Apple News, Instant Articles & Co.: das Ende der Zeitungen und Zeitschriften, wie wir sie kennen

G+J-Chefin Julia Jäkel: Brauchen neu Business Cases
G+J-Chefin Julia Jäkel: Brauchen neu Business Cases

Digital Economy Früher bestand ein wichtiger Teil der Arbeit von Redakteuren und Blattmachern darin, für ihre Zeitung und Zeitschrift die richtige Themen-Mischung zu finden. Eine Legende wie Henri Nannen wusste: Auf den magischen Mix der Print-Wundertüte kam es an. Heute gewichten nicht mehr die Journalisten, sondern die Leser und Algorithmen. Neue Dienste wie Apple News, Facebooks Instant Article oder auch der Artikel-Kiosk Blendle lösen einzelne Texte heraus. Der Journalismus wandelt sich - wieder einmal.

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Das fertige Produkt in Form einer Zeitung oder eines Magazins, verliert zunehmend an Wert. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Journalismus verliert. Auf der anderen Seite der Gleichung steht nämlich auch ein klarer Gewinner: der Artikel bzw. der einzelne Autor. Noch nie gab es mehr Möglichkeiten, gute Texte und Recherchen über eine Vielzahl von Plattformen und mit Hilfe von technischen Lösungen zu verbreiten.

Auffallend dabei ist, mit wie viel Eifer Technologiefirmen und Startups um die beste Aufbereitung guter journalistischer Inhalte kämpfen. So twitterte der Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner: „Bemerkenswert, wie sehr sich Apple, Google und Facebook derzeit um diesen Journalismus bemühen“.

Mit Instant Articles präsentierte Facebook gerade ein Konzept, das die Story in den Mittelpunkt setzt. Einzelne Artikel werden dabei innerhalb des Social Networks so aufbereitet, dass sie ein maximales Lesevergnügen bieten: Sie sind optisch stark, laden schnell und fallen auch im Newsstream besonders auf. Facebook kommt den Verlagen dabei sogar soweit entgegen, dass diese die Vermarktung der Instant Articles selbst übernehmen dürfen.

Einem etwas anderen Ansatz folgt Apple mit seinem neuen News-Angebot. Allerdings bleibt auch hier wieder der Kern: Der Artikel ist der Star. Für seine App versprechen die Amerikaner ein Leseerlebnis, „das die reiche, umfassende Gestaltung eines Print-Magazins mit der Interaktivität der digitalen Medien kombiniert.“ Apple News ist personalisierbar und soll anhand der Nutzerinteressen relevante Inhalte vorschlagen, die wiederum mit einem Klick in den sozialen Medien mit Freunden geteilt oder für später gespeichert werden können.

Die Aufbereitung der Inhalte in Apple News soll „in einem eleganten, übersichtlichen Design“ erfolgen. News wird mit einem neuen Digital-Publishing-Format betrieben, das benutzerdefinierte Typografie, Galerien, Audio, Video und interaktive Animationen unterstützt, um „großartige redaktionelle Layouts für iOS-Nutzer zu erstellen“, teilte Apple mit.

Zum Start dabei sind  New York Times, Time, CNN, Bloomberg, Condé Nast mit Wired und Vogue oder ESPN und die Hearst-Gruppe. Heißt: Diese Medienhäuser sind bereit, einen Teil der Gestaltung ihrer eigenen Inhalte in die Hand von Apple oder gar den Lesern zu legen. Das wäre vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Das niederländische Startup Blendle, in das bereits die New York Times und Axel Springer investierten, folgt wiederum einem anderen Konzept, bleibt aber dem Ansatz des Einzelangebotes ebenfalls treu. Blendle verkauft Artikel zum Einzelpreis. Dabei blättern sich die Leser online durch ein komplettes Magazin, zahlen aber nur für die Stücke, die sie auch wirklich lesen wollen. Und das auch noch mit einer Geld-zurück-Garantie bei Nichtgefallen.

Julia Jäkel: „Müssen Business Cases finden, um unsere Marken in der digitalen Zukunft zu entwickeln“

Hätte der Leser also früher einen ganzen stern gekauft, um beispielsweise eine interessante Recherche aus dem Wirtschaftsressort zu lesen, kauft er jetzt nur noch den entsprechenden Artikel. Die alte Mischkalkulation, mit der seit Jahrzehnten Blattmacher ihre Hefte bestücken, gerät mit solchen Modellen ins Wanken.

Interessant ist dabei, dass die Verlage selbst diese neuen Modelle fördern. So unterstützt beispielsweise die Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel den Start der Beta-Phase von Blendle in Deutschland mit den Worten: „Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit anderen angesehenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften dabei sind, denn wir glauben, dass wir gemeinsam neue Plattformen und Business Cases finden müssen, um unsere Marken in der digitalen Zukunft zu entwickeln.“

Genau darum geht es mittlerweile den Print-Entscheidern. Ähnlich wie Plattenmanagern, denen es um die maximale Verbreitung einzelner Tracks ihrer Künstler und weniger um den Verkauf ganzer Alben geht, setzen Jäkel und ihre Kollegen auf verschiedene Vertriebswege. Das kann ein Online-Shop à la iTunes oder eine Abo-Plattform wie Spotify sein, um im Musik-Bild zu bleiben.

Immer stärker rückt der Leser in den Mittelpunkt der Überlegungen der Verlagsmanager und Journalisten. Es geht darum, ihm die Inhalte dort zu geben, wo er sie konsumieren will.

Ein solcher Ansatz wäre früher undenkbar gewesen. Das gefällt nicht allen Journalismus-Nostalgikern. So zitierte gerade die dpa den ehemaligen Herausgeber der Zeit, Theo Sommer, mit dem Satz: „In meinem Alter darf ich sagen: Der alte Journalismus ist mir persönlich lieber als der Online-Journalismus.“

Selbst in der Zeit dürften nicht mehr viele diesem Satz ihres ehemaligen Herausgebers zustimmen. So spricht Wegner längst von „großartigen Zeiten“, weil es längst möglich sei „allerlei neue Plattformen für unseren Journalismus anzapfen“. Er warnt aber auch: „Wohl dem, der eine Marke gepflegt hat, die nach all der Entbündelung nicht plötzlich verschwunden ist.“

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Alle Kommentare

  1. Verschiedene Startups, unter anderem Blendle, verfolgen diesen Ansatz der Personalisierung. Der Kunde soll nun bestimmen, was er lesen möchte, und wofür er sich interessiert. Dabei wird allerdings vergessen, dass die meisten Menschen immernoch lieber gedruckte Zeitschriften lesen, gerade weil sie Menschen sind. Ich bin vor kurzem auf das Startup Magious gestoßen. Sie verfolgen einen interessanten Ansatz: Sie wollen diese Personalisierung zu Print bringen.

  2. Die Frage ist ja, warum man dann noch Medienhäuser braucht. Vielleicht stirbt nicht der Journalismus, wie wir ihn kennen, sondern die Verlage. Wenn nach Einzelartikeln abgerechnet, kann man sich eines Tages die Artikel ja auch direkt beim Lieblings-Autoren kaufen. Es gibt so viele geniale Auslandskorrespondenten, die immer wieder beklagen, dass sie viel zu wenig Platz/Sendezeit bekommen. Vielleicht kann man eines Tages direkt bei ihnen kaufen, so viel man will. Das wäre doch genial!

    1. Zugegeben, ich habe Herrn Beckers Text nur überflogen. Was mir aber als erstes in den Sinn kommt, ist die Frage, wie die Journalisten künftig ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Schon jetzt ist es nahezu unmöglich, als freier Mitarbeiter seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zudem braucht ein Journalist schon auch eine gewisse Infrastruktur – Kollegen – etc. wenn er auf einem Terrain fest verwurzelt sein will. Ich rede hier vor allem vom Lokaljournalismus. Die Bürger in den Dörfern werden wohl kaum die Inhalte nach ihrem Lieblingsautor auswählen. Gerade der Lokaljournalismus ist nicht die Arbeit einiger prestigesuchender Einzelkorrespondenten. Zertört man die Zeitungsverlage, dann zerstrt man auch die Grundlage für einen guten Lokajournalismus. Das ist meine These. Der Lokaljournalismus ist allerdings für die Demokratie vor Ort der wichtigste Monitor und das wichtigste Aufklärungs- und Informationsmedium für die Bürger. Lokaljournalisten und ihre Verlage sind da, wo der Alltag der Menschen sich abspielt. Da wo entschieden wird, ob eine Kita erweitert wird oder ein Dorf endlich seine Umgehungsstraße bekommt. Und Lokalzeitungen sind auch in den Gemeinderäten. Sie bilden die Debatten um ganz konkrete Entscheidungen ab, die die Bürger direkt vor ihrer Haustür betreffen. Sie geben damit dem Bürger die Möglichkeit, seine politische Meinung zu bilden. Wer Gemeinderatsberichte regelmäßg liest, der weiß, wem er bei den kommenden Kommunalwahlen seine Stimme gibt, und wem nicht.

    2. Das ist leider nicht genial. Auslandskorrespondenten können ihren Job nur erledigen, weil der Verlag/Sender ihnen die extrem teuren Mieten in NYC/L.A./Washington bezahlt, ebenso phone etc., und ihnen zumindest ein Grundgehalt sichert. Müssten sie all das durch einzelne Artikel erwirtschaften, könnten sie nicht überleben. Für Konsumenten klingt die schöne neue Welt immer so spannend und rosig. Für die, die darin durch ihre Arbeit überleben müssen, sieht es oft genau gegenteilig aus. Und guter Journalismus kann nicht dort praktiziert werden, wo man zum Überleben vor allem auf die erzielbaren Einnahmen hinarbeiten muss.

  3. Articels von Facebook wird definitiv der Tod der Unabhängigkeit. Facebook bietet viel Informationen und Nachrichten für den Nutzer. Das Problem ist, was der Nutzer nicht bekommt. Facebook wird hiermit überlassen wie wir die Welt wahrnehmen. Facebook wird hier zum Verleger! BILD und die AbiturientenBild, der Spiegel, haben sich bereits an Facebook verkauft.

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