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Wie umgehen mit der neuen Echtzeit-Medienkritik? Das beschäftigt Chefredakteure, Kritiker und Kolumnisten

So viel Empörung war noch nie. In der Berichterstattung zum Germanwings-Absturz kritisiert mittlerweile jeder jeden: Die Zuschauer und Leser die Medienmacher, diese schimpfen auf ihr Publikum und die Medienkritiker auf die anderen. Noch nie wurde in Deutschland eine Katastrophen-Berichterstattung von so vielen lauten Protesten begleitet und noch nie erschienen alle Betroffenen derart gereizt.

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In seinem FAS-Text „Jeder ist ein Medienkritiker“ spürt Stefan Niggemeier dem Neuen in dieser Debatte nach und findet doch auch immer wieder die alten Muster . So sei es ein „zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankendes Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert“.

Andererseits merkte bereits der FAZ-Digitalchef, Mathias Müller von Blumencron, am Freitag an, dass er sich nicht an eine vergleichbare „so merkwürdige Diskussion“ erinnern könne.

Niggemeier beobachtet eine „erstaunliche Rollenumkehr“: „Früher, zum Beispiel nach dem Amoklauf von Winnenden 2009, galt das Internet in der Berichterstattung noch als der gefährliche Ort, an dem irgendwelche Leute einfach – unsortiert und ungeprüft – Gerüchte verbreiteten, Fotos oder den vollen Namen des Täters. Jetzt verteidigen professionelle Medien das Recht, Fotos und den vollen Namen des Kopiloten zu veröffentlichen, gegen viele kritische Stimmen im Netz“.

Beim Netzwerk Medienethik verfasste Alexander Filipovic eine lesenswerte „Kritik der Medienkritik“. Darin taucht zum erstmals der spannende Begriff der „Echtzeit-Medienkritik“ auf. Fazit von Filipovic: „In der Tat sind es schwierige Zeiten für einen Medienethiker. Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung. Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“ Weiter schreibt er: „Die Medienethik hat aktuell, so meine ich als Medienethiker, erst einmal die Aufgabe, die Bälle flach zu halten“.

In seinem Wort zum Sonntag beim Medienportal DWDL schreibt Hans Hoff, dass für ihn nun „der Journalismus nicht mehr“ existiere. „Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen. Das dadurch entstehende Gemisch ist mir unerträglich geworden. Es sind Dinge zusammengekommen, die nicht zusammenkommen sollten. Ich fand mich als Journalist wieder in enger Nachbarschaft zu widerlichsten Existenzen. Ich möchte das nicht mehr. Ich bin kein Journalist mehr.“

Ebenfalls wütend ist die Chefredakteurin der Bild am Sonntag. In ihrem Kommentar schreibt Marion Horn: „Seit Tagen werden Journalisten – auch ich – im Internet aufs Übelste beschimpft. Glauben Sie mir, es ist kein Vergnügen, in solchen Zeiten Berichterstatter zu sein. Dabei schreiben wir nur nach bestem Wissen und Gewissen, was passiert ist.“ Weiter heißt es: „Wir Journalisten sind Menschen. Es lässt uns nicht kalt, wenn Unschuldige ermordet werden. Wir sind auch gegen die Todesstrafe. Und es lässt uns nicht kalt, wenn selbst ernannte Internet-Moralapostel uns drohen und den Mund verbieten wollen.“

Im Tagesspiegel erklärt Harald Martenstein: „Wir, die Medienleute, handeln mit Gefühlen und mit Ängsten, das ist unsere Ware, nicht die einzige Ware in unserem Angebot, aber doch eine der wichtigsten. Selten sind auf der Welt so viele Zeitungen verkauft und so viele Sendungen angeschaut worden wie in den Tagen nach den Anschlägen auf das World Trade Center.“ Weiter gibt er zu: „Ich schäme mich immer dafür, dass ich an solchen Tagen richtig gierig bin auf die ‚Tagesschau‘. Aber es ist Quatsch, für die eigene Lust an der Katastrophe die Medien zu kritisieren. Wir alle wollen nur unsere Angst besiegen.“

Der ehemalige Kommentarchef der Welt, Alan Posener. erweitert die Diskussion. „Die Tatsache, dass man mit Wahrscheinlichkeiten leben muss und nicht mit Wahrheiten, bedeutet jedoch nicht, dass alle Szenarien gleichwertig sind. Je mehr man über Lubitz erfährt, desto klarer wird, dass er nie hätte in jenem Cockpit sitzen dürfen.“ Zum Schluss heißt es: „Lügenpresse? Verantwortungslose Medien? Ich erkenne im ganzen Fall, neben dem unsäglichen Ulfkotte und verwandten Geistern, vor allem einen Mann, der verantwortungslos die Unwahrheit gesagt hat: Carsten Spohr, Chef der Lufthansa. Über Andreas Lubitz sagte er: ‚Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit‘. Mittlerweise wissen wir es – auch dank der Medien – besser. Und warten auf personelle Konsequenzen bei der Fluggesellschaft.“

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