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Dieter Nuhr in der FAZ: “Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts”

Dieter Nuhr in der FAZ: im „digitalen Vernichtungskampf“
Dieter Nuhr in der FAZ: im "digitalen Vernichtungskampf"

Der Kabarettist Dieter Nuhr hat in der FAZ in einem langen Essay ein Plädoyer gegen die von ihm diagnostizierte Shitstorm-Kultur im Internet veröffentlicht. Nuhr war selbst mehrfach Ziel von Shitstorms. In der FAZ schreibt er.: “Die Orte, an denen die Scheiterhaufen lodern, heißen Facebook und Twitter.”

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Dieter Nuhr wurde mindestens zweimal zur Zielscheibe von Shitstorms im Netz. Einmal wegen einiger Islam-Witze in seinem Kabarett-Programm (Beispiel: „Im Islam ist die Frau zwar frei, aber in erster Linie davon, alles entscheiden zu müssen.“). Nuhr wurde daraufhin angezeigt, als “Hassprediger” bezeichnet und im Internet beschimpft.

Aktuell hat sich Nuhr in Sachen Griechenland bei Facebook und Twitter zu Wort gemeldet und die Diskussion um das Referendum in Griechenland mit den Worten kommentiert: „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“

Der neuerliche Shitstorm folgte auf dem Fuße. Nuhr ließ nach eigenen Angaben einige Kommentare auf seiner Facebook-Seite löschen, worauf der Vorwurf der Zensur erhoben wurde. Nuhr dazu in der FAZ:

„Zensur“ herrscht, wenn eine öffentliche Meinungsäußerung systematisch von mächtigen Kräften unterdrückt wird. Davon abgesehen, dass es sich in den meisten Fällen nicht um Meinungsäußerungen, sondern um Beleidigungen, oft um strafrechtlich relevante Pöbeleien handelte, die keinerlei Interesse an sachlicher Auseinandersetzung erkennen ließen, handelt es sich nicht um Zensur, wenn ich auf meiner eigenen Seite lösche, was mir nicht gefällt, sondern um eine redaktionelle Entscheidung. Ich verbiete ja nicht die Meinungsäußerung an sich, sondern ich lösche die Meinungsäußerung auf meiner Seite. Die Meinungsäußerung überall anders ist weiterhin möglich. Wenn eine Zeitung einen Artikel nicht druckt, ist das keine Zensur, sondern die Entscheidung des Chefredakteurs.

Vorwürfe, die ihn in die Nähe von Rechtsradikalen oder Islamophoben rücken, bezeichnet Nuhr als “irrsinnig”. Der Shitstorm sei der Versuch, “eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden, um stattdessen durch Überwältigung und Etikettierung des Andersmeinenden den Sieg im digitalen Vernichtungskampf davonzutragen.” Statt mit Argumenten zu überzeugen, werde abgestempelt. So sei er in die Nähe von AfD und Pegida gerückt worden, obwohl er sich immer wieder ausdrücklich gegen diese Gruppierungen gewandt habe.

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Das hat allerdings nicht nur der anonyme Mob im Internet gemacht. Auch Nuhrs Kabarett-Kollege Volker Pispers ätzt gerne öffentlich gegen Nuhr. So hat Pispers Nuhr bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2015 als “humoristischen Arm der Pegida” bezeichnet.

Die “Primitivität und Aggressivität”, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, folgen für Nuhr denselben psychologischen Mechanismen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. Es gehe schon lange nicht mehr um Meinungsfreiheit, sondern um Meinungshoheit. Nuhr in der FAZ: “In den seltensten Fällen kommt es zum Austausch von Argumenten. Die Regel ist, dass die Vernichtung der abweichenden Meinung angestrebt wird, meist durch Überwältigung, Etikettierung, Beleidigung.” Das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke seien zum mittelalterlichen Marktplatz verkommen.

Was im Internet fehle, sei “die Haftbarkeit des Einzelnen”. Nuhr bezeichnete es als Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, im Internet eine “Kultur der Aufklärung” zu schaffen, um die “digitale Welt in ein bürgerliches Zeitalter zu überführen”.

(swi)

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Alle Kommentare

  1. Ich habe irgendwann in meinem langen Leben festgestellt, dass, wer über Gutmenschen herzuziehen müssen glaubt, ein Arschloch sein muss.

  2. „Die “Primitivität und Aggressivität”, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden“….. heißt bei Nuhr: Einfach mal die Fresse halten, I C H weiß doch alles und teile es euch mit!
    Ich musste meinen Schmerz, der auftritt, sobald ich Nuhr höre, auch erst mal verarbeiten, einfach ist das nicht…
    https://soundcloud.com/user6229345/nuhr3

    1. Niemand zwingt Sie, wessen öffentlich erbrachte berufliche, politische oder künstlerische Leistungen auch immer mehr oder weniger gelungen zu finden und solche Bewertungen ebenfalls öffentlich zu machen. Das nennt man dann Diskurs. Etwas ganz anderes ist die Art und Weise des Ausdrucks von Kritik. Bedauerlicherweise bietet das ansonsten wundervolle Internet sozusagen als Kollateralschaden auch den Dummen und Dreisten, die alles bestreiten außer ihrem Lebensunterhalt und für die Verstand, Anstand und Pluralität fremde Welten sind, die Möglichkeit, ihre linken „Urschreie“ loszuwerden. Solange die politische Macht nicht aufgrund der nach oben offenen Pöbel-Skala verteilt wird, die Veranstaltungen von Herrn Nuhr gute Quoten bringen und er sich so klug wie gerade wehrt, ist die Machtergreifung der rot-grünen Freiheitsfeinde fern. Allerdings gibt zu denken, wer aus den Medien zu den Angriffen gegen Nuhr geschwiegen und wohl die berühmte „klammheimliche Freude“ gespürt haben mag.

  3. Der Mensch zeigt seine Bosartigkeit, sobald er dazu eine Gelegenheit erhält.
    Gelegenheiten entstehen, wenn beispielsweise ein Staat diese fördert.
    Sie entstehen auch dann, wenn sie durch Konsens gedeckt werden.
    Sie wuchern umso mehr, je unwahrscheinlicher mit Sanktion gerechnet werden muß.

    Das ist menschlicher Bodensatz, und jeder ist Träger dieser Menschlichkeit

    Daß ein Staat Bosartigkeit fördert, darüber brauchen wir in Deutschland nicht mehr zu diskutieren. Förderung muß sich nicht allein auf Gewalt stützen, mittlerweile sind die Methoden zur Herbeiführung von Konsens sehr gut gekannt und sind entsprechend entwickelt. Kein Vergleich mit dem Dritten Reich, oder der DDR.

    Die Bosartigkeit des Menschen ist vielleicht im Internet am deutlichsten erkennbar, aber gemach: wer beobachten kann stellt inzwischen fest, daß sie sich mittlerweile auch in den normalen Lebensbereich auszubreiten beginnt.

    Wenn Kultur, wenn Werteträger als dämpfendes Element ausfallen oder ausgeschaltet werden – dies ist bei uns eindeutig wieder der Fall,, und zwar in atemberaubendem Umfang – dann wird Bodensatz nicht nur sichtbar. Er wird bestimmend.

    Da kann ein Nuhr nur die Segel streichen. Was er auch besser machen sollte.

  4. Dieter Nuhr zählte für mich einmal zu den intelligentesten KABARETTISTEN Deutschlands. Aber das war einmal.
    Heute ist er wohl ein GEZ-finanzierter KOMIKER, der mit vergleichsweise simpler, rasch durchschaubarer Polarisierung, ja oftmals sogar reiner Polemik, Aufmerksamkeit scheffeln möchte.
    Dabei scheint es ihm wurscht zu sein, ob in Form von Zustimmung oder shitstorm – Hauptsache der Name Nuhr ist in aller Munde.
    Schade eigentlich, aber wenn er diesen Weg für seinen hält -> so what!
    Es gibt ja genügend echte Intelligenz unter Deutschlands Kabarettisten-Nachwuchs …

  5. Wer das Theater gestern mit dem Merkel/heulendes Kind Video in den Medien erlebt hat weiß das Hr. Nuhr Recht hat.

    Twitter Theater halt und alle Medien machen mit…

  6. Shitstormer sind einfach nur zu dumm für Argumente oder werden als Trolle bezahlt (sagt man doch). Also was stört es den Mond…. Warum sollte man das also ernst nehmen, zumindest solange noch keine Scheiterhaufen per Internet transportiert werden.

  7. Dieter Nuhr hat in allen Punkten recht. Zwar werden wohl weder er noch die FAZ Nachhaltiges gegen den Meinungsterror linker Welterklärer und Menschenerzieher ausrichten, doch können sie demnächst wenigstens darauf pochen, nicht dabei gewesen zu sein, wenn (auch) das Reich der Gutmenschen und ihrer Volkspädagogen zusammengebrochen ist – es muss ja nicht am 8. Mai oder am 9. November sein.

    Hoffentlich hat Nuhr immerhin einen Diskurs unter den verbliebenen Gebildeten angestoßen. Bei einem Blatt, bei dem „Immer ein kluger Kopf“ dahinter stecken soll, wäre das ja kein Unglück.

    Man tut den meisten Einfaltspinseln vom Typus Prantl, Pohl, Wallraff, etc. oder den weichgespülten Nichtssagern vom Zwangsabo-Staatsrundfunk zu viel Ehre an, wenn man derlei als Journalisten verkleidetete Polit-Missionare zum größeren Teil für die Misere eines „Journalismus“ verantwortlich macht, der inzwischen „ganz unten“ bei den Reichweiten und beim Vertrauen des Publikums angekommen ist, aber weitermarschiert „bis alles in Scherben fällt“. Wozu brauchen solche „Journalisten“ noch Leser? Längst fordern sie ungeniert „Staatsknete“, was durchaus in der Logik ihrer Kumpanei mit der korrupten Classe Politique liegt.

    Dennoch ist nicht zu übersehen. dass es indoktrinierende pädagogisierende Journalisten und Medien als selbsternannte Volkserzieher (gelernt ist gelernt?) waren und sind, die ein Klima von Indolenz und Intoleranz (mit) geschaffen haben. Es geht nicht mehr um Information, es geht – wie in jeder Diktatur – um die Frage „Wo stehtst du?“. An die Stelle des „Fakten, Fakten, Fakten“-Prinzips ist eifernd-aufdringliche alleinseligmachende Gesinnung getreten. Die oft gewaltsame Unterdückung jeder anderen Meinung wird als Sieg gefeiert („Die Demo der Rechten konnte verhindert werden“), eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt nicht nur, sie wird ausdrücklich abgelehnt. Das ist kein Journalismus, das ist tagtägliches Armageddon zwischen „Gut“ (man selbst) und „Böse“ („Nazis“).

    1. Sehr eloquent formuliert, man könnte auch sagen herablassend, arrogant und pseudo-intellektuell.

      Nazis sind also nicht böse. Gutmenschen sind das Übel der Gesellschaft. Und Nuhr ist ein Held der Meinungsfreiheit, während er dem hasserfüllten Mob die passenden Witze serviert.

      Der Punkt, den weder Nuhr noch Leute wie Sie nicht verstehen, ist:
      Keiner fordert, dass Nuhr mundtot gemacht wird. Die Menschen nehmen lediglich ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch, genau wie Herr Nuhr. Wer als öffentliche Person Facebook nutzt und Witze über kontroverse Themen macht, muss mit Gegenwind rechnen. Alles andere ist naiv. Und danach noch darüber zu jammern, halte ich für armselig. Ja, das wird man doch mal sagen dürfen. Aber dann muss man auch mit der Antwort leben.

  8. „Hexenverbrennung“ ????

    Gemach, Herr Nuhr!

    Bei der Hexenverbrennung wurden Menschen verbrannt.

    Beim Shitstorm stürmt – nur virtuell- die Sch…. auf Köpfe ein.

    Vergleichen kann man das wohl nicht.

    Abgesehen davon, dass in manchen der betroffenen Köpfe sowieso genau das drin ist, was da von draussen so heranstürmt…

    Ist das nicht so, Herr Nuhr?

    Oder anders gesagt: Manchmal ist so ein Shitstorm einfach nur die Reaktion auf unglaublich dümmliche Statements.

    Ich meine ja, wer so burschikos und Gedankenlos austeilt, der sollte auch mal einstecken können. Auch einen Shitstorm.

  9. Nuhr einer weiß, wer primitiver Täter und Opfer ist?
    Nuhr spielt gar nicht mit den Emotionen der Leute?

    Warum fängt er nicht einfach mal bei sich selbst an, so als Vorbild?
    Oder hält er seine MEINUNG ernsthaft für begründete Argumente?

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