Anzeige

Die Web- und Social-Media-Bilanz zum Absturz von Flug 4U9525

germanwings-analyse.jpg

Die Medien und ihre Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525. Nie zuvor wurde eine derart kontroverse Meta-Debatte geführt. Jetzt gibt es erste Zahlen vom Munich Digital Institute die belegen, wie selbstbestimmt und sensationsheischend die Leser mit der Katastrophe umgegangen sind und wie wütend und enttäuscht sie gleichzeitig aber auch von der Arbeit vieler Redaktionen waren.

Anzeige
Anzeige

Die Münchner haben sich für ihre Analyse zum einen die Entwicklung und das Volumen der relevanten Suchbegriffe angesehen. Gleichzeitig aber auch den Inhalt und die Tonalität auf den Facebook-Seiten der großen Medienmarken erfasst.

Eine erste wichtige Erkenntnis der Analyse ist, dass die Menschen, im Vergleich zum Amoklauf von Winnenden heute deutlich häufiger im Internet direkt nach Informationen suche. Sie surfen nicht mehr nur ein News-Portal an, sondern recherchieren aktiv nach weiteren Berichten. So kommt die Analyse zu dem Ergebnis, dass 2015 1,5 Mal mehr Suchanfragen zum 4U9525-Absturz gestellt wurden, als 2009 zum Amoklauf in Winnenden.

Daraus leiten die Experten einen Personalisierungstrend ab. Denn sobald am 26. März erstmals der Name des Co-Piloten veröffentlicht wurde, sei im Netz ein mehr als doppelt so großes Interesse am Namen entflammt, als am Absturz selbst. So wurde Andreas Lubitz rund 2,5 mal häufiger gegoogelt als das die eigentliche Katastrophe.

In Winnenden ließ sich die Zunahme der Suche nach Täter-Informationen noch nicht erkennen. Das bringt die Autoren zu der Schlussfolgerung, dass das Risiko, einer öffentliche Vorverurteilung eines wohlmöglich Unschuldigen, durch die Veröffentlichung von Namen und Fotos, in den letzten fünf Jahren „drastisch gestiegen“ sei.

Anzeige

Von einem weiteren Ergebnis der Analyse, dürften sich einige Chefredakteure bestätigt fühlen. Das frühe veröffentlichen des Namens rechtfertigten viele Medien – neben anderen Argumenten – auch mit dem großen öffentlichen Interesse an der Person. Dies bestätigt die Daten des Digital Institutes.

Besonders interessant ist nun allerdings, dass genau diese Befriedigung des Leser-Interesses den Medien wiederum übel genommen wird. Die Studie untersuchte nämlich auch, wie die Arbeit der großen Medienmarken bei Facebook besprochen wurde. Die Autoren schreiben:

Rund die Hälfte aller auf den Facebook-Pages der überregionalen Tageszeitungen in der Woche vom 24.03.-31.03. veröffentlichten Kommentare enthält Kritik an der Berichterstattung. Dabei waren 795 der insgesamt 904 kritischen Kommentare negativ-destruktiver Natur (ca. 88%), d.h. nur verneinend und die Schuld einzig beim Medium selbst suchend. Dabei beziehen sich die Kommentare am häufigsten auf das journalistische Niveau: Sogar vermeintliche Qualitätsmedien wie die FAZ oder die ZEIT werden in diesem Zusammenhang als sitten- und pietätlos bezeichnet. Hierbei handelte sich die ZEIT die meisten Rügen durch die Leserschaft ein, während die Welt extrem wenig Kritik erntete.

Das Fazit der ersten Studie: Die Menschen suchen mittlerweile selbst nach Informationen, haben ein immenses Interesse an den menschlichen Aspekten einer Katastrophe und nehmen es den Medien dann jedoch wiederum übel, wenn sie genau dieses Interesse befriedigen. Genau auf diesen Widerspruch werden die großen Redaktionen künftig eine Antwort finden müssen.
Die Autoren schreiben aber auch: „Nicht zuletzt wirkt die wellenartige Webkritik ein wenig so, als würde man für die Unfassbarkeit des Ereignisses ein Ventil suchen – und dieses Ventil in einer harschen Medienkritik finden“.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Die Studie zeigt meiner Meinung nach genau was allen klar ist, was aber niemand gerne hört.
    Die Leute wollen alles wissen und zwar ganz genau, jeder glaubt er habe „ein Recht“ darauf. Sobald der Name dann veröffentlicht wird, wird er im Internet gesucht. Der Leser möchte alles wissen, seinen Facebook-Account sehen, seine letzten Urlaubsbilder usw. Das Ergebnis ist eine öffentliche Bekanntmachung wie schrecklich das doch alles ist, was für ein furchtbarer Mensch der Täter war.
    Im zweiten Satz wir dann über die furchtbaren Medien geschimpft. Dass genau diese Menschen alle Schlagzeilen kennen, ist selbstverständlich ein Zufall…
    Tja, da kann eben keiner aus seiner Haut, jeder hängt eben sein Fähnchen in den Wind.
    Und nein, ich nehme mich hier zum Teil auch selbst nicht aus. Vielleicht sind wir einfach so gestrickt. Aber die Tatsache, dass „einer öffentliche Vorverurteilung eines wohlmöglich Unschuldigen“ finde ich wahnsinnig beängstigend. Ebenso wie die Tatsache, dass durch diesen Vorfall Depressionen wieder zum Tabu-Thema werden. Wer wird sich jetzt noch zu dieser Krankheit bekennen, wenn er Angst haben muss, sofort den Stempel eines potentiellen Selbstmörders oder noch viel schlimmer eines potentiellen Serienmörders aufgedrückt zu bekommen. Aber das ist wieder eine andere Diskussion….

  2. Unsicher, ob so ein Vergleich überhaupt einen sinnvollen Effekt hat, wäre der Vergleich zwischen Anders Breivig (Norwegen Massaker) und dem Co Piloten vielleicht aussagekräftiger gewesen.

    Ein Vergleich mit Winnenden geht meiner Meinung nach an der Sache vorbei.

    Und was mich wesentlich stört und gestört hat ist die Veröffentlichung des Pilotennamen.

    Gibt dieses Medienecho nicht solch kranken Menschen eine Lobby – frei: „Er hatte damit Erfolg“?

    Diese gesamte Medienpräsenz ist gefährlich und unethisch.

  3. Winnenden und der Absturz lassen sich zwar im Medienecho vergleich, was die User angeht können daraus aber kein Schlüsse gezogen werden. Sicherlich war der Absturz für viele Menschen einfach ein viel relevanteres Ereignis, da sehr viele Leute fliegen und somit näher betroffen sind. Daraus abzuleiten, dass sich etwas im Zeitverlauf beider Ereignisse verändert hat, halte ich für unzulässig.

    1. Man kann solche Ereignisse nie exakt vergleichen. Dafür gibt es zu viele Einflussgrößen. Wir haben uns aber einige Ereignisse (auch andere Amokläufe und Flugzeug-Abstürze) angeschaut und der Trend ist eindeutig. Zudem ist es mutig, zu behaupten, ein Flugzeugabsturz sei relevanter als ein Amoklauf in einer Schule. Man denke an alle Eltern in der Republik mit schulpflichtigen Kindern.

      1. Da verdrehen Sie mir nun wieder die Worte im Mund. Was ich mit relevanter ausdrücke, ist die schlichte Tatsache, dass mehr Menschen mit Germanwings fliegen als Kinder auf Schulen in Winnenden haben. Deshalb ist diese Katastophe für viele Menschen näher an ihrem eigenen Leben.

      2. Ich habe genau das gleiche gedacht. Ich und meine Kinder sind auch alle (getrennt) nach Barcelona geflogen. Das Ereignis ist viel näher als Winnenden. Wir sitzen ein paar Mal im Jahr im Flieger – seltener an einem Ort, wo geschossen wird.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*