Anzeige

Rocket Internet: Die Luft wird dünner für die Raketenmänner

Börsenpläne noch und nöcher: Mega-Investor Oliver Samwer
Börsenpläne noch und nöcher: Mega-Investor Oliver Samwer

Zurück auf Los: In der vergangenen Woche stürzte die Aktie von Rocket Internet zeitweise unter den Ausgabekurs von 42,50 Euro, zu dem die Anteilsscheine des Beteiligungskonglomerats im Oktober vergangenen Jahres gestartet waren. Der Druck auf die Samwer-Brüder ist nach der Vorlage der Jahresbilanz in der vergangenen Woche gewachsen: Die ehrgeizigen Seriengründer lassen weiterhin den Nachweis vermissen, dass sie auch profitabel arbeiten können – Anleger verlieren die Geduld. 


Anzeige
Anzeige

Es ist so eine Sache mit Wetten. „Das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann, ist, in seiner Jugend eine Wette zu gewinnen“, bekannte einst der Billard-Champion Danny McGoorty – es verleitet zur Hybris. Wie viele Wetten Oliver Samwer in seiner Jugend gewonnen hat, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass sein Einsatz im Erwachsenenleben immer wieder steigt.

Vom 100 Tage-Verkauf des Erst-Start-ups Alando über den enormen Erfolg mit Jamba-Handyklingeltönen über den brutalen Kulturkampf um die Vorherrschaft bei Groupon bis zum Milliarden-IPO Zalandos – die Wetten gingen immer auf: die Samwers haben ihren Einsatz stets scheinbar mit Leichtigkeit wieder hereingeholt und danach richtig Kasse gemacht.

Wette mit 100-fachem Hebel

Beflügelt vom enormen Erfolg der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte gingen die Seriengründer im vergangenen Herbst mit dem Börsengang ihres Beteiligungsunternehmens Rocket Internet dann buchstäblich ‚all-in‘.  Mit Rocket Internet haben die Samwers ihren Einsatz vervielfacht – es ist eine Wette auf den schnellen E-Commerce-Erfolg in aller Welt.

Und das mit 100-fachem Hebel, denn in so viele Firmen ist Rocket Internet inzwischen investiert. Home24, eDarling, Wimdu, Glossybox, Westwing, Lieferheld und natürlich Zalando sind die ersten Namen aus dem Samwer-Reich, die einem hierzulande einfallen.

Doch die eigentliche Wachstumswette liegt in den Schwellenländern: In Klons ihres Online-Modekaufhauses Zalando, das schon namentlich unverkennbar das Vorbild für Zalora, Lazada, Lamoda und Dafiti ist – Online-Shopping-Angebote in Malaysia, Indonesien, Russland oder Brasilien.

Wachstum in Schwellenländern gesucht

Konzernchef Oliver Samwer hat damit das Lehrbuch der Globalisierung zur Blaupause seiner Milliardenwette auserkoren:  Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt – USA und China – werden von Amazon und Alibaba dominiert, doch in den BRIC-Nationen und Schwellenländern in Südostasien, Südamerika, Osteuropa und sogar Afrika sei das Wachstumspotenzial längst nicht ausgeschöpft.

Es ist die klassische Bullenmarktwette in Zeiten einer boomenden Weltkonjunktur: Dow Jones und S&P? Was für Langweiler. Der Hangseng? Gelaufen. Aber was geht da in Singapur, Kuala Lumpur, Jakarta, Rio oder Kapstadt?

Auffälliger Abwärtstrend in Zeiten des Börsenbooms

Erfahrene Anleger kennen die Spielregeln: Es geht so lange gut, bis es schiefgeht. Seit sechs Jahren läuft die Hausse an den Weltbörsen nun schon, ohne die ein IPO von Rocket Internet in diesen Dimensionen undenkbar gewesen wäre.

Einen Börsenwert von sieben Milliarden Euro für ein Unternehmen aufzurufen, das aus inzwischen 100 Unterfirmen besteht, die überwiegend defizitär arbeiten, und sich vorsichtshalber erst mal im Entry Standard listen zu lassen, indem auf lästige Quartalsberichte verzichtet wird – dafür braucht es schon enormes Investoren-Vertrauen, das bekanntlich in Zeiten haussierender Notierungen am größten ist.

Doch seit Jahresbeginn scheint dieses Vertrauen nun zu schwinden. In dem äußerst freundlichen Börsenumfeld der vergangenen Monate, in dem vor allem die deutschen Aktienmärkte boomten, als gäbe es kein morgen, ist das ein deutliches Alarmsignal: Satte 17 Prozent tiefer notiert das Papier seit Jahresbeginn, während Dax, MDax, und TecDax seit Januar allesamt zweistellig zulegten.

Anzeige

Jahresbilanz enttäuscht

Für tiefe Verunsicherung sorgte im Februar kurz nach der 500-Millionen-Euro-Beteiligung an Delivery Hero eine Kapitalerhöhung über weitere 600 Millionen Euro, obwohl die Samwers zuvor noch angekündigt hatten,  über Jahre keinen zusätzlichen Finanzierungsbedarf zu haben.

Auch die Bilanzvorlage für das abgelaufene Geschäftsjahr vermochte Investoren vergangene Woche nicht zu besänftigen. Rocket legte jenseits der GAAP-Bilanzierungsstandards ein wenig aussagekräftiges Zahlenwerk vor, in dem nicht die Geschäftstätigkeit des Gesamtkonzerns, sondern lediglich der brasilianischen E-Commerce-Unternehmen Kanui und Tricae ausgewiesen wurde. Unterm Strich wurde so bei Umsätzen von gerade mal 104 Millionen Euro ein Verlust von 20 Millionen Euro bilanziert – nicht zuletzt wegen der Kosten im Rahmen des Börsengangs.

Aktie schmiert auf 6-Monatstief ab

Die Folge: Ohne die Klarheit über die Geschäftstätigkeit der vielen Beteiligungen sinkt das Vertrauen der Kapitalmärkte weiter. Der Abwärtstrend der einstigen Kursrakete beschleunigte sich in der vergangenen Woche zunehmend – kurzfristig ging sogar die 40-Euro-Marke verloren, ehe im freundlichen Marktumfeld am Freitag nochmals Kurs auf den Ausgabepreis von 42,50 Euro genommen wurde.

Damit sind Aktionäre, die im vergangenen Oktober Anteilsscheine von Rocket Internet gezeichnet haben, nach sieben Monaten explodierender Notierungen an den deutschen Aktienmärkten wieder auf Los angekommen – im Vergleichszeitraum wäre mit einem simplen Index-Zertifikat auf den Dax allein 25 Prozent zu verdienen gewesen. Man muss Rocket Internet folglich einen holprigen Börsenstart bescheinigen.

Wochen der Wahrheit stehen bevor

Und die Negativschlagzeilen nehmen zu. Wie der Spiegel in der vergangenen Woche berichtete, werden die Problemfelder nicht weniger – im Gegenteil. Die Beteiligungen verbrennen nicht nur nach wie vor Geld, sie  „machen sich mitunter auch gegenseitig Konkurrenz”, wie bei Lieferheld und Foodpanda zu beobachten.  Wenig überraschend meldete das Hamburger Nachrichtenmagazin Zweifel an der Seriosität des Langzeitgeschäftsmodells am Beispiel der Kreditportale Zencap und Lendico an.

Die Rocket-Aktie befindet sich seit dem bisherigen Allzeithoch vom vergangenen November bei 60 Euro in einem anhaltenden, halbjährigen Abwärtstrend, bei dem es nun kritisch wird. Sollten die Notierungen
nachhaltig unter den einstigen Ausgabekurs von 42,50 Euro zurückfallen, der vielen Anlegern als psychologische Marke dienen dürfte, scheinen weitere Kursverluste absehbar – das bisherige Allzeittief liegt bei rund 31 Euro, aufgestellt kurz nach dem Börsengang.

Immer noch mehr wert als Lufthansa oder K+S

Für die Samwers, die über ihren Global Founders Fond 38 Prozent am Unternehmen halten, steht einiges auf dem Spiel – vor allem, wenn die sechsjährige Hausse an der Börse zu Ende geht und die lang erwartete Korrektur einsetzt.

Mit enormen 7 Milliarden Euro wird Rocket Internet aktuell immer noch an der Börse bewertet – weit mehr als die Dax-Mitglieder Lanxess, K+S und sogar die Deutsche Lufthansa. Viel Geld für ein undurchsichtiges Firmengeflecht von 100 Start-ups zwischen „Proven Winners“, „Emergings Stars“ und sonstigen Beteiligungen…

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Rocket Internet wird wohl eine der erfolgreichsten deutschen Firmen in den nächsten 10 Jahren sein, davon bin ich überzeugt. Die Geschäftsmodelle sind aufgrund der Erprobung in US-Märkten sehr risikoarm. Das ganze Gelaber von Verlusten zeigt, dass die Leute das Prinzip Venture nicht verstanden haben. Wichtig ist, dass die Unternehmen später mal profitabel sein können und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch werden. Anders: Lufthansa und etablierte Firmen mit schlechten Geschäftsmodellen. Dies dauert typischerweise 5-7 Jahre. Solange bei steigenden Umsätzen die EBIT-Margin allmählich besser wird, lassen sich diese Ventures auch sehr gut finanzieren. Solange Rocket die Umsätze steigern kann und operativ optimiert, gewinnt die Firma an Wert. Der Gewinn liegt bei Beteiligungsgesellschaften in der Wertsteigerung und nicht im Gewinn der Gesellschaften.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*