Eine Nicht-Meldung und ihre Geschichte: die Doppelmoral der Rhein-Zeitung

Chefredakteur Christian Lindner lobt das Verhalten seiner Rhein-Zeitung beim Thema Andreas Lubitz – in einer Meldung mit ostentativem Weißraum
Chefredakteur Christian Lindner lobt das Verhalten seiner Rhein-Zeitung beim Thema Andreas Lubitz – in einer Meldung mit ostentativem Weißraum

Am Samstag wurde der Co-Pilot des Germanwings-Fluges 4U9525 in seiner Heimatstadt Montabaur beigesetzt. Die Rhein-Zeitung berichtete erst zwei Tage später und mit nur einem Satz darüber, "damit die Weltpresse bei diesem Begräbnis nicht erneut über Montabaur herfällt". Chefredakteur Christian Lindner betont in einem Kommentar, er habe das Ereignis nicht vermarkten wollen – und tut genau das in eigener Sache.

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„Verantwortungsvolle Journalisten zeichnen sich auch durch Haltung aus. Gute Redaktionen reagieren auch im Internetzeitalter überlegt statt übereilt. Seriöse Zeitungen und Webseiten machen bewusst nicht alles, was möglich wäre“, schreibt der Chefredakteur der Rhein-Zeitung, Christian Lindner, auf der Webseite seiner Zeitung (nur Paid Content). Der Hintergrund: Die Redaktion hat sich entschieden, die Beerdigung des Germanwings-Co-Piloten Andreas Lubitz auf der Titelseite der Montagsausgabe mit nur einem Satz zu vermelden und die Fläche darunter weiß zu lassen.

Andreas Lubitz, der den Germanwings-Flug 4U9525 am 24. März absichtlich zum Absturz brachte und dabei sich selber sowie die 150 Insassen der Maschine tötete, wurde am Samstag in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt. Die Rhein-Zeitung wusste nach eigenen Angaben exklusiv vorab von der Beisetzung – und schwieg zwei Tage. „Damit seine Familie und seine Freunde in Ruhe Abschied von ihm nehmen konnten. Damit die Weltpresse bei diesem Begräbnis nicht erneut über Montabaur herfällt. Damit Privates privat bleibt und nicht ohne Not und ohne Sinn öffentlich wird“, erklärt Christian Lindner. Die Redaktion hätte bewusst darauf verzichtet, aus der Ferne Fotos zu machen, die Bilder weiter zu verkaufen und den exklusiven Text sowohl deutschlandweit als auch international zu vermarkten.

Die Informationen zur Beisetzung des Co-Piloten hat die Rhein-Zeitung zwar nicht vermarktet – dafür aber ihr eigenes Verhalten. Christian Lindner kommentiert das Nicht-Berichten über das Begräbnis plakativ, ungefragt und hebt sich mit Aussagen wie „damit Privates privat bleibt und nicht ohne Not und ohne Sinn öffentlich wird“ über seine Kollegen. Und der Chefredakteur ignoriert zugleich, dass es unter den Medien einen breiten Konsens gab und gibt, die Angehörigen des Co-Piloten mit Respekt und Diskretion zu behandeln. Es scheint fraglich, ob überhaupt ein deutsches Medium bei einem entsprechenden Angebot der Rhein-Zeitung zugegriffen hätte. Und er verschweigt, dass sein Blatt vermutlich  ungeheuren Protest geerntet hätte, wären derartige Fotos von RZ-Reportern gemacht und auf den Markt geworfen worden. Im Grunde hat Lindner das getan, was die allermeisten seiner Kollegen in einer solchen Situation auch tun würden, nur dass die Art, wie er darüber redet (bzw. schreibt) das Gegenteil signalisiert.

Auch bei Facebook weist die Rhein-Zeitung mit einem Posting auf das Statement ihres Chefredakteurs und die weiße Fläche auf der Titelseite hin – und erntet neben einigen zustimmenden Postings überwiegend Kritik: „Hätte, wenn überhaupt, nicht auch eine kleine Notiz genügt? Mit dem freien Feld wird doch nur die Aufmerksamkeit erzeugt die Sie doch eigentlich nicht haben wollten. Aber gut, Sie wollen ja viele Zeitungen verkaufen“, heißt es zum Beispiel in einem Kommentar, woraufhin Christian Lindner antwortet: „Wir verkaufen 96 Prozent unserer Auflage nicht am Kiosk, sondern an Abonnenten. Unter dem Druck, besonders verkäuferisch zu agieren, stehen wir also gar nicht.“

Ein anderer Nutzer schreibt: „Hauptsache, die RZ hat ihren „eyecatcher“ – auch ohne Worte. Scheinheilig.“ Die Antwort der Rhein-Zeitung: „Sie nennen es Eyecatcher, wir nennen es Zeichen setzen. Und um das Zeichen zu setzen, muss es eben etwas auffälliger sein.“

Auf unserer Titelseite vermelden wir heute ganz bewusst in nur einem Satz eine Nachricht aus Montabaur, mit der Medien…

Posted by Rhein-Zeitung on Sonntag, 28. Juni 2015

So aufmerksamkeitsstark die zur Schau getragene Diskretion auf der Titelseite ist – so fragwürdig ist leider tatsächlich auch das damit verbundene Eigenmarketing. Dass Lindners Statement darüber hinaus auch noch hinter der kostenpflichtigen Paywall veröffentlicht wurde, beißt sich mit dem von ihm formulierten Anspruch, mit diesem sensiblen Thema kein Geld verdienen zu wollen. Dass die Rhein-Zeitung außerdem offenbar das falsche Alter des Co-Piloten (29 statt 27 Jahre) gedruckt hat, wäre bei einer Einsatzmeldung zudem vermeidbar gewesen.

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Alle Kommentare

  1. „Im Grunde hat Lindner das getan, was die allermeisten seiner Kollegen in einer solchen Situation auch tun würden, nur dass die Art, wie er darüber redet (bzw. schreibt) das Gegenteil signalisiert.“

    Eben das gerade nicht, Frau Burgard-Arp. Das gerade hätten die „Kollegen“ nicht getan. Sie wären, ganz der Gewohnheit, auch wieder in Montabaur eingefallen, seien es die BILD-Maden, die Kakerlaken von DuMont Schauberg, die WAZ-Termiten oder die Madsack-Läuse. Halbe Seite: „Hier trauern die Eltern um den Germanwings-Mörder“.

    Man kann kritisieren, dass Lindner darüber redet – an der guten Tat ändert es nichts.
    Und ich will ganz ehrlich sein: Wer in der Hoffnung, sich auf die Bilder der Trauernden mental einen schütteln zu können, für diese Mini-Meldung noch Geld bezahlt hat, hat es wirklich nicht anders verdient.

  2. „Und der Chefredakteur ignoriert zugleich, dass es unter den Medien einen breiten Konsens gab und gibt, die Angehörigen des Co-Piloten mit Respekt und Diskretion zu behandeln.“

    solche konsense sind bis jetzt noch immer ignoriert worden, wenn es eine schlagzeile zu ergattern galt.

    „Es scheint fraglich, ob überhaupt ein deutsches Medium bei einem entsprechenden Angebot der Rhein-Zeitung zugegriffen hätte.“

    das wohl — allerdings eher, weil die sämtlichst ihre eigene battallione geschickt hätten.

    „Und er verschweigt, dass sein Blatt vermutlich ungeheuren Protest geerntet hätte, wären derartige Fotos von RZ-Reportern gemacht und auf den Markt geworfen worden.“

    am lautesten von denen, die nicht die preise zahlen wollten und sauer wären, dass sie nicht selber zum zuge gekommen sind — und am zweitlautesten von denen, die die bilder gekauft und mit irreführender (wenn überhaupt) quellenangabe veröffentlichten.

    das lächerliche gehabe der rheinzeitung ist auch nicht alberner als die these dieses artikels.

    1. [..] wieso wohl?

      als sicher nicht, um geld zu verdienen, so was würde die nie tun, das wäre ja „doppelmoral“.

      na gut, im ernst: die dame ist jung und braucht das geld ..

  3. Und da wundern sich die Medien über den Vertrauensverlust bei den Rezipienten.

    Jetzt ist es quasi amtlich: Die Medien (hier die Rhein-Zeitung) misstrauen den eigenen Kollegen doch auch, offenbar aus gutem Grund – warum sollte der Bürger (und Kunde) da noch Vertrauen haben können? Wenn schon die Medien selbst Misstrauen predigen, wäre ein Leser doch naiv, wenn er blind vertraut.

  4. Sehr geehrte Frau Burgard-Arp,

    ich fühle mich erinnert an einen Menschen, der sich einen Stuhl neben einen Bettler stellt, um den ganzen Tag die zu beschimpfen, die Geld in seinen Hut werfen. Dabei ruft er beständig:
    „Sie wollen sich doch nur besser fühlen! Jeder würde Geld in diesen Hut werfen, aber die anderen bestehen nicht darauf, dass man sie dabei sieht!“

    Ích lege Ihnen ganz persönlich nahe, sich zu schämen und darüber nachzudenken, nach welchen Kriterien Sie andere Menschen und deren Handeln beurteilen.

  5. Oje, da schrieb ich eben in einem Posting erst noch von meiner gelegentlichen Skepsis gegenüber diesem Portal, und nun das…
    Aber trösten Sie sich, liebe Frau Burgard – selbst im letzten Spiegel fand ich heftmittig gleich zwei Nummern, ob deren offensichtlichen Mangels an Sachkunde oder Reflektion ich nur den Kopf schütteln mochte..

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