Kein Ende in Sicht: die IVW-Tricks der Nachrichten-Websites

Lassen sich bei der IVW allesamt unter dem Dach fremder Nachrichten-Angebote mitzählen:  Spiegel-Online-Karriere-Ressort, RevierSport, Metal Hammer und Spektrum.de
Lassen sich bei der IVW allesamt unter dem Dach fremder Nachrichten-Angebote mitzählen: Spiegel-Online-Karriere-Ressort, RevierSport, Metal Hammer und Spektrum.de

Seit jeher verschleiern zahlreiche Websites ihre tatsächlichen Traffic-Zahlen bei der IVW, indem sie fremde Seiten mitzählen lassen. Das ist legal, für die Transparenz der Zahlen aber ärgerlich. Neuester Fall: Zeit Online nutzt das Spektrum der Wissenschaft, um Süddeutsche.de zu überholen.

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Nur eine Minderheit der größten Online-News-Anbieter steht bei der IVW für komplette Transparenz. Ganze elf aus der Top 50 lassen wirklich nur die Zahlen der eigenen Website messen, allenfalls noch die von Seiten, die zur eigenen Marke gehören – so wie jetzt.de bei Süddeutsche.de oder Spiegel.TV bei Spiegel Online. Aus der Top 20 tricksen immerhin acht überhaupt nicht, darunter das Top-Duo Bild und Spiegel Online, sowie außerdem Süddeutsche.de, die Frankfurter Allgemeine, stern.de, N24, das Handelsblatt und die Huffington Post.

Die Süddeutsche.de ist etwas unfreiwillig in dieses Lager übergetreten, nachdem die Abendzeitung beschlossen hatte, ihre Zahlen nun eigenständig auszuweisen – und nicht mehr unter dem SZ-Dach. Spiegel Online weist sogar zu wenig Visits aus, mit dem Karriere-Ressort pusht man die Tochter manager magazin – dazu gleich mehr. Neben diesen sieben Anbietern gibt es auch noch einige, die nur sehr kleine fremde Websites mitzählen lassen, die ihre Zahlen also nicht fundamental pushen. Dazu gehört Focus Online, das mrgoodlife.net und nachrichten.de mitmessen lässt, außerdem Express.de, bei dem das kleine koelle-live.de mitzählt, sowie die Hamburger Morgenpost mit ihrem Erotik-Beiboot treffpunkte.de.

Während die Süddeutsche sich nun also quasi ehrlich gemacht hat, ist ein anderes Angebot in der SZ-Größenordnung in das Lager der IVW-Trickser gewechselt: Zeit Online. Seit Februar lässt man dort die Zahlen des Fachmagazins Spektrum der Wissenschaft mitzählen. Zwar gehören beide Medien zu Holtzbrinck und tauschen im Rahmen einer kürzlich geschlossenen Kooperation auch redaktionelle Inhalte aus, doch bleiben sie dennoch völlig eigenständige Marken mit eigenständigen Redaktionen und eigenständigen Websites.

Das Messen von Spektrum.de – und dem Ableger Scilogs.de – unter dem Dach von Zeit Online hat damit wohl vor allem ein Ziel: die IVW-Zahlen der Zeit zu pushen. Genau das gelingt auch. Bis Januar wurde das Spektrum der Wissenschaft noch eigenständig ausgewiesen, erreichte da mehr als 2,2 Mio. Visits. Im März – hier liegen ja keine offiziellen IVW-Zahlen mehr vor – war Spektrum.de laut SimilarWeb noch einmal rund ein Drittel stärker. Selbst wenn man Visits abziehen würde, innerhalb derer sowohl Zeit.de als auch Spektrum.de besucht wurden, würden im März wohl 2 bis 2,5 Mio. Visits zusammen kommen, die nun dazu führen, dass Zeit Online vor Süddeutsche liegt. 52,3 Mio. Gesamt-Visits erreichte die Zeit inklusive Spektrum.de, Scilogs.de und schon länger mitgezählten Websites wie academics.de, e-fellows.net und netz-gegen-nazis.de im März, Süddeutsche.de kam ohne Fremd-Websites auf 51,8 Mio. Wenn nun also geschrieben wird, dass Zeit Online Süddeutsche.de überholt hat, dann sollte man immer im Hinterkopf haben, dass das derzeit nur dank diverser Partner geschieht.

Zeit Online ist natürlich nicht der einzige Anbieter, der seine IVW-Zahlen mit dieser Methode pusht. So lässt Die Welt seit jeher die Visits der drei Musik-Magazine Metal Hammer, Rolling Stone und Musikexpress mitzählen, was insgesamt auch 2 Mio. bis 3 Mio. Visits entsprechen dürfte. Noch darüber dürfte der Traffic der n-tv-Partner sport.de und teleboerse.de liegen. Die Telebörse ist dabei immerhin eine n-tv-Marke, sport.de hingegen wurde vor einiger Zeit von RTL.de zu n-tv.de geschoben, um hier für positivere Zahlen zu sorgen. DerWesten lässt u.a. den RevierSport unter seinem Dach messen und das Hamburger Abendblatt Teile von immonet.de und die Schifffahrts-Plattform vesseltracker.com.

Ein Extremfall in Sachen IVW-Kosmetik bleibt weiterhin die Kooperation von Spiegel Online und der Tochter manager magazin. So lässt man hier das Karriere-Ressort von SpOn nicht etwa unter dem Spiegel-Online-Dach, sondern unter dem des manager magazins messen. Wohlgemerkt: ein Ressort, das zwar ein etwas anderes Layout als der Rest von SpOn hat, aber eben unter spiegel.de/karriere zur selben Website gehört wie alle anderen SpOn-Ressorts. Bei den Page Impressions – hier liegen ja IVW-Zahlen vor – sorgte spiegel.de so im März für fast 40% der manager-magazin-PIs. Sollte das auch bei den Visits so sein – was nur interne Zahlen zeigen könnten – läge das manager magazin nicht mehr bei 8,7 Mio. Visits, sondern bei 5,2 Mio. – und damit auf dem Niveau des Konkurrenten WirtschaftsWoche.

Die Beispiele zeigen, dass auch im Jahr 2015 längst nicht jeder an einer Transparenz der IVW-Daten interessiert ist. Auch außerhalb der News-Branche gibt es genügend Beispiele – die 34% der Computer-Bild-PIs z.B., die idealo.de beisteuert. MEEDIA wird künftig in den IVW-Analysen zum News-Markt wieder für mehr Transparenz sorgen – und in den Rankings die größten mitgezählten Fremd-Websites nennen.

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Alle Kommentare

  1. Das man auf der sogenannten Local List eben noch andere Seite unter dem Namen seines Angebotes zählen lassen kann, ist ja schon länger bekannt und ich denke das wissen die Werbetreibenden und die Seitenbetreiber ganz genau. Ein anderer Punkt, der zum Aufhübschen der Zahlen bei der IVW noch zum tragen kommt, ist die Erhebungsmethode. Kaum einTracking, egal ob clientseitig oder serverseit, weißt auch nur annähernd so hohe Zahlen aus.

  2. Ich bin mit meinem Webseitenverbund fotomonat.de nicht bei ivw und nicht bei facebook. Ich hatte im letzten Jahr laut webalyzer ohne spider „nur“ 2 Millionen Besucher/visits. Ich finde diese Art zu zählen ehrlicher als die Bezahlangebote. Daher bin ich meedia sehr dankbar. Eine Webseite wie meine, die nicht kommerzielle ist, kann sich auch nicht kommerziell messen lassen. Aber mittlerweile halte ich meine echten Zahlen für substanzieller wie so manches von ivw.

  3. IVW ist in den allermeisten Blocklisten und Werbeblockern enthalten.
    Die Zahlen dürften kaum aussagekräftig sein, allenfalls für ~40% der User.

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