„Mich berührt das Netz überhaupt nicht“: Leyendecker bei Netzwerk-Recherche zu Lügenpresse-Beschimpfungen

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Die Lügenpresse scheint müde. Zumindest beim Thema Lügenpresse. Zum Diskussions-Auftakt des Jahrestreffens der Netzwerk Recherche unterhielten sich Jakob Augstein, Hans Leyendecker, Julia Stein und Carolin Emcke über die aggressiven Anfeindungen der Leser und den Vertrauensverlust der Medien. Offenbar scheint zum Thema alles gesagt. Statt zu diskutieren, plauderten die Teilnehmer lieber, angereichert mit wohldosierter Selbstkritik und etwas Selbstlob.

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Als Gründe für den Vertrauensverlust führte Augstein die „Mainstreamisierung der Medienmeinung“ an. Ob nun bei der Griechenland- oder der Ukraine-Berichterstattung, alle Kommentare hätten stets den gleichen Tenor. Sein – leicht – empörter Vorwurf: „Irgendwas stimmt mit den Journalisten in den Redaktionen nicht. Die Denken alle viel zu gleich“.

Dem widersprach immerhin Hans Leyendecker. Für den Investigativ-Star der SZ ist der Hauptgrund, warum so viele Leser frustriert von den Medien sind, dass es zum einen zu viele Beispiele für Katastrophen oder Nachrichtenlagen gebe, die die Journalisten nicht haben kommen sehen und zum anderen, dass heute viel zu viele Meldungen gemacht werden, die noch nicht einmal bis zur Tagesschau Bestand hätten. Auf der Jagd nach neuen Infos würde viel Material ungeprüft, viel zu früh veröffentlicht.

Die Folge der verärgerten Leser und Zuschauer: unzählige, unflätige Anfeindungen im Web. Leyendeckers Bekenntnis dazu: „Mich berührt das Netz überhaupt nicht. Böse E-Mails lösche ich einfach. Dann ist es, als ob sie nie da gewesen wären.“ Er würde auch nicht schauen, was einer über ihn schreibt. „Ich nehme mich nicht so wichtig“.

Augstein: „Unsere Arbeit ist nicht mehr wie in den 80er-Jahren“

Dem können Emcke und Augstein nur widersprechen: !Mich treibt das schon um. Ich habe nicht so eine Lässigkeit wie die Anderen hier. Kritik an Texten beschäftigt mich natürlich mehr, als Kritik an meiner Person“, meint Emcke. Augstein ergänzt und nimmt die Web-Community in Schutz: !Im Moment beklagen sich ganz viele Journalisten, dass sie so schlecht behandelt werden“. Augstein nimmt Internet-Community in Schutz.

Grundsätzlich meint der Freitag-Herausgeber, dass die meisten Medien längst den Kontakt zur Realität verloren hätten. Dabei wollen die Leser mit ihnen diskutieren. „Das gehört heute zu unserer Arbeit dazu. Das ist nicht mehr, wie in den 80er-Jahren.“

Wenn Leyendecker Web-Kommentare lesen würde, dann würde er heute möglicherweise viel Spaß haben können. Im Zuge der Diskussion bezeichnete er Udo Ulfkotte als „erbarmenswerter Kerl“. Bei der Menge an Fan-Boys des Autoren und deren aktiver Web-Nutzung hätte er so beste Chancen gehabt, zu erleben, wie es ist, wenn sich der Internet-Zorn gegen einen entlädt.

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Alle Kommentare

  1. Ob man es nun „Lügenpresse“ nennt oder nicht, ändert am Problem nichts. Der Mainstream im Lande, der über die Medien verbreitet wird, geht mit seiner Tendenz der „Volksaufklärung und…“ den Menschen im Land immer mehr gegen den Strich. Da aber der Deutsche gerne „geordnete Verhältnisse“ hat, ist er nicht ganz unschuldig. „Politische Korrektheit“ war eben seit mindestens 100 Jahren in allen Lebenslagen angebracht, auch wenn sich ihr Inhalt zwischendurch schon mal ins Gegenteil verkehrte. Vielleicht wäre es für den deutschen Journalismus gut, sich mehr an Fakten und der Machbarkeit zu orientieren statt an den „gemeinsamen (flexiblen) Werten“ der tatsächlich oder vermeintlich Mächtigen. Guter Journalismus soll aber zum kritischen Denken anregen, tut er das heute?

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