Anzeige

Wie das Hamburger Abendblatt über Welt-Chef Jan-Eric Peters lästerte

Streicheleinheiten, Lästereien, Stichworte, Wahrnehmungsstörungen
Streicheleinheiten, Lästereien, Stichworte, Wahrnehmungsstörungen

Angela Merkel versucht unbeholfen ein weinendes Mädchen zu trösten und das Internet flippt aus. Das Hamburger Abendblatt lästert über Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters. Beim BDZW pfeifen sie ganz laut im Walde. Und am Sonntag schaltet LeFloid bestimmt das Erste ein, um zu lernen, wie Journalisten Kanzlerinnen-Interviews machen. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

Anzeige
Anzeige

Politik sei manchmal auch hart, sagte die Eiserne Kanzlerin zum Flüchtlingsmädchen beim Bürger-Dialog “Gut Leben in Deutschland”. Und als das perfekt integrierte Mädchen dann anfing zu weinen, mutmaßlich weil ihr die Kanzlerin in sachlich-nüchternem Tonfall gerade mitgeteilt hat, dass “manche zurückgehen müssen” und das einzige, was sie tun kann ist, ihr Verfahren beschleunigt einer “Entscheidung zuzuführen”, da war die Kanzlerin kurz irritiert. “Ach Gott ..” Merkel ging zu dem Mädchen hin und berührte es unbeholfen, vorsichtig an der Schulter. Ihr Trostversuch war sachlich. Die Szene machte im Netz und in den Medien schnell die Runde. Die erste Lesart, dass das Verhalten von Merkel “widerlich” oder “ekelhaft” sei, ist natürlich ziemlicher Blödsinn. Der tapsige Trostversuch mag zwar nicht trostspendend gewesen sein, er war in seiner ganzen ungeübten Unzulänglichlichkeit aber zutiefst menschlich und gar nicht “widerwärtig”. Verstörend finde ich viel eher, dass es der Kanzlerin offenbar nicht gelingt, zwischen der abstrakten, statistischen Ebene und dem Einzelschicksal zu unterscheiden. Was Merkel vor dem weinenden Kind referierte mag alles mehr oder weniger faktisch richtig sein. In der Situation war es trotzdem unpassend. Die Kanzlerin hat sogar erkannt, dass man den vor einem weinenden Einzelfalls wohl irgendwie anders behandeln muss als mit dem Referat einer eine Excel-Tabelle – sie weiß aber nicht recht wie. In der Szene wird der Politik-Stil Merkels wie unter einem Brennglas sichtbar. Ihre Gegner finden das kaltherzig und gnadenlos. Ihre Fans finden das ehrlich und analytisch. Es war jedenfalls einer jener kurzen wahrhaftigen Momente im von Phrasen durchsetzten Politik-Betrieb. Wie immer finden solche Momente herausragende Beachtung.

Erinnert sich noch einer? Das Hamburger Abendblatt hat mal zu Axel Springer gehört. Am Montag beschäftigte sich eine Glosse im Abendblatt mit der Falschmeldung vom Tod Helmut Kohls, die die Welt vergangene Woche verbockt hat. In der Glosse bekommt Welt-Chef Jan-Eric Peters ordentlich sein Fett weg für ein Interview das er zuvor ihrem freundlichen Mediendienst gegeben hat und das nach Ansicht des Abendblatt-Glossisten “vor Schlagworten aus dem Online und Mediensprech nur so troff”. Das Schlagwort “epic fail” wurde in dem Gespräch angesichts der Kohl-Falschmeldung vermisst. Das mag damit zusammenhängen, dass das Peters-Interview am 7. Juli veröffentlicht wurde, die Kohl-Falschmeldung aber erst am 10. Juli die Runde machte. Wäre eine solche Glosse auch erschienen, hätte das Abendblatt noch zu Springer gehört?

IMG_0470

Anzeige

A propos Mediensprech: Diese Woche war auch BDZV-Jahrespressekonferenz. Eine alljährliche Mutmach-Veranstaltung von Münchhausen’schen Dimensionen. BDZV-Geschäftsführer Dietmar Wolff hatte wie üblich ein veritables Reality Distortion Field erzeugt: Google ist böse, der Mindestlohn gefährdet die Demokratie (weil Zeitungsverlage Zusteller keine Mini-Löhnemehr zahlen dürfen), Zeitungsverlage wachsen im Netz und E-Paper ist der pure Sex, Paid Content läuft Bombe und Qualität ist nur da drin, wo Regionalzeitung draufsteht. Die Welt der Regionalzeitungsverlage wäre vermutlich in Ordnung, wenn die EU Google verbietet, die Bundesregierung Zwangsabos für alle Bürger beschließt und Zusteller sich mit einem Stundenlohn von 4,50 Euro bescheiden. Dann wären Demokratie und Abendland gerettet. Nach Lesart des BDZV.

Und noch einmal Merkel: Am Anfang der Woche wurde das Interview veröffentlicht, das der YouTuber LeFloid mit der Kanzlerin geführt hat. LeFloid hat dafür viel Kritik einstecken müssen, vor allem von etablierten Medien. Herrschende Meinung war, LeFloid habe sich von der rhetorisch beschlagenen Kanzlerin als Stichwortgeber vorführen lassen. Da war Merkel in der öffentlichen Meinung noch der mit allen Wassern gewaschene Polit-Profi. Ein paar Tage später dann die Frau mit der kalten Streichelhand. Dabei war sie beidesmal typisch Merkel. Am Sonntag können wir um 18.30 Uhr übrigens in der ARD anschauen, wie die journalistischen Vollprofis Rainald Becker und Tina Hassel die Kanzlerin dann mal so richtig kritisch-journalistisch befragen, beim Sommerinterview. Hoffen wir für die Kanzlerin, dass nicht einer der beiden anfängt zu weinen …

Schönes Wochenende!

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*