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Mach, dass es aufhört: Vom Binge-Watching zum Purge-Watching

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Spätestens mit Netflix und Co. haben Serien-Fans im Netz maximale Konsumfreiheit erlangt. Dadurch hat sich das Phänomen des Binge-Watchings durchgesetzt: Wir glotzen Serien bis zur Erschöpfung, weil wir es können - und weil wir nicht anders können. Denn aus der Freiheit ist längst ein Zwang geworden: Der Zwang, zu beenden, was man angefangen hat. Auch wenn man es gar nicht mag.

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Als Adam Sternbergh die letzte Folge der Superhelden-Serie „Daredevil“ beendet, ist er erleichtert. Nicht etwa, weil die Geschichte so gut ausgeht sondern, weil er endlich fertig ist: Fertig mit zwölf Episoden einer Serie, die er nicht einmal mag. Das stellt Autor des Popkultur-Magazins Vulture, einem Ableger des New York-Magazins, eigentlich recht schnell fest, doch er macht weiter. Weil er bereits einige Stunden investiert hat, um die Netflix-Produktion zu schauen und diese dann verschwendet wären. „Ich habe ja schon acht Stunden damit verbracht“, denkt er, „dann kann ich auch noch weitere fünf Stunden schauen.“

Netflix und Co. stehen für maximale Konsumfreiheit von Serien-Fans

Sternberghs Verhalten ist die Weiterentwicklung eines Phänomens, das spätestens seit dem Einzug von Video-on-Demand-Anbietern wie Netflix und Co. jedem Serien-Fan bekannt sein dürfte: „Binge-Watching“. Übersetzt auch „Komaglotzen“ genannt und vom englischen Begriff des „Binge-Drinking“- dem exzessiven Alkoholkonsum – abgeleitet, ist damit das maßlose und stundenlange Schauen von Serien gemeint.

Zwei bis drei Folgen „House of Cards“ am Abend sind normal, schnell und ohne es zu merken verbringt manch einer gleich ein ganzes Wochenende in der schönen, spannenden Serien-Welt. Weil im Netz alles zu jeder Zeit verfügbar ist, weil wir nicht mehr abhängig sind vom Duktus des linearen Fernsehens. Wir können selbst darüber bestimmen, wann wir was und wie lange sehen möchten und verlieren uns so manches mal in dieser neu gewonnenen Freiheit.

Sucht, Depression, Einsamkeit

In der Wissenschaft wird das Phänomen bereits seit einiger Zeit als neue Sucht diskutiert. Das besondere am Binge-Watching – im Vergleich zu hohem Fernsehkonsum – ist die Intensität, mit der ersteres betrieben wird, erklärt Medienpsychologe Jo Groebel gegenüber MEEDIA: „Binge-Watching verbindet exzessiven Konsum mit hoher Aufmerksamkeit, wir richten dabei unsere gesamte Konzentration auf das Geschehen. Beim normalen Fernsehkonsum ist der Zuschauer öfters abgelenkt. Das wird in der Forschung häufig unterschätzt.“

In den USA wird zu dem Phänomen bereits intensiver geforscht. Eine vom US-Sender Fox in Auftrag gegebene Studie ergab beispielsweise, dass Probanden mit suchtartigen Körpersymptomen reagieren, wenn die Lieblingsserie nach wenigen Minuten abbricht. Eine Studie der University of Texas in Austin wiederum sorgte Anfang des Jahres für Aufsehen. Die Forscher fanden heraus, dass besonders Menschen mit einem Hang zu Depressionen und einem Mangel an Selbstbeherrschung sich dem maßlosen Serienkonsum hingeben. Komaglotzen kann also ein Hinweis auf schwerwiegende psychische Probleme sein. Zudem führe der übermäßige Serienkonsum zur Vereinsamung, weil Betroffene sich nur noch in ihrer Serienwelt aufhielten.

Einen Grund für die Abhängigkeit sehen Wissenschaftler in der Sehnsucht nach Realitätsflucht: Die Menschen ruhen sich von ihren wirklichen Sorgen aus, indem sie sich fiktive anschauen, in der Wissenschaft wird dieses Phänomen ‚Eskapismus‘ genannt. Serienhelden werden dabei zu Freunden: „In der Soziologie spricht man oft von parasozialer Interaktion. Dass Leute das Gefühl haben, dass sie ein persönliches, ja fast intimes Verhältnis zu diesen Figuren haben“, erklärt Medienwissenschaftler Daniel Stein. Durch die Möglichkeit des Binge-Watching entwickelt sich diese Verbundenheit zum einen schneller, zum anderen stärker als bei wöchentlich wiederkehrenden Formaten. Wenn dann aber eine lieb gewonnene Serie zu Ende geht, bleibt eine triste Leere zurück.

Serien können verbinden
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Medienpsychologe Groebel warnt jedoch davor, den modernen Serienkonsum zu schnell zu problematisieren: „Ab und zu mal ein verregnetes Wochenende mit einer Serie zu verbringen, würde ich nicht mit einer Sucht gleichsetzen. Verhaltensproblematisch wird es erst, wenn es das Leben und den Alltag bestimmt.” Ein entscheidender Faktor dabei ist die Grundverfassung des einzelnen Nutzers: Wer vorher schon von Angstverhalten geprägt war, neigt eher zum Eskapismus. „Das ist aber nicht auf Serien zu beschränken“, so Groebel. „Diese Menschen würden sich sonst eine andere Ablenkung suchen.“

Tatsächlich kann die omnipräsente Serienwelt auch positive Effekte haben. So scheint sie die Sehnsucht nach Verbundenheit und Ritualisierung zu befriedigen, wie es sie in unserem ­Alltag immer weniger gibt. Und auch von Vereinsamung könne nicht pauschal gesprochen werden, sagt Medienwissenschaftler Stein: „Die Kommunikation über Serien ist ein ganz starker Bestandteil von Serien. Und das unterscheidet sie auch von Werken. Man kann sich zwar über Romane unterhalten, aber Serien erfordern das viel stärker“, sagt Stein. Groebel sieht in der weitreichenden Kritik an Serienkonsum geradezu eine Art Kulturpessimismus am Werk: „Kein Mensch hat sich jemals darüber aufgeregt, wenn jemand ununterbrochen liest. Letztlich ist Serien-Schauen nichts anderes: Viele Produktionen haben heute hohe literarische Qualität.“

Gefangen in der eigenen Freiheit: Purge-Watching

Die Freiheit aber, die wir durch VoD und Anbieter wie Netflix und Co. gewonnen haben, sie droht sich selbst zu kannibalisieren. Vulture-Autor Sternbergh beobachtete den Prozess an sich selbst und seinem ‚Daredevil‘-Konsum: „Das Dilemma des modernen TV ist nicht, dass man eine gute Show anschaut, die einem gefällt; es ist, dass man zu viel Zeit mit einer schlechten Show verschwendet.“ Die Versuchung des Binge-Watching, Folge der orts- und zeitunabhängigen Verfügbarkeit, macht uns dadurch zu Sklaven: „Was Freiheit symbolisieren sollte, steht nun ironischerweise für Verpflichtung. Wir müssen uns von dieser Freiheit befreien.“

Der Autor nennt dieses Phänomen den Gegenentwurf des Binge-Watching: „Purge-Watching.“ „Purge“ heißt so viel wie „entleeren“ oder auch „sich übergeben“. Gemeint ist das Glotzen trotz Überdruss und, obwohl man eine Serie nicht mal gut findet. Während man beim Binge-Watching nicht aufhören kann, weil die Geschichte so spannend, man so tief eingetaucht ist in ihre Welt, ist „Purge-Watching“ das Zuendebringen von etwas, das einem nie wirklich Spaß bereitet hat. Der Grund: Wir sind „plot-committed“, haben uns dem Verlauf der Geschichte unterworfen und kommen nicht los, bis sie sich selbst ein Ende setzt.

— Adam Sternbergh (@sternbergh) 16. April 2015


Besonders sogenannte „Cliffhanger“-Serien lösen diesen Effekt aus: Jede Episode endet dabei auf ihrem Höhepunkt und nur die nächste Folge kann Antworten liefern. In der Psychologie kann man das mit dem sogenannten Zerganik-Effekt erklären: „Dabei wurde festgestellt, dass nicht abgeschlossene Handlungen Unwohlsein hervorrufen“, so Wissenschaftler Groebel. Wir wollen das, was wir angefangen haben, also lediglich zuende bringen.

Für Produktionsfirmen, Streaming-Anbieter und Sender sind wir dadurch gefundenes Fressen: Man muss die Menschen nicht mehr vom Inhalt der Serie überzeugen, man muss sie nur dazu bringen, überhaupt einzuschalten. Dann aber sind sie gefangen.

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Alle Kommentare

  1. Ein weiterer Grund dürfte auch noch der soziale Druck sein. Nicht wenige haben ein Problem damit zuzugeben dass sie eine hochgejubelte Serie /einen hochgejubelten Film nicht gesehen haben und das mangels Interesse auch nicht tun werden. Dann wird eben mit einem halben Auge geschaut während man das Wohnzimmer putzt oder im Internet surft.

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