Anzeige

Ronnie Grobs Ausstieg bei 6vor9: „Selbstmitleidiges Gejammere der Journalisten mag niemand mehr hören“

Ronnie-Grob.jpg

Seit neun Jahren empfiehlt Ronnie Grob jeden Werktag um sechs Minuten vor 9 Uhr sechs Stücke, die man gelesen haben sollte. Wer dabei ist, über den diskutiert das Netz – zumindest für die nächsten Stunden. Jetzt macht Grob Schluss mit 6vor9. Er hat keine Lust mehr. Wie das kam, welche Debatten er für besonders wichtig hält und warum ihn die Diskussion über die Zukunft des Journalismus nur noch anödet, verrät er im MEEDIA-Interview.

Anzeige
Anzeige

„6 vor 9“ wird mit dem Rückzug von Grob, der mit seinen Empfehlungen einst bei Medienlese.com startete, nicht eingestellt. Die Kolumne bleibt Teil des Bildblogs. Der Schweizer übergibt den Job an Natalie Mayroth. Er selbst will die gewonnene Zeit dazu nutzen, noch mehr als freier Journalist zu arbeiten.

Wann muss man aufstehen, wenn jeden Werktag um 8.54 Uhr sechs Link-Tipps online sein müssen?
Später, als Sie jetzt denken.

Heißt konkret?
So gegen acht. Das geht aber nur mit Routine, und wenn ich den Vortag gut vorgearbeitet habe. Um die nächste Frage gleich vorweg zu nehmen…

Ja…
… ich investierte jeweils rund drei Stunden pro Tag in „6 vor 9“.

Warum hören Sie auf?
Ich will auch mal ausschlafen können, so wie jeder andere freie Journalist in Berlin auch. Tatsächlich habe ich das Finden und Beschreiben der sechs Links immer sehr gerne gemacht. Doch seit einiger Zeit fehlt mir die Motivation, viele Beiträge zu lesen, auch, weil ich den Eindruck habe, es wiederholt sich zu viel. An diesem Punkt will ich loslassen und den Stab weitergeben. Ich habe ich sehr viel gelernt in diesen neun Jahren – vor allem darüber, was man theoretisch nicht tun sollte im Journalismus. Alles andere ist auszuprobieren. Ich werde also wieder mehr Zeit zum Schreiben haben.

„Andere Leute haben auch Probleme“

Was wiederholt sich?
Wenn ich etwas nicht mehr lesen mag, dann sind es die Mutmaßungen zur Zukunft des Journalismus. Mal ehrlich, die kennt doch sowieso niemand. Trotzdem wiederholen sich die Thesenstücke und Debatten dazu seit 2006 immer wieder. Interessiert das überhaupt das Publikum? Ich bin davon überzeugt, dass eine Demokratie gut geführte Debatten und exzellenten Journalismus benötigt. Aber das selbstmitleidige Gejammere, wie schwierig es doch ist in der Branche, mag niemand mehr hören. Andere Leute haben auch Probleme.

Anzeige

Was interessiert die Leser gerade besonders?
Das aktuell große Metathema ist der Vertrauensverlust der Medien. Dieses Problem wird immer noch unterschätzt, dabei ist es sonnenklar: Journalisten, deren Arbeit kein Vertrauen mehr erweckt, sind obsolet. Nehmen wir die Titelgeschichte der „Zeit“ kürzlich zur „Lügenpresse“: Ich hatte nach der Lektüre den Eindruck, das grösste Problem der Journalisten seien Leser, die sich nicht angemessen verhalten. Und nicht etwa Journalisten, denen die Leser nicht mehr vertrauen. Dabei hat die Umfrage genau das ergeben: 60 Prozent der Deutschen vertrauen ihren Medien „wenig“ bis „gar nicht“.

Was sollten die Journalisten also als Erstes anders machen?
Sie müssen aus ihrer Blase raus und sich wieder verbinden mit den sogenannt „normalen“ Menschen. Diese Kluft zu überwinden und konkrete Medienkritik zu den Journalisten zu bringen, war immer mein Ziel mit „6 vor 9“. Heute bewegen sich doch die meisten der Elitejournalisten in einer ganz kleinen, sehr homogenen Welt zwischen ihren Lieblingsbezirken in Berlin und Hamburg. Sie haben die gleichen Freundinnen, die gleichen Freunde, schauen die gleichen Netflix-Serien und gehen in die gleichen Ausstellungen und Konzerte. Die einzigen Nicht-Akademiker und Nicht-Elitemenschen, die sie kennen, sind die Bioladen-Verkäuferin und der Yogalehrer. Weil die Redaktionsbudgets immer schmaler werden, kommen sie aus ihrem Umfeld auch kaum mehr raus, und verstehen folglich immer weniger von der Welt ausserhalb. Es bildet sich so das Gegenteil von dem heraus, was Journalismus sein sollte. Formt sich dann eine Gruppe wie zum Beispiel Pegida, fallen sie aus allen Wolken.

„Bildblog selbst ist ein gutes Beispiel für eine Art von Gegenöffentlichkeit“

Braucht es gegen diese Art von Journalisten also einfach eine gewisse neue Art von Gegenöffentlichkeit?
Ja. Leider haben große Teile der Gruppen, die eine Gegenöffentlichkeit bilden könnten, noch nicht gelernt, sich adäquat zu artikulieren. Ich glaube, Bildblog selbst ist ein gutes Beispiel für eine Art von Gegenöffentlichkeit. Und innerhalb des Bildblogs war „6 vor 9“ auch immer wieder eine Art Gegenöffentlichkeit. In all den neun Jahren habe ich die Rubrik völlig eigenverantwortlich und ohne jegliche inhaltliche Vorgaben geführt. Sie wurde auch noch nicht ein einziges Mal gegengelesen. Für die Gewährung dieser Freiheiten danke ich Stefan Niggemeier und allen anderen bei Bildblog. Etwas wie „6 vor 9“ würde anderen Medien auch sehr gut stehen.

Wissen Sie, was schade ist?
Was denn?

Dass Sie nicht sechs Tage vor dem neunjährigen Jubiläum am 2. August 2015 aufhören.
(Lacht.) An diese Zahlenspielerei habe ich wirklich noch nie gedacht.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Schade, Ronnie! Ein kluger und offener Mensch ohne Angst, Überheblichkeit und Ignoranz, gleichzeitig professionell. Und das ist in diesen schweren Zeiten für einen Journalisten schon ein echter Ritterschlag. Habe sein Werk fast jeden Tag gelesen. Von dem wird man bestimmt noch hören (wenn ihn einer lässt…).

  2. Politiker und sogenannte Qualitätsjournalisten leben zusammen in einem geschlossenen Block und wissen nichts vom normalen Bürger.

  3. An diesem Text sehen wir, dass es nicht unbedingt besonders „raffinierte“ Fragen und einen „Promi-Kopf“ braucht, um ein lesenswertes Interview zu veröffentlichen. Manchmal genügen schon einfache offene Fragen (vs. tendenziöse, den Gesprächspartner in ein vom Interviewer gewünschtes Licht rückende Fragen) sowie Gesprächspartner, die keine Angst davor haben, den Lesern unbequeme Ansichten zu präsentieren. Feiner Beitrag. Dank an den Interviewer und den Befragten.

  4. Ja, es gab manchen guten Hinweis auf lesenswerte Artikel. Aber musste fast jeder Beitrag aus dem Blog des Herrn Niggemeier beworben werden?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*