Anzeige

„Tagesschau“-Chef lädt zur Kritik, ignoriert aber Patzer zum Schweizer Online-Pranger

imgo-12.jpeg

"Schweiz stellt Steuersünder an den Pranger", titelt die Schweizer Sonntagszeitung am Wochenende und die "Tagesschau" übernahm diese Meldung ungeprüft als Neuigkeit. Doch wie das Bildblog berichtet, ist die Veröffentlichung der Namen potenzieller Steuerbetrüger keinesfalls eine News. Eine Fehleinschätzung, der auch die "Tagesschau" aufsaß. Passend dazu beschäftigte sich ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke via Blog mit der Kritik an der aktuellen Folgen. Zum Patzer in Sachen Online-Pranger sagte er: nichts.

Anzeige
Anzeige

Die Namen von potenziellen Steuerbetrügern würden ab sofort im Bundesblatt, das im Internet für jeden zugänglich ist, veröffentlicht werden, heißt es in der Schweizer Sonntagszeitung. „Die Eidgenössische Steuerverwaltung wird mit Amtshilfegesuchen überhäuft. Frankreich, Deutschland, Russland, Indien und ein halbes Dutzend anderer Länder möchten wissen, welcher vermeintliche Steuersünder wie viel Geld in der Schweiz versteckt hat“, nennt Artur Rutishausen, Chefredakteur der Sonntagszeitung, als Grund.

Zahlreiche deutsche Leitmedien griffen das Thema des Online-Prangers auf. Unter anderem berichtete auch die „Tagesschau“ am Montag von der Steuerbetrüger-Liste im Netz und bezog sich dabei auf die Schweizer Sonntagszeitung. Die Kritik der deutschen Minister am Vorgehen der Schwarz war am Dienstag Aufmacher der 20-Uhr-Nachrichten.

Doch wie das Bildblog am Dienstag Abend berichtete, ist dies keinesfalls ein neues Vorgehen. Vielmehr würde die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) solche Namen bereits seit fünf Jahren veröffentlichen – für jedermann zugänglich im Internet. „Aus unserer Sicht ist da gar nichts neu“, teilte ein ESTV-Sprecher dem Bildblog mit. Auch an der Praxis habe sich nichts geändert. Der Schweizer Chefredakteur habe die Namensveröffentlichung als Neuigkeit verkauft – und die deutschen Medien die Story – ungeprüft – übernommen.

Anzeige

Am selben Abend, als der Bildblog über den fünf Jahre alten Online-Pranger berichtete, veröffentlichte der „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke im Blog der „Tagesschau“ eine Stellungnahme zur Kritik an der Dienstag-Sendung. Immer mal wieder lädt die Chefredaktion externe Kritiker ein, die Sendung unmittelbar nach der Ausstrahlung zu besprechen. Dieses Mal kam Annette Großbongardt zu Wort, die stellvertretende Ressortleiterin beim Spiegel.

Zwar wurde die Berichterstattung über das Vorgehen in der Schweiz kritisiert – doch hierbei ging es nicht um Aktualität der Nachricht, sondern um die Platzierung an Position 1 der „Tagesschau“ am Dienstagabend: „Als Aufmacher hätte sie sich lieber die Diskussion über die Homo-Ehe (dieser Begriff wäre eine eigene Diskussion wert) gewünscht, statt der Schweizer Offensive gegen potenzielle Steuersünder“, erklärt Kai Gniffke in seinem Statement. Außerdem habe Annette Großbongardt gefordert: „Erklärt besser worum es geht, bevor ihr Politiker zu Wort kommen lasst!“ Bei dem Beitrag zum Schweizer Steuerpranger sei zu wenig erklärt worden, was die Schweizer Steuerbehörden genau tun und welche Menschen betroffen sind. Zugunsten einer intensiveren Erklärung hätte man auf einen Landesminister verzichten können. Eine „intensivere Erklärung“ hätte dann vielleicht auch verdeutlicht, dass das Vorgehen in der Schweiz keinesfalls neu ist.

Mit seiner offenen Stellungnahme hat Kai Gniffke zwar automatisch auch alle Zuschauer zur Kritik aufgefordert – auf den Bericht des Bildblogs hat er bislang aber noch nicht reagiert.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Wenn die Informationen meiner Tageszeitung richtig sind, ist das ganz (die Veröffentlichung) etwas ganz profanes und gehört zum Schweizer Recht.
    Es werden keine Namen »weitergegeben«. Personen, für die von ausländischen Steuerbehörden ein Auskunftsersuchen gestellt wird (die sind den ausländischen Steuerbehörden also schon bekannt) haben in der Schweiz das Recht, dazu angehört zu werden, bevor die Schweizer eventuell Daten rausrücken. Ist die Person anderweitig nicht darüber informierbar, etwa weil kein Aufenthaltsort bekannt ist, erfolget die Information der Betroffenen darüber über das Amtsblatt. Diese Veröffentlichung ist also kein »Steuerpranger«, sondern Information für die Betroffenen über verlangte Auskünfte über sie und ihre Rechte.
    Wer also in der Schweiz noch Konten haben sollte, sollte dafür sorgen, das die dortigen Behörden seine Adresse kennen, um ihn per Brief zu informieren, denn dann unterbleibt eine Veröffentlichung im Amtsblatt 🙂

  2. Was soll diese heuchlerische Empörung zum „Steuerpranger“? Wenn die Deutschen Behörden gestohlene Steuer-CDs kaufen – was juristisch Hehlerei ist – können die Schweizer auch Namen publizieren. Das wirkt auf Steuerhinterzieher sicher abschreckender als andere Strafen.

  3. Die Tagesschau (20.00 Uhr) war gestern auch in anderer Hinsicht nicht aktuell: Den Beitrag über gleichgeschlechtliche Ehen haben sie doch tatsächlich größentreils mit denselben Bildern unterlegt wie den Tagesschau-Bericht vorgestern (20.00 Uhr)!

    Und nicht nur das: Auch bei den Berichten über das Flüchtlingsdrama zeigte uns die Tagesschau tagelang (!) immer wieder dieselbe Frau mit Kind auf dem Arm, die ein Schiff verlässt. Aktuell geht anders…

  4. Ja, das ist echt der Hammer, dass das keiner bei der Tagesschau nachgeprüft hat! Ich habe mich gestern Abend mal hingesetzt und mir die „Enthüllungen“ der Schweizer Steuerverwaltung aufgerufen. Immerhin bis zurück ins komplette Jahr 2014. Inzwischen weiß ich, dass man das sogar bis 2010 zurückverfolgen kann. Die spannendeste Enthüllung war noch, dass auch der Name Keith Richard von den Schweizern an die englische Steuerfahnung weitergegeben wurde… Aber das muss ja nicht mal was Unrechtes bedeuten!

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*