden Türme des World Trade Centers. Die Welt steht unter Schock. Schreiber bekam von alledem nichts mit, sagt er heute. „Ich hatte die Vorstellung, dass ein kleines Passagierflugzeug in der Innenstadt abgestürzt wäre“, erklärt er im Nachhinein. Er hatte ja keine Ahnung, dass dieser Tag des Terrors auch sein Leben prägen würde.

Umstrittene Sender: OnTV versus Al Jazeera

Wenn Schreiber darüber nachdenkt, wo er heute stehe, wenn er allein auf sein Jurastudium gesetzt hätte, muss er ungläubig lachen. Nach der Universität arbeitete er für eine deutsche Landesbank im Controlling in London. Die Vorstellung, heute noch immer Tag für Tag Zahlen durch Excel-Tabellen zu jagen, sei einfach „schrecklich“. Heute pendelt er zwischen dem Nachrichtenstudio des Kölner Senders n-tv, seiner Heimatstadt Berlin und Ägypten. Dort ist „Berlins heißester TV-Export“, wie ihn mal die BZ beschrieb, so etwas wie hierzulande „Galileo“-Moderator Aiman Abdallah. Schreiber, der die arabische Sprache in Wort und Schrift beherrscht, erklärt den Ägyptern in seiner Sendung „SciTech“ die Wissenschaft. In der arabischen Welt ist der 36-Jährige mit seinem außergewöhnlichen nordischen Erscheinungsbild ein Exot.

In Nordafrika ist er so auffällig, dass ihn auch andere Sender vor der Kamera sehen wollen. Erst an diesem Wochenende hat Schreiber einen Vertrag mit dem arabischen Sender Al Jazeera geschlossen, für den das „SciTech“-Format weiterentwickelt worden ist. Beim mächtigen Broadcaster aus Katar wird Schreiber ein weiteres Magazin-Format präsentieren, das nur den Untertitel von „SciTech“ trägt:“ „Alamuna Ghaddan“, zu deutsch: „Unsere Welt morgen“. Das Magazin wird sich vor allem mit der Start-up-Kultur im arabischen Raum beschäftigten, es soll aber auch um allgemeine Wirtschaftsthemen gehen. Im gleichen Zug baut OnTV auch das bestehende „SciTech“ um, zukünftig soll Schreiber auch Talk-Gäste empfangen.

Constantin_Schreiber_aljazeera

Der Moderator dürfte bei Al Jazeera nicht nur millionenfach mehr Menschen erreichen, der Sender steht auch im krassen Gegensatz zu OnTV. „Dass diese Weiterentwicklung des Formats beim neuen Sender so einfach durchzusetzen war“, sagt Schreiber, „hat mich selbst überrascht.“ In ägyptischen Regierungskreisen wird der arabische Sender verhasst. Regime-Chef Al-Sisi wirft dem Sender aus Katar vor, mit der als terroristischen Vereinigung erklärten Muslimbrüderschaft zu sympathisieren. Schreibers anderer Auftraggeber OnTV positionierte sich gegen die Brüderschaft und gilt als eher dem Regime zugeneigten Sender.

„Die Leute haben mich gefragt, ob ich Autos verkaufen wolle“
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Zu der Sendung im Privat-TV kam Schreiber sicher, weil er die Sprache beherrscht. Geholfen haben dürfte ihm aber auch, dass er im Auswärtigen Amt in Berlin ein bekanntes Gesicht ist. Nach drei Jahren als Korrespondent der Deutschen Welle in Dubai wechselte er als Medienberater dorthin. Auch im Außenministerium schätzte man Schreibers Beziehungen nach Nordafrika. Mit seinem Antritt bei „SciTech“ beteiligte sich das Haus an den Produktionskosten. Mittlerweile geht die Sendung mit rund 22 Folgen pro Jahr in die vierte Staffel und erreicht nach Senderangaben bis zu vier Millionen Zuschauer.

Schreibers Beziehung zur arabischen Welt und der Kontakt mit der Sprache entstand schon in Jugendjahren. Seine Familie habe berufliche und letztlich auch freundschaftliche Kontakte nach Syrien gepflegt, erzählt er. Mit Details zu diesem Hintergrund hält er sich zurück. Er sei damals „oft“ und „lange Zeit“ in Syrien gewesen. Während des Jura-Studiums haben Kommilitonen im Rahmen eines Sprachförderprogramms auf die chinesische Sprache gesetzt, Schreiber aber wollte bis dahin Gelerntes perfektionieren. Damals für kaum jemanden nachvollziehbar.

Seine Entscheidung gegen den Asia-Trend war die Wette aufs richtige Pferd. Nachdem Schreiber nach dem Studium zuerst als Controller bei einer Bank in London landete, kam nach der Jahrtausendwende ein Bekannter vom Nachrichtensender N24 auf ihn zu. Als nach dem 11. September Präsident Bush der Welt den Irak-Krieg brachte, brauchte die Redaktion jemand mit arabischer Sprachkenntnis, der Quellen einordnen und übersetzen konnte. Schreiber tauschte Rechen- gegen das Nachrichtenprogramm von Al Jazeera und Co. „Aber auch den ganzen Tag Fernsehen schauen hat irgendwann für eine innere Unzufriedenheit gesorgt.“ Er nutze die Einblicke ins Nachrichtengeschäft um zu beobachten, lauschte bei Recherchetelefonaten und verfolge aufmerksam, wie Beiträge entstanden – bis er selbst welche produzieren durfte. Der Einstieg war gemacht. „Damals haben die Leute mich gefragt, ob ich mit der arabischen Sprache später Autos verkaufen wolle.“ Er lacht wieder. Heute verkauft Schreiber dank seiner Entscheidung nicht nur sich selbst, sondern auch hoch politische Bücher.

„Es wird bestimmt einige geben, denen nicht gefällt, was ich mache“

Das macht Schreiber im arabischen Raum gewissermaßen auch zu einem politischen Akteur. Im April dieses Jahres veröffentlichte er gemeinsam mit dem Ullstein-Verlag das Buch „1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke“, in dem er die längst aus dem Internet
gelöschten Beiträge des Saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi rekonstruiert hat. Badawi wurde vergangenes Jahr zu zehnjähriger Haft und 1000
1000 PeitschenhiebePeitschenhieben verurteilt, weil er seine Meinung frei geäußert hatte.
Das Buch soll dem Thema Aufmerksamkeit verschaffen, Badawi befreien wird es aber wohl nicht, glaubt Schreiber. „Was aber seit dem passiert ist; nach den ersten 50 Hieben im Januar wurden alle weiteren bisher ausgesetzt.“ Das macht ein wenig Hoffnung, vor allem für Badawis Frau, die mit ihren Kindern nach Kanada geflüchtet ist. In Deutschland planen Schreiber und sein Verlag gerade einen Preis im Namen Badawis, für den die Organisatoren eine hochkarätige Jurybesetzung finden konnten. So werden u.a. Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms, Bild.de-Chef Julian Reichelt, Twitter-Deutschland-Chef Rowan Barnett, Jochen Wegner und Philipp Jessen, Chefs von Zeit Online und Stern.de, eine Persönlichkeit aus dem arabischen Raum auszeichnen, die sich für die Meinungsfreiheit einsetzt. Nominierte zu finden, ist dabei gar nicht so einfach. „Nicht, weil es zu wenige gibt, sondern weil viele Angst vor Konsequenzen haben“, erklärt Schreiber.

Um Badawi und weitere zu schützen, sieht Schreiber nur die Macht der Öffentlichkeit. Das Buch wurde mittlerweile in mehr als zwölf Sprachen übersetzt. Demnächst soll es sogar in arabischer Sprache erscheinen. Ob dies in der Bevölkerung etwas ändert, bleibt abzuwarten. „in den Ländern herrscht einfach eine ganz andere Kultur, die Meinungsfreiheit hat keinen Stellenwert wie bei uns.“ Deshalb, befürchtet Schreiber, könnten sich nur wenige mit Badawi solidarisieren. Außerhalb von Saudi Arabien sei dieses Thema in Nordafrika auch völlig unterrepräsentiert. Das ist wiederum der Grund, weshalb Schreiber keine Angst um die Wahrnehmung seiner Person in Ägypten hat, wo Menschenrechte wie die Meinungsfreiheit genauso wenig wert sind, wie der Fall Mansur vor wenigen Wochen zeigte. „Es wird bestimmt einige geben, denen nicht gefällt, was ich mache. Bei meinen Geschäftspartnern ist die Professionalität aber da.“

Unterstützung erwartet er nicht. Sein eigener Sender wird sich wohl hüten, das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. „Das wäre ein Kampf gegen Windmühlen.“ Um sich selbst zum Politikum in Ägypten zu machen, dürften Schreiber seine Auftraggeber auch persönlich zu wichtig sein. Dafür haben sie ihm zu viel ermöglicht. Bei OnTV ist Schreiber schon so etwas wie ein Aushängeschild, der Sender wirbt sogar mit ihm.“SciTech“wohl auch nur deshalb so erfolgreich, weil er als außergewöhnlicher Moderator vor der Kamera steht. An diesem und auch seinem neuen Format hat er vor allem Spaß, weil er in den Magazin-Sendungen eine ganz andere Präsenz genießt als bei den Nachrichten von n-tv. In Ägypten hat er Möglichkeiten, auf die er hier noch wartet. „Der Wille und die Bereitschaft sind da.“

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