Anzeige

„Wer es ernst meint mit seinem Job, hat die Pflicht zur Aufklärung“

In die Debatte um den Umgang der Medien mit der Identität des Germanwings-Attentäters hat sich jetzt auch der Gründungschefredakteur von Spiegel Online und ehemalige Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron eingeschaltet. Der 54-Jährige verantwortet das Digitalangebot der FAZ und erklärt, warum er den Namen des Täters nennt und auch das Foto zeigt.

Anzeige
Anzeige

Unter der Überschrift „Warum FAZ.NET das Bild von Andreas Lubitz zeigt“ veröffentlichte von Blumencron am Freitagvormittag einen Beitrag in eigener Sache. Der Chefredakteur bezieht sich auf die im Internet grassierende Medienkritik und fragt: „Über Opfer soll nicht berichtet werden, meinen viele, und der Kopilot dürfe schon gar nicht gezeigt werden. Wo liegen die Grenzen der Berichterstattung bei einer Katastrophe?“

Zunächst argumentiert von Blumencron mit den eindeutigen Indizien, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Co-Pilot den Absturz mit Absicht herbeigeführt hat: „Andreas Lubitz ist der Mann, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. Es ist eine der größten Katastrophen der deutschen Luftfahrtgeschichte. Er hat sie verursacht – das steht laut den Ermittlern fest. Es sind nicht irgendwelche Ermittler. Es sind die Spezialisten der Luftfahrtbehörde BEA, der französischen Untersuchungsbehörde für Flugunfälle.“

Anzeige

Aus dieser Erkenntnis resultiert aus Sicht des FAZ.NET-Chefredakteurs das eigentliche Thema, dem sich die Redaktionen bei der journalistischen Aufarbeitung der Katastrophe zu widmen haben: „Zur Erklärung gehört in diesem Fall nicht ein technisches Versagen, das wäre einfacher. Im Zentrum der Erklärung steht ein Mensch, genauer sein Kopf, sein möglicherweise irregeleitetes Gehirn. Das ist das Unerklärliche, was uns soviel Schwierigkeiten bereitet: Es ist die Psyche von Andreas Lubitz, die Unfassbares verursacht hat. Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.“ Was für den Attentäter richtig sei, gelte allerdings nicht für die Opfer und deren trauernde Angehörige: „Wir brauchen ihre Namen nicht und ihre Gesichter nicht, um die Tragödie zu begreifen.“

Im Weiteren räumt auch von Blumencron ein, dass die Redaktion von FAZ.NET lange mit sich gerungen habe, ob sie die Identität preisgeben soll. Ihre Haltung bestärkt gesehen habe die Redaktion mit Blick auf „führende News-Dienste der Welt“, die so verfahren seien. Für ihn steht fest: „Wer es ernst meint mit seinem Job in dieser Branche, der hat die Pflicht zur Aufklärung.“ Und weiter: „Diese Pflicht zur Aufklärung besteht auch dann, wenn es in den sozialen Netzwerken rumort. Aufklärung ist kein Dienst an der Mehrheit, sondern ein Dienst an der Wahrheit, selbst wenn sie manchmal unbequem oder noch nicht zu ertragen ist.“

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Recht hat der Mann! Journalisten sollen berichten. Alles was sie wissen!

    Nichts weglassen, Nicht werten und nicht zensieren.

    Das ist zwar sehr NEU in Deutschland aber so sind die Zeiten wo man Online eh alles lesen kann.

  2. Neuere Erkenntnisse lassen die Vermutung zu, dass Andreas L. eine Krankheit verheimlicht hat, die mit seiner mutmaßlichen Tat in Zusammenhang steht. Es ist mir zudem völlig neu, dass BEA-Experten neuerdings befugt sind, im Schnellverfahren Richter und Ärzte zu ersetzen und einen Menschen für schuldig und schuldfähig zu erklären. Interssantes Argument, Herr von Blumencron!
    Vor allem aber bleiben Sie die Antwort schuldig, worin genau die Aufklärung der Öffentlichkeit besteht, wenn man herausposaunt, dass der Mann Müller, Meier, Schulz oder eben L. hieß. Auch Urlaubsfotos (bzw. Marathonbilder) dieses Menschen tragen nicht zum Verständnis der Vorgänge bei, sondern erzeugen lediglich Emotionen, die das Fehlen harter Fakten kaschieren sollen. Es ist also – wenn schon – eher das Gegenteil von Aufklärung, weil es einzig der Befriedigung niederer Sensaitonsgier dient.
    Übrigens: Die Erste Hassseite mit den Privatbildern von L. lässt sich schon bei Facebook unter seinem echten Namen finden. L’s Angehörige (die ebenfalls einen geliebten, vermutlich kranken Menschen verloren haben) werden sich bedanken.

  3. Die Argumentation von Herrn Blumencron geht in einem Punkt haarscharf an unserer Informations-und Aufklärungspflicht als Journalisten vorbei: Der Co-Pilot hat ebenfalls trauernde Angehörige, die es zu schützen gilt.
    Und: Die Aufklärung der Hintergründe hat weder etwas mit seinem Gesicht, noch mit seinem Namen zu tun! Wir als Journalisten haben Sogrfaltspflicht und den Schutz der Persönlichkeit zu achten. Gefährlich ist zudem, die mögliche psychische Erkrankung des Co-Piloten zu generalisieren…..
    Christiane Hoyer, Redakteuerin beim Schwäbischen Tagblatt Tübingen

    1. Frau Hoyer hat recht. Darüber hinaus ist die Auskunft eines Staatsanwalts kein Urteil. Die Schilderung des Ablaufs erscheint plausibel, aber es ist keine zweifelsfrei erwiesene Tatsache. Und so sollte man auch damit umgehen. Im Interesse aller.

    2. Frau Hoyer, prinzipiell teile ich Ihnen Standpunkt. Die Gier der Leser nach restloser Aufklärung hat sicherlich hinter dem Persönlichkeitsschutz der Angehörigen zurückzustehen. Trotzdem liegt der Fall nicht so klar, wie ja auch die unheitliche Sichtweise der Redaktionen zeigt. Wenn ich mal egoistisch die Position des Lesers einnehme, dann muss ich nach vergleichender Lektüre sagen: Ich fühle mich besser informiert, wenn ich alle Informationen inklusive Namen und Bild lese bzw. sehe. Es fällt dem erschütterten Betrachter leichter, mit Wut und Ohnmacht umzugehen, wenn sie eine konkrete Adresse haben. Aber wie gesagt, derlei Egoismen sind nachrangig. Trotzdem würde ich in diesem Fall auch zur vollen Namensnennung neigen: Die Tat dieses Menschen ist so monströs, dass er sich damit in meinen Augen zur Person der Zeitgeschichte gemacht hat. Der Fall des fehlbaren Co-Piloten und der Umgang damit haben für mich durchaus Parallelen zu einer gewissen Beate Z., die auch nicht incognito geblieben ist.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*