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Peter Hogenkamp, Niuws und der unerschütterliche Glaube an das Gute im Digitalen

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Don't worry, be happy: Peter Hogenkamp und Niuws

Wer mal schlechte Laune hat, wegen dem Zustand des Journalismus, der angeblichen Medienkrise, der aufreibenden Suche nach Geschäftsmodellen im Digitalen, dem ganzen nervenzerfetzenden Gedöns - dem sei ein Besuch bei Peter Hogenkamp in Zürich nachdrücklich empfohlen. Der ehemalige Digital-Chef der NZZ und aktuelle CEO des Startups Newscron hat mit Niuws eine hübsche neue App am am Start und verbreitet unterschütterlichen Digital-Optimismus.

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Peter Hogenkamps Smartphone surrt im Minutentakt. Die Nachricht, die an einem sonnigen Vormittag im Konferenzraum seiner Firma in Zürich eintrifft ist die, dass über den französischen Alpen ein Flugzeug der Germanwings abgestürzt ist. Keine Überlebenden. Wenn irgendwo auf der Welt ein Flugzeug abstürzt, ist Hogenkamp auf besondere Weise betroffen. Als einer von neun Menschen hat er im Jahr 2001 den Absturz eines Flugzeugs von Berlin nach Zürich überlebt.

Später am Tag wird er die Anfrage einer Boulevard-Journalistin twittern, die ihn, den Überlebenden, für ein Interview, eine Stellungnahme, einen Satz, Irgendetwas haben will.

Er lehnt solche Anfragen seit 15 Jahren ab, schreibt er. Er kann fein unterscheiden zwischen seinem Medien-Ich und dem privaten Ich. Seine Kinder beispielsweise nennt er in sozialen Medien nicht beim Namen, er zeigt keine Fotos. Taucht der Hogenkamp-Nachwuchs bei Twitter auf, ist die Rede von Sohn 1 und Sohn 2.

Peter Hogenkamp hat es in der Disziplin Social Media also zu einer gewissen Virtuosität gebracht. Er schafft es sogar sogar, im Gespräch für diesen Text mehrere Tweets abzusetzen, ohne dass sein Gegenüber etwas davon mitbekommt! Und auf dem Weg zurück vom Mittagessen bleibt eine witzige Anzeige in der Tram nicht unbemerkt.

Bei Motorsport-Fexen sagt man immer, dieser und jener habe Benzin im Blut. Bei einem wie Hogenkamp muss man wohl sagen: Der Mann hat Nullen und Einsen im Blut. Das Jawbone-Fitnessband ums Handgelenk, neuste iPhone-Generation in der Hosentasche und in der Garage steckt – nach Zürcher Standards gar nicht so ungewöhnlich – ein Tesla an der Starkstromdose. Hogenkamp ist der Prototyp des Edel-Nerds.

Seine digitale Rundum-Expertise stellte er zuletzt in den Dienst der alten Tante Neue Zürcher Zeitung, für deren Digitalgeschäft er bis Ende 2013 verantwortlich wirbelte. Man trennte sich weil, weil. Ja warum eigentlich? Weil Hogenkamp wieder unternehmerisch tätig sein wollte, hieß es. Was man halt so sagt, wenn man sich businessmäßig vermutlich so ein bisschen auseinandergelebt hat.

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Sein neues unternehmerisches Betätigungsfeld fand er dann unweit der NZZ-Zentrale in der Zähringerstraße 51 bei der Firma Newscron. Die Startup-Butze hat eine respektable App desselben Namens am Start, die aus vielen internationalen Zeitungen täglich Lesenswertes nach diversen Filter-Vorgaben herausfischt. Hogenkamp ist als Investor dabei. Und weil er nicht einfach stillsitzen und vor sich hininvestieren kann, ist er dann halt auch „President and CEO“ geworden.

Sein neustes Baby heißt Niuws, hat im Januar 2015 das Licht der Welt erblickt und ist schon wieder ein News-Aggregator. Anders als beim komplett automatisierten Newscron, werden bei Niuws die Nachrichten aber von Hand gepflückt. Die Newscron-Software erledigt eine Vorauswahl und so genannte Kuratoren (echte Menschen!) reichen maximal eine Handvoll Stories pro Tag an den Niuws-Nutzer weiter, oftmals versehen mit einem kleinen Kommentar des Kuratoren.

Jeder Kurator betreut dabei ein bestimmtes Themenfeld, in dem er oder sie sich auskennen sollte. Hogenkamps alter Blogwerk-Weggefährte Martin Weigert kuratiert beispielsweise News zum Thema „Netzwirtschaft“, Tobias Schwarz kuratiert „Netzpolitik“, Hogenkamp himself „Business in Zürich“ und so weiter. Es gibt so genannte Themen-Boxen, also von Kuratoren beackerte Themenfelder, zu „Inbound Marketing“, zu „Customer Experience“, „Automotive“, „Luftfahrt“, „Zukunft der Arbeit“, “Leben in Hamburg“ und einige mehr.

Mit dem Kabarettisten und Moderator Viktor Giacobbo hat Hogenkamp einen ersten – zumindest in der Schweiz – prominenten Kurator verpflichtet. Weitere sollen folgen. Der Grundgedanke ist, dass die Kuratoren die Niuws-Nutzer an ihren privaten Leselisten teilhaben lassen. Geplant sind auch Themen-Boxen zu bestimmten Events. Eine erste gab es zur gerade zu Ende gegangenen Digital-Konferenz SXSW in Austin, Texas.

31 Kuratoren stöbern mittlerweile für Niuws, rund 5.000 mal wurde bisher die App für iOS und Android runtergeladen. Luft für Wachstum ist also da, für die kurze Zeit nach dem Start ist die Akzeptanz aber beachtlich. Aber wie bitteschön soll mit Niuws Geld verdient werden? So ganz genau scheint das auch Peter Hogenkamp noch nicht zu wissen. Er erzählt davon, dass Themen-Boxen gesponsert werden könnten, dass Firmen eigene Themen-Boxen „kaufen“ könnten. Was man halt so sag t als Medien-Start-up-Mensch, wenn man nach dem G-Modell gefragt wird.

Ein Rezept, eine Lösung gar, wie diese blöde Frage, woher das Geld im Digitalen Medien-Biz kommen kommen soll, hat Hogenkamp also auch nicht. Stattdessen weiß er, wie viele, was alles nicht geht. Paywalls hält er nicht für die allein seligmachende Lösung, auch wenn er während seiner Zeit bei der NZZ die Einführung einer Metered Paywall verantwortete: „Medien, die eine Paywall einführen, haben das Problem, dass ihre Inhalte selten wirklich so exklusiv sind, wie sie glauben. Das meiste findet man so ähnlich auch anderswo.“ Online-Display-Werbung? Funktioniert nicht gut, bzw. bringt zu wenig ein. „Vielleicht ist es auch so, dass Regionalverlage mit Werbung in Zeitungen bisher einfach zu viel verdient haben. Viele Verleger denken, es ist gottgewollt, dass sie so hohe Gewinnmargen haben.“ Native Advertising? „Native Advertising kann nicht die einzige Lösung sein. Es gibt überhaupt keine einzige Lösung“, meint er. Schade, eigentlich aber so ist das wohl.

Bleibt also wieder nur das Experimentieren. Aber das kann er ja. Niuws ist wieder so ein Ding. Man kann nicht sagen, ob gerade diese App abheben wird, aber Hogenkamp glaubt, die Zeit ist reif, dass das Kuratieren seinen Durchbruch als Massen-Phänomen erlebt. Und wirklich – wenn man sich ein wenig mit Niuws beschäftigt, ergibt die Idee, Artikel von echten Menschen zu bestimmten Themengebieten auswählen zu lassen, Sinn. Es macht einen Unterschied, ob ein menschlicher Kurator einem einen Artikel empfiehlt und bestenfalls auch noch mitteilt, warum die Empfehlung ausgesprochen wird, oder ein Algorithmus.

Schaun wir halt mal, wie es laufen wird für Niuws, den Journalismus und die Medien im Digitalen. Für Peter Hogenkamp, den Wiedergeborenen, den Berufs-Optimisten ist das Glas definitiv halb voll: „Ich bin davon überzeugt, dass es immer Journalisten geben wird. Und es wird auch immer ein Publikum geben, das dafür bezahlt, was Journalisten produzieren. Dazwischen gibt es womöglich ein Tal der Tränen, in dem die ganze Branche sich neu finden muss und es für ein paar Jahre grosse weisse Flecken auf der journalistischen Landkarte gibt.“

Im hübschen Zürich tüftelt Peter Hogenkamp mit ungebrochener Energie daran, dass diese weißen Flecken in möglichst kurzer Zeit kleiner werden und vielleicht sogar eines Tages verschwinden.

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