Periscope, der neue Medien-Hype: „Live-Streaming wird den Journalismus verändern“

Focus-Boss Ulrich Reitz und Bild-Boss Kai Diekmann halten viel von der Twitter-App
Focus-Boss Ulrich Reitz und Bild-Boss Kai Diekmann halten viel von der Twitter-App

Tech Spätestens seit Bild-Reporter Daniel Cremer mit Hilfe der Streaming-App Periscope live über den Abbruch des Finales von "Germany's Next Topmodel" berichtete, ist die Live-Streaming-App im Bewusstsein vieler Medienmacher angekommen. Dort wird sie auch noch lange bleiben. Davon sind Top-Journalisten wie Bild-Boss Kai Diekmann oder Focus-Chef Ulrich Reitz überzeugt. Der sagt sogar: "Ich bin sicher, dass Live-Streaming den Journalismus verändern wird".

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Ähnlich begeistert äußert sich TV-Moderator und Blogger Richard Gutjahr: „Periscope wird die Art und Weise verändern, wie wir die Welt sehen“. Allerdings geht der Münchner sogar soweit, dass er auch sagt, dass das „schlechte Nachrichten sind für traditionelle Fernsehsender“. Immerhin versetzt Persicope jeden Nutzer, der im Besitz eines Smartphones ist, in die Lage selbst zu einer TV-Station zu werden.

daniel-cremerBild-Reporter Daniel Cremer

Noch ist die App aber vor allem ein Tool für experimentiertfreudige Journalisten und Blogger. Das zeigte sich am deutlichsten beim abgebrochenen „GNTM“-Finale. Aus Mannheim sendete Bild-Reporter Daniel Cremer. In den Spitzen-Zeiten erreichte er dabei rund 3.000 Zuschauer. Nach Informationen Cremers gelang ihm damit der bislang erfolgreichste Periscope-Stream den es bis dahin jemals in Deutschland gab.

Breits von ein paar Wochen hatte Twitter den Bild-Mitarbeitern die neue App vorgestellt. Als nun ProSieben nach dem Drohanruf die Halle in Mannheim räumen ließ, erinnerte sich der Entertainment-Experte der Boulevard-Zeitung wieder an die Applikation auf seinem Smartphone. Er drückte auf den roten Startbutton und los ging es. Via Live-Stream schilderte er einfach, was er sah.

„Während die ihr Material am nächsten Abend sendeten, streamte ich live ins Web“

Tatsächlich war der Bild-Mann der erste und einzige, der von der Bombendrohung berichtete. ProSieben hielt zu diesem Zeitpunkt diese Information noch zurück. Offizielle Begründung dafür: Man wollte eine Panik vermeiden.

„Ich stand in Mannheim auf dem Parkplatz vor der Halle Schulter an Schulter mit den Kamera-Teams von ProSieben“, erinnert sich Cremer gegenüber MEEDIA. „Während die ihr Material am nächsten Abend sendeten, streamte ich live ins Web. Die Tagesschau berichtet über die Bombendrohung mit einer Reporterin, die vor einem Bluescreen mit Mannheim-Hintergrund stand. Im Gegensatz dazu war ich direkt da, live und vor Ort.“

Die Bedienung von Periscope ist denkbar einfach. Nach dem Download der App, kann jeder, der im Besitz eines Twitter-Accounts ist, gleich lossenden. Die Übertragung erfolgt dabei direkt ins Web. Alle Nutzer können also über ihren Browser zusehen. Ist der Live-Stream einmal beendet, können jedoch nur die Mitglieder das Video 24 Stunden lang als Aufzeichnung sehen, die auch die App auf ihrem Smartphone installiert haben.

Die Applikation, die im März erst für über 80 Millionen Dollar von Twitter gekauft wurde funktioniert jedoch nicht nur in eine Richtung. Die Zuschauer können während der Übertragung auch Fragen stellen oder ihre Begeisterung in Form von Herzen ausdrücken, die über das Bild fliegen.

„Virtuos kombiniert die App Live-Streaming mit Funktionalitäten aus WhatsApp und SnapChat“

Tatsächlich mutet es etwas seltsam an, wenn während einer nachrichtlichen Berichterstattung wie dem Bombenabbruch des „GNTM“-Finales ständig Herzen der Begeisterung über den Bildschirm blubbern.

Trotzdem ist Richard Gutjahr von der Usability begeistert: „Virtuos kombiniert die App Live-Streaming mit Funktionalitäten aus WhatsApp und SnapChat“, schreibt er.

Cremer teilt diesen verzückten Jubel nicht ganz. „Bei 3.000 Zusehern kann man allerdings leider nicht mehr auf jede Fragen der Nutzer eingehen“, meint er. Zudem ist seiner Meinung nach Periscope in der jetztigen Form „für Journalisten nicht immer so leicht zu bedienen“. Dafür ist es ihm allerdings bestens gelungen.

Mit dem neuesten Update schließt Periscope zudem eine wichtige Übersichtslücke. Mit Hilfe einer neuen Karte ist jetzt immer zu sehen, wo gerade live gefilmt wird. Bei einer Breaking-News-Situation ist für alle Nachrichten-Redakteure sofort ersichtlich, ob vor Ort gerade ein potentieller Augenzeuge filmt.

Jan-Böhmermann_text2Jan Böhmermann experimentierte auch schon mit Periscope

Tatsächlich sind die journalistischen Einsatzmöglichkeiten von Persicope, neben der Berichterstattung von Breaking-News-Events, wie der „GNTM“-Bombendrohung, mannigfaltig. So experimentiert Schalke 04 bereits mit dem Dienst, indem der Bundesliga-Club eine Pressekonferenz in Echtzeit ins Web sendete. Der ZDF-Late-Night-Talker Jan Böhmermann bot über die App zuletzt regelmäßig Einblicke in seine Themenkonferenzen, wie auch Bild-Chef Kai Diekmann immer wieder sein Handy zückt um besondere Momente festzuhalten.

Kai Diekmann ist wohl der größte Heavy-Nutzer in Deutschland

So filmte Cremers Boss die Vertragsunterzeichnung mit dem Bild-Briefeschreiber Franz-Josef Wagner, wie auch einen Besuch von stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen oder das Füttern seiner Ziegen. Diekmann ist wohl der größte Heavy-Nutzer in Deutschland. Der Chefredakteur setzt Periscope vor allem dann ein, wenn er Nähe herstellen will. Mit Hilfe der Applikation lässt er so seine Leser und Follower an seinem Leben und seiner Arbeit teilhaben.  So dürfen beispielsweise die Zuschauer regelmäßig via Periscope Einfluss auf die Auswahl des Fotos des Tages bei Bild nehmen.

Allerdings lässt sich die App auch ganz passiv einsetzt. So übertrug Campus TV am Dienstagabend die Antrittsvorlesung von Claus Kleber an der Uni Tübingen. Der „heute journal“-Moderator ist neuer Honorrar-Professor an der Universität.

Früher hätte man für solch eine Übertragung ein Extra-Kamera-Team, einen Ü-Wagen und andere komplizierte technische Ausrüstungsgegenstände gebraucht. Heute reicht ein Smartphone.

“Auch große Medienhäuser wie der US-Sportsender ESPN oder Al-Jazeera setzen Periscope bereits häufig ein“

Grundsätzlich hält Twitter selbst seine Applikation gerade für Medien und Journalisten für „eine sehr gute Ergänzung des Angebots, um in Echtzeit Inhalte zu transportieren und direkt mit dem Publikum zu interagieren“. Weiter erklärte der Deutschland-Sprecher Henning Dorstewitz gegenüber MEEDIA: “Auch große Medienhäuser wie der US-Sportsender ESPN oder Al-Jazeera setzen Periscope bereits häufig ein.“

franz-josef_wagner_diekmannBild-Boss Kai Diekmannn übertrug die Vertragsverlängerung mit Franz Josef Wagner

Wie viele Nutzer die App, die seit Mitte der vergangenen Woche auch in einer Android-Version zu haben ist, hat, will Twitter nicht verraten. Immerhin erklärt der Sprecher: „Bereits in den ersten zehn Tagen nach dem Start von Periscope am 26. März konnten wir die 1-Millionen-Nutzer-Marke knacken, Tendenz weiter steigend. Nicht zuletzt auch durch den jüngsten Start der Android-Version.“

Schwer zu beantworten ist die Frage, ob es sich bei der Twitter-Tochter und ihrem Konkurrenten Meerkat, um ein Trend-Strohfeuer handelt, oder ob der Hype eine gewisse Nachhaltigkeit in sich trägt. Twitter selbst ist natürlich vom Letzterem überzeugt: „Das Periscope-Team arbeitet nach wie vor wie ein Startup und ist so in der Lage, sehr schnell auf Nutzerfeedback und Marktentwicklungen zu reagieren. Gleichzeitig kann man aber auch auf die Ressourcen, das Know-how und die Erfahrung des Mutterkonzerns Twitter zurückgreifen. Das Periscope-Team ist darauf fokussiert, die App ständig zu verbessern und weiterzuentwickeln – das sind die Zutaten für einen langfristigen Erfolg.“

Millionen-Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao wurde einfach illegal gestreamt

Einer der größten Stolpersteine in der Entwicklung des Dienstes dürfte in Rechtefragen bei Live-Events liegen. Mit Hilfe der Twitter-App ist es theoretisch möglich das Urheberrecht zu unterlaufen. So sabotierte ein findiger Periscoper einfach den Millionen-Rechtedeal der Pay-TV-Sender beim Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao, indem er den Fight live und kostenlos ins Web streamte.

Dem entgegnet Dorstewitz: „Periscope duldet keine Piraterie und Streams, die die Rechte von Rechteinhabern verletzen, werden sofort abgeschaltet beziehungsweise entfernt, sobald wir auf entsprechende Inhalte aufmerksam gemacht werden.“ Erst die Realität wird zeigen, wie geschickt sich Twitter tatsächlich im Kampf gegen Live-Piraten anstellen wird.

Tatsächlich hat es die App schon heute auf den Radar vieler Fernsehsender geschafft. So gibt es TV-Produktionen, die bei Fernsehaufzeichnen das Studiopublikum extra darauf hinweisen, dass Live-Streams via Periscope verboten sind. Alleine schon diesen Umstand dürfen die Macher der App als großes Lob interpretieren.

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Alle Kommentare

  1. Ach komm! Videos in dem die Unart das Handy hochkant zu halten gefördert wird, während alle anderen Devices 16:9 darstellen. Einmal kurz drauf gesehen und Kids zwischen 10 und 18 entdeckt. Wenn das die Plattform für Journalisten wird, lese ich nur noch Blogs.
    Übrigens macht Bambusser das schon Jahre. Ustream seit mindestens 2009 als ich den ersten Livestream dort veröffentlichte. Zu Zeiten der Unibesetzung schauten dort bis zu 10.000 Menschen zu. Mittlerweile kann man auch auf Youtube streamen. Der Gute ist knapp 10 Jahre zu spät mit seiner Entdeckung und benutzt dazu auch noch die schlechteste Plattform. Aber gut, wer GNTP liebt….

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