Rocker, Sprayer, Musketiere: #GrunerLeaks zeigt G+J-Vorstände, wie sie keiner kennt

Archiv-Fundstücke aus fünf Jahrzehnten: Gruner + jahr präsentiert online Einblicke in die Verlagsgeschichte
Archiv-Fundstücke aus fünf Jahrzehnten: Gruner + jahr präsentiert online Einblicke in die Verlagsgeschichte

Gruner + Jahr hat zum 50. Jahrestag der Verlagsgründung im Archiv gestöbert und 200 "Fundstücke" auf einer eigenen Website präsentiert. Neben Stories, die das Land bewegten ("Wirkungstreffer") sind dort neben Kleingedrucktem aus der Spesenabteilung auch skurrile Fotos der Vorstände zu besichtigen.

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Man muss schon zwei Mal hinsehen, um zu erkennen, dass die Herren auf dem Foto unten nicht beim Rockertreffen gecastet wurden, sondern das damalige Top-Management repräsentieren. Im Stil der damals mega-angesagten Band Scorpions posieren u.a. Verleger John Jahr jr. (ganz links), Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen (3. von links), Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann (2. von rechts) und Welterklärer Peter Scholl-Latour (rechts außen). Der in der Mitte ist übrigens nicht Bernd das Brot, sondern Capital-Herausgeber Johannes Gross. Das undatierte Porträt der Bunch vom Baumwall (oder noch vom Affenfelsen an der Außenalster) entstand bei einem Management-Meeting, schätzungsweise Ende der 80er Jahre.

vorstand_scorpions

 

Auch in der Zeit des etwas farb- und glücklosen Verlagslenkers Bernd Kundrun (2000 bis 2008) wurde kräftig geshootet, wenn sich Anlässe boten. Hier ist eine Graffiti-Inszenierung zum 50. Geburtstag Kundruns zu sehen, für die der Vorstand sich in Szeneklamotten präsentierte. Zweite von links ist Verlegerin und Chefredakteurin (Essen & Trinken) Angelika Jahr-Stilcken, der Rapper mit der Sonnenbrille heißt bürgerlich Bernd Buchholz. Ach ja: „Expand your Bernd“ ist eine Anspielung auf Kundruns längst vergessene Agenda „Expand your Brand“.

vorstand_graffiti

 

Und noch ein Gruppenbild mit Dame in nahezu gleicher Besetzung, diesmal zum Abschied von Axel Ganz im Look französischer Historie, in einer Zeit, als das Anzeigengeld noch sprudelte, Geld bei G+J keine Rolex spielte und wo für kleine Gags wie diesen die Portokasse herhalten musste. Die Musketiere heißen (neben Jahr von links) Buchholz, Kundrun, Klein und Twardy und segeln heute sämtlich unter anderer Flagge. So ist das Foto auch ein Symbol für Wandel und Erneuerung.

vorstand_musketiere

 

Gruner + Jahr wäre kein richtiger Konzern, wäre mit den Titeln nicht auch die Verwaltung mitgewachsen. Diese hatte sich auch mit teils merkwürdigen Spesenabrechnungen zu befassen, vor allem wenn es zur Recherche ins Rotlichtmilieu ging. Besonders gern genommen: der Eigenbeleg, wie hier im Fall eines auf St. Pauli ermittelnden Geo-Redakteurs. Wer übrigens den letzten und teuersten Posten mit der Bewirtung von Deutschlands dienstältesten Polizeireporter und Journalist einer zwischenzeitlich von Gruner + Jahr gekauften Hamburger Tageszeitung in Verbindung bringt, liegt sicher komplett falsch…

rotlicht_geo

 

Keine Geschichte von Gruner + Jahr ließe sich erzählen, ohne Cover zu erwähnen, die Mediengeschichte schrieben. Hier stellvertretend der Titel zur Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die in den 70er Jahren mit dem Report über minderjährige Heroinsüchtige in Berlin eine ungeheure Wirkung zeigten. Die Story aus dem stern 40/1978 wurde auch als Buch ein Bestseller und später zum Kinohit.

christianef

 

Das wohl berühmteste stern-Cover aller Zeiten stammt aus dem Jahr 1971 und löste eine bundesweite gesellschaftliche Diskussion über Frauenrechte aus. „Wir haben abgetrieben!“ bekannten 374 Frauen im Heft und machten sich mit dieser Aussage nach damaligem Recht sogar strafbar.

abgetrieben

 

Dass auch die Gala als People-Magazin mit journalistischen Geschichten auf dem Cover einen Erfolg landen kann, zeigt dieser Titel aus dem Jahr 2013, der bei den Lead Awards 2014 zum Cover des Jahres nominiert war.

gala-boris

 

 

Dass Journalisten mit ihren Trendansagen nicht immer richtig liegen, hat G+J an eigenen Beispielen in der Rubrik #Failprognosen festgemacht. Besonders kühn erscheint die Prophezeiung des doppelstöckigen Sofas von Schöner wohnen im Jahr 2000.

 

 

doppelstoeckigessitzen

 

Das todsichere Gespür für Themen, die das Volk bewegen, zeichnete die stern-Blattmacher von jeher aus. Allerdings waren sie in den 70er und 80er Jahren offenbar ziemliche Chauvis, wie die Zahl der (meist sinnlos) nackten Frauen auf den Covern im Jahresschnitt zeigt. Auf rund jedem fünften Titelblatt zogen die Chefredakteure damals blank – ein bis heute nicht mehr erreichter Rekord. Allerdings: Auch die Auflagen markierten damals Rekordwerte. Und vielleicht sind ja doch nicht RTL und Internet hauptverantwortlich für den stetigen Auflagenrückgang seit den 90er Jahren…

stern nackte

 

Nun werden sich viele fragen, wie es denn Cover mit sinnfreien Nacktfotos aussehen. Hier ein Beispiel aus einer österreichischen stern-Ausgabe des Jahres 1969 zur Titelgeschichte „Unser Mann auf dem Mond“:

stern_mannaufdemmond

 

Auch ein Archiv muss auf dem aktuellen Stand gehalten werden, und so findet sich bei #grunerjahrzehnte dann doch noch ein Schnappschuss aus der aktuellen Chefetage, der den Anschein erweckt, als ob Julia Jäkel und Stephan Schäfer bei allem Hang zur digitalen Erneuerung auch Retro ziemlich schick finden.

jäkel:schäfer

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