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Die Prophezeiungen von Mr. Netflix zum Ende des Fernsehens und warum sie nicht (ganz) stimmen

Mann mit einer globalen Mission: Netflix-Gründer Reed Hastings
Mann mit einer globalen Mission: Netflix-Gründer Reed Hastings

Netflix-Chef Reed Hastings hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mal wieder das Ende des Fernsehens vorhergesagt. In zehn Jahren, so Hastings, hätten sich die Sehgewohnheiten von TV-Zuschauern komplett verändert, und zwar zu Ungunsten des linearen Fernsehens. Dabei lässt der Netflix-Chef einige wichtige Aspekte außen vor. Fernsehen ist nicht vom Aussterben bedroht, aber es wird sich verändern.

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Zunächst einmal ist es nicht wirklich überraschend, wenn der CEO des weltweit führenden Streaming-Unternehmens der Ansicht ist, dass die Zukunft dem Streaming und nicht dem linearen TV gehört. Reed Hastings spricht hier immer auch in eigener Sache, was sein gutes Recht ist, manchmal aber vergessen wird.

Davon abgesehen gibt es tatsächlich gute Argumente dafür, dass Video-Streaming in Zukunft bedeutender werden wird:

– Es entspricht dem Nutzungsverhalten vieler Menschen.

– Es werden hochwertige Inhalte ohne Werbe-Unterbrechung angeboten.

– Streaming-Anbieter bieten Abos zu moderaten preisen und mit flexiblen Kündigungsmodalitäten – sie sind also kundenfreundlich.

– Die verfügbare Bandbreite für Video-Streaming wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

– Fiktionale Inhalte im werbefinanzierten Free-TV werden immer unattraktiver (zeitlich verzögerte Ausstrahlung, häufige Werbe-Unterbrechungen, wirre Programmierung).

Netflix-Chef Hastings schert im FAS-Interview die linearen TV-Sender jedoch alle über einen Kamm: “Ich vergleiche die Sender gerne mit dem Telefon. Natürlich gibt es noch das Festnetz, hier in meiner Hotelsuite steht auch so ein Gerät herum. Aber das benutzt kein Mensch. Alle haben Smartphones.” Dieser Vergleich hinkt gewaltig, nicht zuletzt weil man Sendeanstalten wie die öffentlich-rechtliche ARD nur sehr eingeschränkt mit Privatsendern vergleichen kann.

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Öffentlich-rechtliches Fernsehen dürfte wenig von der neuen Konkurrenz aus dem Netz tangiert sein. Die Finanzierung von ARD und ZDF erfolgt bekannterweise aus Rundfunkbeiträgen, die jeder zahlen muss. Die Finanzierung dieser Sender ist also staatlich garantiert. Außerdem liefern die öffentlich-rechtlichen Kanäle gemäß ihres öffentlichen Auftrags auch Inhalte jenseits kommerzieller Interessen: politische Sendungen, Dokumentationen, Reportagen, Nachrichtensendungen. Vor allem TV-Nachrichten sind teuer in der Produktion und – wenn seriös gemacht – wenig attraktiv für Werbung. Sie sind und bleiben eine ureigene Domäne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Ähnliches gilt für Sport- Große Sportereignisse wie eine Fußball-WM oder -EM oder Olympia. Dies sind Publikumsmagneten, die noch Generationen gemeinsam vor den Fernseher locken. Hier ist der Live- und Event-Charakter entscheidend und eben nicht der individuelle On-Demand-Konsum. Ähnliches gilt – eingeschränkt – für große TV-Shows. Bei den Shows haben die Sender freilich das Problem, dass es extrem schwierig geworden ist, attraktive neue Formate zu entwickeln.

Maxdome, die Streaming-Tochter von ProSiebenSat.1, experimentiert zwar auch mit Sport-Events und Live-Streaming, es ist aber unwahrscheinlich, dass dies über das Experimentierstadium hinaus erfolgreich sein dürfte. Netflix-CEO Hastings hat neulich Streaming auch für Sportereignisse als die Zukunft gepriesen und schwärmte von einer Fußball-WM übertragen in 4K Ultra-HD-Technik übers Internet. Das darf man als PR-Gedöns abheften, denn so etwas wie die Fußball-WM würde sich für Streaming-Firmen schlicht nicht lohnen. Die Rechte sind zu teuer, die Ausstrahlung praktisch auf das einmalige Event beschränkt. Solche Sport-Großereignisse können auf absehbare Zeit nur öffentlich-rechtliche TV-Sender oder Pay-Plattformen wie Sky stemmen.

Fiktionale Inhalte, die global verwertbar und praktisch beliebig wiederholbar sind, werden für lineare Sender in der Tendenz dagegen immer unwichtiger werden. Denn hier sind die Streaming-Anbieter im Vorteil. Event- und Live-Formate werden dagegen für lineare Sender immer wichtiger. Dazu zählen kurioserweise auch trashige Formate wie die Scripted-Reality-Soap “Berlin Tag & Nacht” von RTL II. Hierbei handelt es sich zwar um produziertes, fiktionales Fernsehen, die pseudo-dokumentarische Anmutung und tägliche Ausstrahlung vermittelt den Zuschauern aber ein “Live-Gefühl”. Zumal der Sender die Serie geschickt über Social Media in den Alltag der Zuschauer hinein verlängert.

Man kann also festhalten, dass der Aufstieg der Streaming-Dienste vor allem für solche TV-Sender zum Problem wird, die stark auf US-Filme und TV-Serien setzen. Es ist bereits ein viel diskutiertes Phänomen, dass gerade hochwertige TV-Serien aus den USA, wie “House of Cards”, “Game of Thrones” oder “Homeland”, im deutschen Free-TV nur auf begrenztes Interesse stoßen. Die Erklärung von TV-Verantwortlichen ist oft, dass deutsche Fernsehzuschauer andere Sehgewohnheiten hätten, dass sie Serien mit abgeschlossenen Episoden bevorzugen würden. Eine andere Erklärung wäre, dass Zuschauer, die sich für solche komplexeren Inhalte interessieren, diese bei Free-TV-Sender erst gar nicht mehr suchen. Bzw.: Die Free-TV-Sender machen es durch die Art und Weise der Aufbereitung fast unmöglich, solche Inhalte bei Ihnen zu konsumieren. Die Folgen einer Serie werden oftmals an zwei oder drei Tagen am Stück hintereinander weggesendet, werden durch wahllos platzierte Werbeblöcke zerhackt. Zuschauern, die tatsächlich an der Handlung interessiert sind, wenden sich da verständlicherweise mit Grausen ab.

Bezeichnenderweise ist es hierzulande – neben Sky – vor allem das ZDF, das mit seiner Mediathek das Streaming für sich entdeckt. So wurden die beiden hochwertigen Produktionen “Schuld” nach dem Bestseller von Ferdinand von Schirach und “The Team” vor der linearen Ausstrahlung in bester Netlix-Manier komplett in der Mediathek zum Streamen zur Verfügung gestellt.

Streaming-Dienste bedeuten nicht das Ende des Fernsehens, sie sorgen aber dafür, dass sich das Fernsehen verändert. Für die Zuschauer bedeutet dies nur Gutes.

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Alle Kommentare

  1. „Vor allem TV-Nachrichten sind teuer in der Produktion und – wenn seriös gemacht – wenig attraktiv für Werbung. Sie sind und bleiben eine ureigene Domäne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.“

    Schon einmal im Internet gewesen ? 🙂 Schon einmal von Vice gehört ? Und das ist übrigens nicht alles- auf HBO gibt es in US da mehr. Und auch wenn die Vices dieser Welt kommen und gehen, eines ist gewiss: Nichts wird sein und bleiben. Gar nichts.

  2. Der Vergleich zwischen linearem Fernsehen und Festnetz ist – wenngleich anders als gemeint – ziemlich passend.

    Schnelles Internet wird größtenteils nur in Verbindung mit einem Telefonanschluss angeboten. Zahl man also für und hat man, auch wenn man es kaum braucht.

    Für öffentlich-rechtliches Fernsehen müssen auch alle Internetuser zahlen, auch wenn sie es vielleicht so gut wie nie nutzen.

    Es ist zwar richtig, dass fiktionale Inhalte besonders für Streaminganbieter geeignet sind. Mir leuchtet allerdings nicht ein, warum langfristig nicht auch Inhalte mit Live-Charakter nur noch gestreamt werden sollten.

    Bei den angesprochenen Sportinhalten waren in letzter Zeit nicht nur die Livestreams bei großen Events sehr gefragt. Auch sonst ist Sport live und als Aufzeichnung auf Abruf für viele Menschen interessant. Das Internet ermöglicht anders als das lineare Fernsehen die ausführliche Berücksichtigung sogenannter Randsportarten.

    Was den Lagerfeuer-Effekt angeht: Welchen Unterschied macht es dabei, ob ein Event über einen TV-Kanal oder via Stream übertragen wird? Keinen!

    TV-Serien: Wie fast immer bei diesem Thema wird übersehen, dass die angesprochenen hochwertigen US-Serien nicht für das Free-TV gemacht wurden.

    Game of Thrones läuft auf HBO (Pay-TV), Homeland auf Showtime (Pay-TV) und House of Cards wurde von Netflix direkt für den Video-on-Demand-Konsum produziert.

    Auf den US-Pay-TV-Sendern erreichen diese Serien bei der Erstausstrahlung in der Regel kein Massenpublikum. Die deutschen Free-TV-Sender mögen damit deutlich unter dem Senderschnitt bleiben, aber in absoluten Zahlen erreichen sie bei Erstausstrahlung mitunter sogar ein größeres Publikum.

    Der entscheidende Unterschied ist: Für einen Free-TV-Sender ist die hohe Quote bei der TV-Premiere sehr wichtig. Pay-TV-Sender können insoweit mehr auf die langfristig insgesamt erreichten Zuschauer abstellen, zudem ist die Kundenbindung ein wichtiger Faktor.

    Ein werbefinanzierter Free-TV-Sender hat ein Problem, wenn seine Zuschauer erst alle Folgen einer Staffel aufzeichnen und sie dann am Stück gucken und die Werbung auch noch vorspulen. Für einen Pay-TV-Sender ist die Werbung – so es denn welche gibt – ein Zusatzgeschäft.

    Es mag sein, dass manche Zuschauergruppen bestimmte Arten von Inhalten bei Free-TV-Sendern gar nicht mehr auf dem Schirm haben. Wichtiger scheint mir: Viele derjenigen, die sich für Serien wie die genannten interessieren, haben sie bereits lange vor der Free-TV-Premiere auf einem Pay-TV-Sender oder in einer Onlinevideothek angeschaut. Würden die Folgen am Tag der US-Ausstrahlung im deutschen Free-TV laufen, wären die Quoten mit Sicherheit sehr viel höher.

    Natürlich ist das derzeit unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten (und mit Blick auf das Thema Verwertungsketten) nicht machbar. Aber es geht hier ja um das vermeintlich geringe Interesse der deutschen TV-Zuschauer an die Premium-US-Serien.

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