Produktrezensionen im Web: Wenn „Uwe54“ der Durchfall plagt

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Rund drei Viertel aller Onlineshopper glauben den Produktrezensionen anderer Konsumenten. Grund genug, sich diese einmal genau anzuschauen: In ihrer re:publica-Lesung "7 von 83 KundInnen fanden die folgende Rezension hilfreich" nahmen Theaterwissenschaftlerin Carolin Meyer und Kommunikationswissenschaftlerin Josefine Matthey die skurrilsten Bewertungen auseinander.

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Von Tatjana Kerschbaumer

Konsum muss nicht per se schlecht sein, witzig ist er garantiert. Zumindest wenn Kunden und Kundinnen ihren Emotionen über gerade Gekauftes im Netz Ausdruck verleihen. Sie tun es theatralisch. Mit Hilfe von Bewertungssternchen. Ellenlang. Beleidigt. Die Spielvarianten der digitalen Produktrezension könnten ganze Abende füllen; Meyer und Matthey hatten auf der re:publica am Mittwochabend immerhin eine Stunde Zeit, die literarischen Höhepunkte aus Verkaufsportalen vorzustellen.

Sehr. Schneller. Versand. Das ist wohl eine der häufigsten Bewertungen, die Kunden über Produkte im Internet abgeben – auch wenn das mit der Ware eigentlich gar nichts zu tun hat. Hauptsache, UPS war flink. Oder kam sogar zweimal vorbei, weil der Besteller vormittags nicht zu Hause war. Eine rasche Zustellung löst wahre Begeisterungsstürme bei den Rezensenten aus. Da ist es auch fast egal, was im Karton war.

Kategorie zwei: Die Ratlosen. Sie haben etwas bestellt, „und jetzt steht es einfach nur rum“. Vielleicht findet sich ja später noch Verwendung für das erworbene Objekt. Dumm nur, wenn man eine körperliche Reaktion dagegen entwickelt hat: „Leider trage ich die Uhr derzeit nicht, da ich anscheinend eine Allergie gegen das Material habe“. Meyer und Matthey blieb nichts anderes übrig, als dem Rezensenten eine rosige Zukunft mit einer anderen Uhr zu wünschen.

Dann wären da noch die verhinderten Schriftsteller. Also alle, die den Sinn einer Produktrezension irgendwie nicht so ganz verstanden haben. Kurz informiert und bewertet wird hier gar nichts, stattdessen sogar Cremeduschen und Pflegelotionen akribisch analysiert. Die Verpackung der Dusche wirkte auf dem Onlinebild vor dem Kauf winterlich-kuschlig? Tja, es kam leider nur sehr, dünner, nicht stabilisierter Karton, in dem die Kosmetika lose herumstanden. Die Dusche selbst war okay, irgendwie cremig, der Duft hat immerhin nicht gestört. Aber die Lotion! Unheimlich. Die Inhaltsstoffe sind irgendwie verwirrend, und dass die Haut danach „neue Kanäle bilden soll“ kann doch auch nicht stimmen. Oder? Skepsis, tausende Zeichen lang.

„Uwe 54“ plagt sich weniger mit Pflegeduschen denn mit Durchfall herum, was man seinen Rezensionen im Lauf der Zeit immer mehr anmerkt. Meyer und Matthey attestierten ihm eine wahre „Rezensionspersönlichkeit“: „Uwe 54“ strickt Bewertungen immer nach dem gleichen Muster, gerne fünf Sterne, und ärgert sich darüber, dass Amazon ihn dazu zwingt, seine Sternchenvergabe mit einigen Wörtern zu begründen. Weil es aber nicht anders geht, schreibt er – abgesehen von Hinweisen auf seine chronische Diarrhoe – immer dasselbe: „Wenn das Produkt nicht in Ordnung wäre, hätte ich es reklamiert“. Ach was. „Uwe 54“, das stellten auch die beiden Speakerinnen fest, muss die Kompromisslosigkeit in Person sein.

Allerdings gibt es nicht nur etwas seltsame Rezensenten, sondern auch sehr, sehr seltsame Produkte. Die folgerichtig noch seltsamere Kommentare als alle anderen Waren hervorrufen. Der „Carponizer“ – ein Erotikkalender„, der leicht bekleidete Frauen mit sexy Fischen kombiniert – ist eines der Paradebeispiele. Sehr lebensnah, sogar die Hauskatzen glauben, die abgebildeten Karpfen seien echt. Nur dumm, dass manchem Anglerfreund zu viele Frauen den Blick auf zu wenig Karpfen verstellen.

Der Höhepunkt der Lesung war sicherlich die lange Klage einer Frau, die sich an zuckerfreien Gummibärchen von Haribo versucht hatte. Mit „Uwe 54“ hatte sie zumindest kurzfristig eines gemeinsam: Durchfall. Auch der gesamte Freundeskreis wurde befallen, weil niemand glauben konnte, das Gummibärchen derart infernalisches Eingeweide ächzen auslösen könnten. Böser Fehler. Den die Rezensentin dann auch mehr oder weniger genüsslich auf zig Zeilen ausbreitete. Die gefährlichen Bären sind mittlerweile wohl wieder vom Markt verschwunden. Woraus alle Zuhörer der Session lernten: Produktrezensionen sind witzig. Und manchmal auch wirklich hilfreich.

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