Anzeige

„Bin nicht als Sparkommissar geholt worden“ – der neue Weser-Kurier-Chefredakteur stellt sich

Holte sich seinen neuen Wirtschafts-Chef von der FAZ: Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser-Kurier
Holte sich seinen neuen Wirtschafts-Chef von der FAZ: Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser-Kurier

Die Zukunft der Zeitungshäuser hängt vor allem an der Qualität der Inhalte und weniger an den Verbreitungswegen. So lautet das Credo des neuen Weser-Kurier-Chefredakteurs Moritz Döbler. Zwei Monate nach seinem Amtsantritt hat er jetzt in einer Bremer Talkshow ausführlich sein Konzept erläutert. Dabei gab er auch Einblicke in seine bewegte Vergangenheit.

Anzeige
Anzeige

Von Eckhard Stengel

„Er ist die Hoffnung des Bremer Printjournalismus“: So kündigte der Journalist Axel Brüggemann den einzigen Gast seiner aktuellen Talkshow im Bremer Kulturzentrum „Schwankhalle“ an: Moritz Döbler, 49 Jahre, dunkler Anzug mit offenem Hemdkragen, schwarze Brille. Der erste Eindruck: ein freundlicher, aber zurückhaltender, nachdenklicher Mann, eher selbstkritisch und defensiv als vorpreschend, alles andere als ein Machotyp oder autoritärer Bestimmer.

Ein ziemlicher Kontrast zu Silke Hellwig. Die damals 48-Jährige hatte im Herbst 2011 die Leitung des Weser-Kuriers und der mittlerweile völlig identischen Bremer Nachrichten übernommen. Mit ihrem als schroff und unkommunikativ kritisierten Führungsstil machte sie sich bald bei vielen Redaktionsmitgliedern unbeliebt. Vor gut einem Jahr stellte der Vorstand der Bremer Tageszeitungen AG ihr einen zusätzlichen Chefredakteur, Peter Bauer, kommissarisch an die Seite und entzog ihr die presserechtliche Verantwortung. Sie selbst konzentriert sich seitdem nur noch aufs Schreiben von Essays, Kommentaren und Interviews. Vor zwei Monaten, am 15. Januar, löste dann Döbler den Interims-Chef Bauer ab. Silke Hellwig steht weiterhin neben ihm als Chefredakteurin im Impressum, hält sich aber aus dem Tagesgeschäft heraus.

Döbler ist bereits der fünfte Neue an der Bremer Redaktionsspitze seit der Pensionierung des langjährigen Chefredakteurs Volker Weise 2009. „Die Redaktion hat viel Hü und Hott erlebt“, kommentierte Döbler den ständigen Führungswechsel. Daher fehlte aus seiner Sicht „eine klare Idee davon, wo wir mit der Zeitung in zehn Jahren sein wollen“, ja, es fehlten sogar „Kategorien für das. was gut und was schlecht ist“.

Die will er jetzt erarbeiten – aber nicht so, dass er allein den Kurs vorgibt. Denn: „Dogmen sind immer doof.“ Lieber möchte er mit allen 163 Redaktionsmitgliedern einzeln reden, aber auch auf Redaktionsversammlungen diskutieren und Ideen austauschen.

Seine eigenen Vorstellungen sind freilich schon ziemlich klar: „Wir müssen näher an die Region ran.“ Also mehr lokale und regionale Themen auch auf die Titelseite packen. „Die Leserinnen und Leser schätzen uns nicht deshalb, weil wir eine tolle Ukraine-Berichterstattung machen.“ Außerdem soll das Blatt „emotionaler, empathischer“ werden. Und öffentliche Diskurse soll es anregen. „Die Leute müssen sagen: will ich wissen, will ich haben.“

Wie das im Einzelnen funktionieren soll, sagte Döbler nicht. Nur soviel: „Wir müssen die Routine durchbrechen. Das geht nur mit Ideen, Leidenschaft und Spaß.“

Anzeige

Dabei soll auf jeden Fall Qualitätsjournalismus herauskommen. „Ich will relevante Inhalte vermitteln – ob auf Steintafeln oder in Zeitungen oder übers iPad, ist mir vergleichsweise egal.“ Und wenn die Qualität steige, nutze das dem Verlag auch wirtschaftlich. „Ich hoffe, dass diese These stimmt.“

Für ihn ist es jedenfalls keine Lösung, mit Gratisinhalten online eine möglichst hohe Reichweite zu erzielen und dadurch Werbekunden zu gewinnen, wie andere Medien es praktizieren. Der Weser-Kurier sollte „zielgruppengenauer“ vorgehen und sich vor allem auf die „loyalen Leserinnen und Leser“ konzentrieren, also auf die Abonnenten. Nachfrage des Moderators: Vor allem auf die Gebildeteren und Einkommensstärkeren? Döblers Antwort: „So ungefähr – aber ohne alle anderen auszuschließen.“

Der verheiratete Vater eines halbwüchsigen Sohnes ließ sich bei der Talkshow auch ein paar private Details entlocken. 1965 in Wuppertal geboren, wuchs er zunächst in München und Düsseldorf auf und dann vor allem im Raum Detmold. „Sprache hat bei uns immer eine große Rolle gespielt.“ Kein Wunder, denn sein Vater war Buchautor, seine Mutter Bibliothekarin. Umso schlechter war er in Mathe.

Schon früh wollte Döbler Journalist werden. Er schaffte es, an die Henri-Nannen-Journalistenschule zu kommen, absolvierte in Hamburg aber auch ein Betriebswirtschaftsstudium.

Er kam auch in der Welt herum. Als Austauschschüler lernte er die USA kennen, als Kriegsdienstverweigerer leistete er Dienst in einem Rotterdamer Antirassismus-Informationszentrum. Holland gefiel ihm so gut, dass er danach als Pressesprecher für die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam arbeitete. Als dpa-Redakteur berichtete er später aus einem choleraverseuchten Lager für ruandische Flüchtlinge. „Da habe ich mit dem Satellitentelefon der französischen Armee meine Berichte durchgegeben.“ Auch den Bosnien-Krieg erlebte er aus eigener Anschauung. 1999 wechselte er schließlich nach Berlin: zunächst zur Nachrichtenagentur Reuters und 2005 zum Tagesspiegel.

Jetzt also von der Spree an die Weser. Döbler: „Ich bin nicht als Sparkommissar geholt worden, sondern um die Zeitung journalistisch voranzubringen.“ Das gehe allerdings nicht von heute auf morgen. Beim Tagesspiegel, wo er zuletzt als Geschäftsführender Redakteur arbeitete, habe es zwölf Jahre gedauert, bis das Blatt seine heutige anerkannte Qualität erreicht habe. Aber er weiß auch: „Diese Zeit habe ich beim Weser-Kurier nicht.“

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*