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Trauern in Live-Tickern? Medien und der Flugzeugabsturz

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Der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat auf allen Kanälen eine große Welle unterschiedlichster Reaktionen ausgelöst. Deutlich wird: Es gibt kaum ein sensibleres Themenfeld für Medien als der unvermutete Tod vieler Menschen, um die Frage zu beantworten, wie genau sich zu verhalten sei. Nicht leicht, dem zu folgen, was Trauer und Fassungslosigkeit fordern: eine sinnvolle Mischung zwischen Information, Respekt und Stille.

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Wir alle sind mit unserer Geburt zum Tod verurteilt: Endlichkeit gehört zu den einerseits simpelsten und andererseits unfassbarsten Phänomenen von Leben und Existenz. Die Zeit zwischen beiden Polen, zwischen Plus und Minus, Anfang und Ende, Geburt und Tod, ist gebaut aus eben ihrem Material, ist gebaut aus einer Reihe immer neuer Begegnungen und Trennungen. Besonders Tod und Trennung sind schwer zu akzeptieren:

Jene, die als Gläubige ihr eigenes Ableben für die Beförderung zum Eigentlichen halten mögen, haben es vielleicht leichter, entwickeln sie doch jene inneren Zugänge zum Phänomen der Endlichkeit, die versprechen, es ginge irgendwie weiter. Andere nutzen die Zeit zwischen Geburt und Tod wesentlich dazu, Abschied und Endlichkeit so lange zu ignorieren, wie es geht. Bis Einschläge näher kommen, Freunde, Verwandte und Kollegen sterben. Bis Wirklichkeit die Abwehr überflutet.

Tod ist fürchterlich. Immer. Weil aufhören muss, weil vernichtet wird, was Bindung schuf. Weil endet, was Liebe, Freundschaft, Sinn bedeutete. Als Menschen, deren Identität ausschließlich durch Beziehungen, durch die Sicherheit sozialer Bindungen und Kontexte wächst, ist Tod ein ultimatives Trauma. Ohne andere sind wir nichts: Auf der guten Seite unserer Gefühle sind etwa Liebe, Freundschaft und Vertrauen nur in Verbindung mit anderen vorstellbar. Selbst die lausige Seite, die einsame, verlorene und verzweifelte, ist durch die Abwesenheit von Beziehung zu anderen bestimmt und somit an ihnen orientiert: Ohne andere sind wir nichts, jede Identität ist stets nur in sozialem Kontext denkbar.

Besonders fürchterlich ist es, wenn ohne Zeit für Vorbereitung junge Menschen gehen müssen: Kinder etwa, deren Perspektive, deren Hoffnung und Zukunft unvermutet ausgeknipst werden wie Lichtschalter. Eltern, die davon brutal erwischt werden, ohne Zeit für Abschied oder jenen dosierten Prozess von Trauer, den lange, schwere Krankheiten bieten mögen.

Wieder und wieder ist Tod Teil unseres Lebens: unfassbar, unfassbar brutal, traurig und sensibel.

 

Der Flugzeugabsturz und die Medien: Trauern im Live-Ticker

Nach dem Absturz von Malaysia-Airlines vor einem Jahr hat nun die entsetzliche Germanwings – Katastrophe Medien und öffentliche Repräsentanten auf eine ernste Probe gestellt. Eine Probe mit der Kernfrage, in welchem Stil, mit welcher Haltung ein hochsensibles Spannungsfeld zu gestalten sei: der Umgang mit aktuellem Informationsbedürfnis und dem Auftrag zur Berichterstattung einerseits und moralisch-ethischen Aspekten auf der anderen Seite.

Keine leichte Entscheidung: Einerseits fordert nicht nur der Informationsauftrag zwingend Berichterstattung, sondern Existenz, Erfolg und Zukunftsfähigkeit aller Medien hängen wesentlich davon ab, wie aktuell und hochfrequent dieser Auftrag bedient wird. Medienverantwortliche sind Hamster in den Laufrädern ihrer eigenen Existenzberechtigung: Ein Ende der Laufräder bedeutete zwangsläufig das Ende der Hamster.

Andererseits fordert der Umgang mit Trauer und Entsetzen eine Mischung aus wachsend Fassbarem, Begreifbaren, um dort Orientierung herstellen zu können, wo man ausgeliefert und verloren scheint. Und Trauer selbst erfordert darüber hinaus Stille, will Ruhe, Respekt und jene leise Empathie, die nicht den Empathie-Bekundenden im Vordergrund sieht, sondern sein Mitgefühl.

Die Wahrheit für Medien ist: Es ist sauschwer, sich zu verhalten. Dass es vielen nicht gelingt, jenen engen Raum zu treffen, der beides ermöglicht – Information und Respekt – hat wesentlich auch damit zu tun.

Betrachtet man die aktuelle Berichterstattung zur Flugzeug-Katastrophe in den Alpen, muss man fragen dürfen, ob in Zeiten, die modern geworden sind, Live-Ticker als Klick-Generatoren moralisch nicht grenzwertig sind: Obwohl sie dem Informationsbedürfnis Rechnung tragen und die Kanäle eines schnell getakteten, digitalen Zeitgeistes nutzen. Eines Zeitgeistes übrigens, der dem Tempo als Wert eine deutlich größere Bedeutung zumisst, als jener Ruhe und reflexiver Zurückhaltung, die sensible Situationen dringend forderten.

Natürlich muss man fragen, ob zwischenzeitliche Nachrichten, es seien Überlebende gesichtet worden, unreflektiert in die Welt geblasen werden sollten, bevor sie gesichert sind. Trägt man als Medium nicht auch Verantwortung dafür, potentiell Hoffnungen an Stellen zu wecken, die sich später als Sackgasse herausstellen könnten? Trägt man das Risiko der Rolle als Generator zusätzlicher Enttäuschung und additiven Leids? Auf der anderen Seite: Was genau bedeutete es im Rahmen der Verantwortung für die eigene Marke, ihre Mitarbeiter, wenn Wettbewerber schneller mit ihrer Nachricht wären, wahrnehmbarer und erfolgreicher?

Wie reflektiert wohl setzen sich Medien vor der Arbeit an ihren Produkten mit grundsätzlichen Fragen wie diesen auseinander, wägen Haltungen innerhalb des Gemisches unterschiedlichster Gegenabhängigkeiten ab? Wer nimmt sich heute für diese grundsätzlichen Haltungsdiskussionen Zeit, auf die Gefahr hin zu beobachten, wie Wettbewerber am eigenen Medium mit aktuelleren Texten und Beiträgen vorbeiziehen?

Journalismus ist rasend schneller geworden. Diese Entwicklung birgt Gutes und Schwieriges. Der schwierige Teil: Journalismus ist zugunsten permanenter Verfügbarkeit an vielen Stellen oberflächlicher, unempfindlicher, selbstverliebter, belangloser und auch stumpfer geworden.

 

Massenmörder?

Tragik und unfassbares Leid bilden weit über Information hinaus jenen eine Bühne der Gestaltung und Inszenierung, die sie betreten. Jenen, die sie betreten müssen.

Fliegen etwa Politiker in Massen in die Alpen, kann dies als Zeichen des Mitgefühls ebenso verstanden werden, wie – makaber formuliert – als hochfrequenter Trauer-Tourismus mit Selbstinszenierung.

Und die Medien? Dient beispielsweise die schnelle Veröffentlichung von „Täter-Biographien und -Lebenswegen“ wirklich einem qualitativ sinnvollen, journalistischen Selbstbild von Medien?

Man liest aktuell von einer „geplanten Tat“, liest Begriffe des „Mörders“ oder „Massenmörders“. Hätte man, so fragt man sich, eigentlich auch Robert Enke vorgeworfen, er habe das Leben anderer riskiert, wenn damals -warum auch immer- bei einem potentiellen Bremsversuch des Zugführers Fahrgäste zu Tode gekommen wären? Wo genau gelten wofür welche Grenzen?

Setzte der Begriff des „Mörders“ nicht Schuldfähigkeit und Tatvorsatz voraus? Was, wenn ein Copilot am Ende seiner emotionalen Steuerungsfähigkeit plötzlich von jener endlosen Ausweglosigkeit überflutet würde, die er über lange Zeit leise wachsend in sich getragen haben mochte, ohne sie zu zeigen?

Was, wenn das schleichende Schwinden aller erwachsenen, vernünftigen Steuerungsimpulse im Rahmen einer seelischen Störung oder Erkrankung keine innere Distanzierung zur subjektiven Ausweglosigkeit mehr gestattet haben mochte? Was, wenn über eine lange Zeit die innere Frage unbeantwortet blieb, ob Leben künftig noch einen Sinn machen könne? Was, wenn auf dem Flug gleichzeitig alte Bilder glücklicher Zeiten vor dem inneren Auge auftauchten, Sekunden später Verlassen-Sein, und in exakt diesem Moment der Pilot des Fluges das Cockpit verließe, um die Toilette aufzusuchen? Was, wenn der Copilot situativ nur endloses Leid ohne jede Hoffnung spürte und dann mit einigen Handgriffen allem ein Ende machen konnte. Damit es aufhörte. Damit alles endlich aufhörte: Ein Griff, um Ruhe zu haben. Nur ein einziger Griff. Was, wenn?

So schwer es sein mag: Beschreiben wir so Mörder oder Massenmörder? Beschreiben wir so Planung? Leiten wir daraus die Berechtigung ab, mit Nennung des Namens jene Angehörigen zu beschädigen, die ihre eigene, aktuelle Welt ebenso wenig begreifen können, wie es den Angehörigen der Opfer gelingt? Jene Angehörigen, denen sie paradoxerweise alleine deshalb nah sein könnten, weil alle Angehörige von Tätern und Opfern Menschen verloren haben?

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Navigation und Haltung innerhalb dieser Fragen ist hochsensibel und außerordentlich schwer:

Sie berührt unter der Oberfläche von Fakten, Analyse und Berichterstattung so viel Zerbrechliches, dass niemand für sich Wahrheit und ein einwandfreies Handeln reklamieren dürfte.

Gut und Böse

Je unfassbarer, je zerbrechlicher ein Themenfeld gestaltet ist, desto intensiver wird das Bedürfnis aller Beteiligten -Gestaltenden und Wahrnehmenden – nach Orientierung und Sicherheit. Orientierung und Sicherheit wachsen einerseits durch den Gewinn neuer Informationen: Sie ermöglichen Menschen, eine Haltung, eine „innere Heimat“ zu den Themen und innerhalb der Themenfelder bilden zu können. Die Informationen selbst bilden stets nur ein Vehikel für diesen Zweck.

Die zweite Ebene des Gewinns von Sicherheit beschreibt unterhalb von Fakten und Informationen die Bildung von Allianzen mit anderen, welche die eigenen Einschätzungen und Positionen teilen und vertreten. Dieser Prozess ist eng gekoppelt an die gleichzeitige Abgrenzung von jenen, die auf der anderen Seite des Zauns diametrale Positionen einnehmen. Je intensiver die Abgrenzung, je emotional aufgeladener der „Außenfeind“ mit diametralen Positionen, desto größer die Bindung an Menschen innerhalb der Gemeinschaft der eigenen Position. Auch hier dient der „Außenfeind“ letztlich als Vehikel für die Intensivierung von Bindung der eigenen Gruppe.

Die Einteilung der Welt in „Gut“ und „Böse“ findet ihren Raum in einer weiteren Dimension: Innerhalb sehr fragiler Geschehnisse entsteht schnell Konkurrenz um die moralisch einwandfreie Position. Wer wie warum ein „Gutmensch“ oder ein „Massenmörder“ sein mag und wer nicht, öffnet zusätzliche Bühnen, die grundsätzlich „egoistisch“ ausschließlich dem verständlichen Ziel dienen, innere Sicherheit herstellen. Der Kampf um die Frage, wer in Position und Verhalten zu einem Themenfeld moralisch einwandfreier sein mag als andere, ist Thema dieser Bühnen. Er ist allerdings schon nach strategischen Gesichtspunkten seiner inneren Logik paradox:

Wettbewerbe um Ethik und Moral gehen allen Ernstes davon aus, man selbst würde dadurch reiner, dass man auf den Schmutz anderer verweisen könne und man könne größer werden, indem man andere kleiner machte.

Im Kontext mit Erlebnissen von Tod und Trauer sind sie darüber hinaus auch inhaltlich paradox und voller moralischer Aggressivität. Auch dieses Phänomen ist in der aktuellen Berichterstattung zu beobachten.

Die Wahrheit jedoch ist: Der Anlass, in dessen Konsequenz diese Räume genutzt werden, ist fruchtbar, tragisch und zunächst voller Ausweglosigkeit. Es gibt keine Sicherheit in Fragen wie diesen, egal, wo man sich selbst und andere einordnen mag. Die Wahrheit ist auch: Medien können durch ihr professionelles Handeln entsetzliche Dinge noch entsetzlicher machen.

Medien agieren in einem Gemisch komplexer, grundsätzlicher Spannungsfelder, innerhalb derer platte, operative Lösungen in die eine oder andere Richtung niemals die gesamte Situation greifen können. Das ist eine wirklich schwere Aufgabe, man muss dies berücksichtigen.

Jeder weiß vielleicht aus eigenen Erfahrungen, was Trauer und Fassungslosigkeit brauchen: Zeit, Stille um zu verstehen und zu greifen, was emotional nicht zu verstehen und zu greifen ist.

Ich wünschte Medien und dem heutigen Journalismus mehr Mut.

Auch und gerade dafür.

 

 

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

 

 

 

 

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Eine solche Katastrophe ist ein unerwartetes und furchtbares Ereignis für alle direkt und indirekt Beteiligten, wie Passagiere, Angehörige, Flugpersonal, Helfer, Mitarbeiter der Fluggesellschaft, Journalisten, Politiker,….
    Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

    Tritt ein solches Ereignis wie dieser Flugzeugabsturz ein, ist es die wesentliche Aufgabe der Medien, hierüber schnell, umfassend und verlässlich zu berichten. Dies erwarten auch die Informationsnutzer. Wenn aber aus schnell voreilig wird, aus umfassend weit hergeholt und aus verlässlich vermutend, dann besteht die Gefahr, deutlich über das Ziel hinauszuschießen. Dies ist meiner Meinung nach bei der Berichterstattung über dieses schreckliche Unglück zum Teil geschehen.

    Trotz des harten Wettbewerbs in der Medienbranche oder auch gerade deswegen – Schnelligkeit ist wichtig, aber nicht Alles. Auch Qualität ist ein starkes Markenzeichen und ein wichtiges Element für dauerhaften Erfolg. Für die Angehörigen und Betroffenen ist eine verlässliche und qualitativ hochwertige Berichterstattung in jedem Falle respekt- und wertvoller. Unbestätigte Vermutungen oder sogar Falschmeldungen können massive Folgen haben, die schlimmstenfalls kaum noch zu korrigieren sind.

    So schwer der Weg für die Betroffenen ist, mit einem solch schrecklichen Ereignis persönlich umzugehen, so schwer ist es für die Medien, hier einen angemessenen Weg für die Berichterstattung zu finden.

  2. Immer wieder schön. Ablenken, ablenken, ablenken. Wenn der Mann wirklich krank war, was hat der ärztliche Dienst der Lufthansa dazu zu sagen? Nichts, weil man das überhaupt nicht gemerkt hat. Übrigens typisch. Wer wird auch schon Betriebsarzt?
    Was sagt uns das über die Unternehmenskultur der Airline? Muss wohl übel bestellt sein, wenn du es die als Arbeitnehmer nicht leisten kannst, dich krank zu melden. Was sagt uns das über die Sparmaßnahmen bei der Sicherheit? Erst mussten 150 Leute sterben, damit ein sicherer amerikanischer Standard eingeführt wurde.
    Die Verantwortlichen von Lufthansa und German Wings ziehen sich wieder aus der Affäre. Schuld ist natürlich der Copilot. So einfach kann das sein.

  3. Trauer und Fassungslosigkeit bedingen spontanerweise Stille, ja.
    Sollen die Medien da mit einschwingen?

    Ja, gewissen Respekt und Würde sollen sie wahren. Doch ihre Aufgabe ist m.E. nicht der große einvernehmliche Gleichklang aller, soll nicht sein, fassungslosen Medienkonsumenten durch Schweigen – das sich natürlich fein als ein edles deklarieren lässt – zu gefallen.

    Würden die Medien im Fall des heftig in die Wirklichkeit einbrechenden (und für viele, wie der Artikel es heraus arbeitet, immens komplizierten) Themas „Tod“ gemeinschaftliche Betroffenheitspose einnehmen, dann würden sie auf eine konstruktive Beunruhigung verzichten:

    Gerade wenn die Medienrezipienten ihre ganz beträchtlichen Schwierigkeiten mit einem Thema haben, mögen die Medienmacher sich mit dieser Überforderung nicht gemein machen.

    Sie dürfen rege Sprache in die Regungslosigkeit hinein tragen.
    Auch wenn dieses offensive Vorgehen manche oder viele verschreckt.

    Der in unserer Kultur zum düsteren, verklemmten und verängstigenden Koloss entartete Begriff „Tod“ erträgt und verdient dies. Zur Förderung einer diesbezüglichen Psychohygiene.

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