Wer den Namen Andreas Lubitz nicht nennen will, sollte überlegen, seinen Presseausweis zurückzugeben

Kaum wurde von der französischen Staatsanwaltschaft der Name des Co-Piloten veröffentlicht, der die Germanwings Maschine 9525 in die Katastrophe führte, schon haben wir eine Medien-Debatte. Dürfen Medien den Namen des Täters Andreas Lubitz veröffentlichen, sein Bild zeigen? Selbstverständlich. Jedenfalls wenn man Journalismus ernst nimmt - der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Aus besonderem Anlass mal wieder ein Wochenrückblick ohne die sonst üblichen Lustigkeiten. Die Katastrophe des Germanwings-Fluges 9525 in dieser Woche hat uns alle in Atem gehalten, Medien wie Publikum. Und es ist eine Debatte entbrannt, ob man den Namen des Ko-Piloten, der das Flugzeug und seine Insassen nach bisherigen Erkenntnissen ins Verderben führte, nennen darf. Ja, natürlich. FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron sieht das so. Bild-Chef Kai Diekmann sieht das so. Die New York Times, der Economist, Zeit Online, die BBC, CNN, Reuters, die dpa-Tochter Picture Alliance, französische, spanische italienische Zeitungen sehen das so.

Den Namen des Verursachers eines solchen Unheils zu nennen, ist etwas anderes als die Namen der Opfer zu nennen. Die Opfer konnten nichts dafür. Sie haben sich das verdammte Schicksal nicht ausgesucht, an Bord des Flugzeugs zu sein, das von Andreas Lubitz gegen eine Bergwand geflogen wird. Der Täter aber kann alles dafür. Ohne ihn gäbe es die Tragödie nicht. Natürlich will die Öffentlichkeit wissen, wer das ist, wie er aussieht, was er vorher getan hat, welche Krankheiten er womöglich hatte. Alles, was vielleicht nur ein kleines bisschen zum Verständnis oder zur Verarbeitung dieser fürchterlichen Sache beitragen kann.

Genauso wie die Namen von Mohammed Atta, Anders Breivik und Robert Steinhäuser genannt wurden und genannt werden. Jeder weiß, wofür diese Namen stehen. Sie sind für immer mit ihren Untaten verbunden. Künftig wird das auch für den Namen Andreas Lubitz zutreffen. Der Mann mag krank gewesen sein, er mag vielleicht noch nicht einmal schuldfähig gewesen sein – das macht seine Tat nicht weniger schrecklich.

Wie kann man sich als Journalist also ernsthaft hinstellen, so wie werben & verkaufen Chefredakteur Jochen Kalka, und sagen, um Andreas Lubitz gehe es gar nicht. Kalka schreibt:

Und es ist völlig egal, was er für einen Hintergrund hat, was für Motive und wie er aussieht. Um ihn geht es nicht.

Was ist das für ein Verständnis von Journalismus? Spiegel Online verzichtete auch auf die volle Namensnennung und das Foto. Begründung:

Die Redaktion von SPIEGEL ONLINE hat sich entschieden, den Namen des Co-Piloten derzeit nicht vollständig zu nennen und ihn auch nicht im Bild zu zeigen. Noch ist der Fall nicht abschließend geklärt.

Will Spiegel Online künftig tatsächlich erst berichten, wenn Sachverhalte „abschließend geklärt“ sind. Wir dürfen gespannt sein auf diese neue Form der Zurückhaltung, auch bei laufenden Gerichtsverfahren von hohem öffentlichen Interesse. Wir dürfen zudem gespannt sein, ob der gedruckte Spiegel in seiner am Samstag erscheinenden Ausgabe auf die volle Namensnennung von Andreas Lubitz verzichtet. Denn nach Spiegel-Online-Logik war der Fall nach Redaktionsschluss für das Heft ja immer noch nicht „abschließend geklärt“. Was für eine Farce. (Update, 27.3.2015, 18 Uhr: Mittlerweile schreibt auch Spiegel Online den Namen aus. Offenbar wurde der Fall dort nunmehr „abschließend geklärt“.)

Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht. Dient ihre Zurückhaltung wirklich dem Schutz der Privatsphäre des Täters und seiner Angehörigen oder geht es auch ein bisschen darum, sich moralisch zu erheben und in Sozialen Netzwerken dafür auf die Schultern geklopft zu bekommen?

Die Informationen bekommt das interessierte Publikum ohnehin. Und interessiert sind die Leute ganz ohne Zweifel. Google verzeichnete am gestrigen Donnerstag alleine aus Deutschland über 500.000 Such-Anfragen nach Andreas Lubitz. Von wegen: „Um ihn geht es nicht“.

Wer ein Flugzeug mit 150 Leuten an Bord mit voller Absicht an einem Berg zerschellen lässt, der qualifiziert sich automatisch zur Person der Zeitgeschichte. Medien haben jedes Recht und sogar die Pflicht seinen Namen zu nennen, sein Bild zu zeigen. Er ist der Kern der Geschichte. Wer das anders sieht, sollte überlegen, seinen Presseausweis zurückzugeben.

Ein ruhiges Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Was hat der Nachname mit der Berichterstattung zu tun – NICHTS. Sie können alles recherchieren, schreiben, abbilden, nur bitte nicht die Nachnamen und die Wohnungen, Häuser der „Täter“. Dort leben meist Familienangehörige, auf die die Hatz dann losgeht. Nennung von Details, die unwichtig für den Artikel sind, sollten vom Grundsatz her weggelassen werden.
    MfG
    Bernd

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