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Zeit Online und der unpassende Vergleich zwischen “Game of Thrones” und IS-Hinrichtungsvideos

Uiuiui
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RTL versteckt die gelungene Larissa-Dokusoap in der programmlichen Todeszone. Die B.Z. nervt mit einem preiswert animierten Problem-Bären. Zeit Online findet, dass sich Kopf-ab-Szenen bei “Game of Thrones” in Zeiten des IS-Terrors nicht gehören und Boulevardmedien werden dafür kritisiert, dass sie Boulevardmedien sind. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Es gibt sie noch, die gute Dokusoap. RTL hat sein Versprechen oder seine Drohung  – je nachdem – wahr gemacht und am vergangenen Samstag in der programmlichen Todeszone am Samstagmittag um 13.45 Uhr den ersten Teil der angekündigten Larissa-Marolt-Dokusoap gesendet. Titel: “Larissa goes to Hollywood”. Zwar ging die Larissa in der ersten Folge nicht nach Hollywood, sondern nach Köln, nach Erfurt, nach St. Kanzian am Klopeiner See und ganz am Schluss nach New York, das macht aber nix. Die Larissa-Soap zeigte wenig Privates und viel Material, das hinter den Kulissen von Modenschauen und TV-Auftritten gedreht wurde. Dank der burschikos-witzigen Art der Protagonistin war das sehr vergnüglich anzuschauen. Seit derDschungelshow bin ich halt Larissa-Fan. Warum nur, versteckt RTL dieses Programm, das von Geschäftsführer Frank Hoffmann auf einer Programmpräsentation sogar mal vollmundig angekündigt wurde, auf so einem Killer-Sendeplatz?Wirkt fast so, als sei der Sender mit dem Ergebnis nicht zufrieden.  Naja. Recorder programmieren, denn am 2. Mai läuft die zweite und letzte Folge der Larissa-Soap. Anschauen lohnt auf jeden Fall!

Die Berliner Boulevardzeitung B.Z. hat sich von so einer Gedöns-Agentur namens Zoobe einen animierten Problem-Bären namens “Emil” aufschwatzen lassen. Der preiswert animierte Bär hüpft jetzt durch Videos mit Berliner Lokal-News-Zeugs. Stau in Tegel uiuiui. Ja sagemal. Irritierenderweise spricht der einem Klingelton-Abo entsprungene Bärli seine helium-verzerrten Sätze immer mit anderen Stimmen. Das liegt wohl daran, dass verschiedene B.Z.-Redakteure “Emil” ihre Stimme leihen. Ich weiß gar nicht, was ich an der Sache am bescheuertsten finde: Dass jemand anno 2015 immer noch denkt, ein “Avatar” sei eine spitzen Idee? Dass für diesen Unfug Geld zum Fenster rausgeschmissen wird? Dass der Bär mit verschiedenen Stimmen spricht? Wenn der Bär wenigstens ansatzweise lustig wäre, nur so ein ganz klitzekleines bisschen. Ist er aber nicht. Und es gibt offenbar auch niemanden, der in einer Konferenz, auf der so ein Blödsinn beschlossen wird, aufsteht und ruft: Halt! Das mit dem Bären, das ist totaler Quatsch, Geldverschwendung und es ist nicht lustig! Nicht lustig!!! Das wäre ein Job, der tatsächlich dringend gebraucht wird: Quatsch-Verhinderer auf Entscheider-Konferenzen. Aber das bleibt wohl ein Traum.

Gerade läuft in den USA und hierzulande bei Sky die fünfte Staffel der Blut- und Brüste-Saga “Game of Thrones” in bewährter Kopf-ab-Qualität. Bei Zeit Online machten sie jetzt wegen einer eins zu eins aus der Buchvorlage entnommenen Enthauptungs-Szene in der jüngsten Folge ein mords Gewese und brachen gleich ein Gewaltdebatte vom Zaun. In der Nacherzählung der “Game of Thrones”-Folge bei Zeit Online wird die Enthauptung des Unsympathen Janos Slynt durch den feschen Lord Commander Jon Snow allen Ernstes mit echten Enthauptungen durch IS-Terroristen verglichen. Der Autor fragt:

Kann Game of Thrones wirklich ignorieren, dass in der Wirklichkeit seit vergangenem Jahr Hinrichtungsvideos der Terrormiliz IS zirkulieren, die ziemlich genau das Gleiche zeigen, nur in echt und nicht in mittelalterlichen Kostümen?

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Äh, ja. Es kann. Denn zur Überraschung mancher sei daran erinnert: “Game of Thrones” ist eine Fantasy-Fernsehserie. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns von den verrückten, gewalttätigen IS-Irren vorschreiben lassen würden, was eine TV-Serie, die an Erwachsene gerichtet ist, zeigen darf und was nicht?

Nach dem schrecklichen Erdbeben in Nepal veröffentlichte Bild.de einen Artikel, der die beiden Reporter am Ort des Geschehens in Kathmandu zeigt. Darüber die Zeile “Neben uns ziehen sie die Leichen aus den Trümmern”. Das Bildblog twitterte das Motiv und schrieb dazu “Fehlt nur noch die Selfie-Stange”. Die Aufmachung der Bild.de Story ist zweifellos drastisch, folgt aber den Regeln des Boulevard. Die Bild dokumentiert, dass ihre Leute vor Ort sind und stellt mit einer Schlagzeile den direkten Bezug zwischen den Folgen der Katastrophe und dem Vor-Ort-Sein her. Es ist eine emotionale Leseransprache, die direkt auf den Bauch zielt, weniger auf den Kopf. Das ist Boulevardjournalismus. Das muss man nicht mögen, man darf das sogar als geschmacklos empfinden. Ich habe den Eindruck, dass sich Kritik an Boulevardmedien in jüngerer Zeit immer stärker an solchen Geschmacksfragen abarbeitet. Kritiker nehmen dabei oft nicht Fehler oder Auswüchse der Berichterstattung aufs Korn, sondern kritisieren Boulevardmedien für das, was sie im Kern sind, nämlich Boulevardmedien. Würden Boulevardmedien sich so verhalten, wie Kritiker sich das wünschen, dann würden sie schlicht aufhören, Boulevardmedien zu sein. Einer solchen Fundamentalkritik kann man schwer begegnen. Außer man lässt Boulevardmedien aus Geschmacksfragen gesetzlich verbieten. Und alle Gewaltszenen in Filmen und TV-Serien am besten gleich mit. Verboten wegen Igitt. Wollen wir das?

Ein schönes 1.Mai-Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Hallo Herr Winterbauer,

    laut meines Kenntnisstands hat das Wort „Gedöns“ folgende Bedeutung:

    1) umständliche Handlungsweise, die eine Problemlösung verhindert; „mach nich son Gedöns“ – Aufforderung zu sofortigem stringentem Handeln; 2) wertlose Gegenstände, die ungeordnet herumliegen („Der macht en riesen Gedöns um seine Nuckelpinne.“); 3) Gedönsrat – scherzhafte Umschreibung für einen Lehrer

    Als jemand, der diesen Begriff leidenschaftlich gern im richtigen Kontext nutzt, frage ich mich, wie Sie zu ihrer Aussage kommen, dass Zoobe eine „Gedöns Agentur“ sei? Denn zum einen handelt es sich bei Zoobe nicht um eine Agentur, sondern ein erfolgreiches Start-Up Unternehmen und außerdem wird hier ein Produkt entwickelt und vermarktet, das sich international sehr großer Beliebtheit erfreut. (3,5 Mio. Downloads)

    Das kann man mögen oder auch nicht nur ist und bleibt die Bezeichnung „Gedöns-Agentur“ damit faktisch falsch. Aber vielleicht wussten Sie auch schlicht und einfach nicht, was Gedöns bedeutet? Dann freut es mich sehr, Ihnen etwas auf die Sprünge geholfen zu haben.

  2. Danke, Herr Winterbauer. Ich hoffe, Zeit online gestattet es uns noch lange, Fiction-Serien zu gucken.
    Komisch, ich dachte, es gäbe so etwas wie die Freiheit der Kunst.

  3. Herr Winterbauer, auch wenn der Berliner Zeitungsmarkt ziemlich kompliziert ist und man RTLs Larissa Marolt und unser kleines Bären-Gimmick offensichtlich für wichtiger hält als den Kotau eines „Zeit“-Autoren vor „ISIS“ : Die „BZ“ ist nicht die „Berliner Zeitung“. Ach, korrigiert? Ja, sagemal…

  4. [..] Seit derDschungelshow bin ich halt Larissa-Fan

    [..] die fünfte Staffel der Blut- und Brüste-Saga “Game of Thrones”
    [..] in bewährter Kopf-ab-Qualität

    okayyyy, sieht so aus, als ob sich die lektüre weiterer artikel von stefan winterbauer per se erledigt … hier spricht eben der fachmann für voyeurismus und der ignorant in sachen serien.

  5. Naja, man darf das Bild Blog auch nicht zu ernst nehmen. An der Bild gibt es sicher viel zu kritisieren, aber das Bild Blog ist häufig so unterirdisch schlecht, da kann die Bild eigentlich nur gewinnen.

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