Verklickt: So erklärt Die Welt die Falschmeldung vom Tod von Helmut Kohl

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Über diese Falschmeldung diskutierte heute Morgen das deutsche Internet: Helmut Kohl ist tot, vermeldete die Welt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Aber der Altkanzler lebt. Jetzt erklären die Berliner, wie es zu dem Fehler kommen konnte. Insgesamt stand die Falschmeldung nur 102 Sekunden online. Das reichte aber, dass sie sich wie ein Lauffeuer im Social-Web verbreiten konnte.

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Als Unfallzeitpunkt nennt Oliver Michalsky, stellvertretender Chefredakteur der Welt, 0.34 Uhr. Als Unfallgrund: menschliches Versagen, bzw. einen „technischen Anwenderfehler“. In den Stunden zuvor war stets nur von einem „technischen Fehler“ die Rede gewesen. Das mit der Technik könnte man auch getrost streichen. Laut Michalsky war nämlich nur der Anwender verantwortlich.

So sei kurz zuvor eine neue Version des Redaktionssystems installiert worden, bei der Bedienelemente verändert und an andere Stellen der Benutzeroberfläche verlagert worden wären. „Und wie das so ist beim Gewohnheitstier Mensch: Man klickt bei der Produktion eines Artikels dorthin, wo man seit Jahren hingeklickt hat. So passierte das Missgeschick. Statt einen nicht zur Publikation vorgesehenen Artikel lediglich zu speichern, wurde er publiziert“, schreibt der Vize-Chef.

Immerhin habe der betreffende Kollege seinen Fehler sofort bemerkt und reagiert. „Aber natürlich zu spät, weil alles, was wir publizieren, sofort im Netz, etwa bei Google, verfügbar und kopierbar ist. Die Nachrichtenagentur dts verbreitete umgehend die Meldung. Auf Twitter wurde die Meldung vielfach geteilt.“

Michalskys Erläuterung endet mit der Erklärung, warum man überhaupt schon einen „Nachruf“ auf Helmut Kohl ins System gestellt hat: „Es gehört zur redaktionellen Praxis, auf das Ableben wichtiger Persönlichkeiten vorbereitet zu sein, damit Sie als Leser zügig und umfassend über das Lebenswerk informiert werden können“, schreibt er. Das sei journalistischer Usus. Damit hat er natürlich recht. Aber: Bei dem entsprechenden Text handelt es sich um eine „Breaking News“ vom Tod des Alt-Bundeskanzlers und nicht um einen Nachruf.

Was von dem Fall bleibt sind weniger die offenen Fragen, als der Umstand, dass allen Journalisten und Medienschaffenden mal wieder vor Augen geführt wurde, dass manchmal nur wenige Sekunden reichen, damit sich eine Meldung im Netz verbreitet. Auch wenn es 0.34 Uhr in der Nacht ist.

Update: Die Agentur dts, die die Welt Online-Falschmeldung vom Tod Helmut Kohls in der Nacht verbreitete, betont in einer Stellungnahme, dass ihre nächtliche Blitzmeldung nur aus folgendem Satz bestand: „Welt-Online berichtet über Tod von Helmut Kohl – keine Bestätigung“ und dieser Satz korrekt gewesen sei. Außerdem, so die Agentur weiter, sei aus mehren Gründen nicht zu vermuten gewesen, dass es sich um eine versehentliche Falschveröffentlichung handelt. Zitat aus der Stellungnahme der Agentur:

1. Zunächst sind Medien des Axel-Springer-Verlags bezogen auf das Privatleben des Altkanzlerns durchaus als Primärquelle anzusehen. Es ist bekannt, dass Kohl eine besondere Nähe beispielsweise zum Chefredakteur der „Bild“-Zeitung hat. Kohl ist Diekmanns Trauzeuge, Diekmann ist Trauzeuge Kohls. Wenn der Altkanzler irgendwann das Zeitliche segnet, die Medien aus dem Axel-Springer-Verlag werden es als erste melden.

2. Es ist in der Branche zwar weithin bekannt, dass viele Redaktionen schon lange einen fertigen Nachruf auf den Altkanzler – wie auch auf andere prominente Persönlichkeiten – in der digitalen Schublade liegen haben. Wäre ein solcher Nachruf online gestellt worden, man hätte durchaus vermuten können, dass hier „ein falscher Knopf“ gedrückt wurde. Doch bei der von „Welt-Online“ verbreiteten Meldung handelte es sich nicht um einen fertig vorbereiteten Nachruf. Stattdessen wurde eine Kurzmeldung verbreitet, in der explizit davon die Rede war, dass der Altkanzler „in der Nacht auf Freitag“ verstorben sei.

Dass solche Kurzmeldungen ebenfalls vorbereitet werden, ist keineswegs üblich und es ist auch nicht notwendig. Es müsste dann ja eine Version „in der Nacht auf Freitag“, „am frühen Samstagmorgen“, „am Samstagvormittag“, usw. geben.

Es würde länger dauern, die „richtige“ Version zu suchen, als diese zwei Sätze einzutippen. Dass also, wie der stellvertretende „Welt“-Chefredakteur Oliver Michalsky schreibt, hier ein„nicht zur Publikation vorgesehenen Artikel“ versehentlich publiziert wurde, anstatt ihn zu speichern, erscheint für uns unwahrscheinlich. Und es war in dem Moment der Veröffentlichung von „Welt-Online“ daher für uns auch nicht zu vermuten.

Außerdem habe man versucht, sowohl das Büro von Helmut Kohl als auch die Redaktion der Welt zu erreichen, so dts, es sei aber niemand ans Telefon gegangen.

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Alle Kommentare

  1. Vielleicht ist Helmut Kohl geistig tot. Man weiß es nicht. Der Tod ist bei Springer jedenfalls schon in der Pipeline.
    Da es sich wie üblich um menschliches Versagen handelt, welches den Tod vorauseilend vermeldet hat, wundert man sich doch, daß Axel Springer dem ExKanzler kein RFID unter die Haut geschoben hat, um seine Herzfrequenz zu koppeln an die Meldung? Beide hätten sich treu bleiben können, die geistig-moralische Wende wäre meßbar, die Wichtigkeit fühlbar, denn der Griff nach irdischen Schätzen hat deren ganzes Dasein bestimmt, und Helmut Kohls Geist lebt ja längst in den Schluchten der Brüsseler Bürokratie fort.

    Als Obama zum Präsidenten gewählt worden war, gratulierte Radio Vatican Obama und das katholische Nachrichten-Portal „Zenit“ mit eben denselben salbungsvollen Worten seinem Kontrahenten John McCain. Es ändern sich nur die Namen, die Methoden bleiben gleich.

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