Yanis Varoufakis, Günther Jauch und die Stinkefinger-TV-Tragödie

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Fernsehen Wäre der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis statt zu “Günther Jauch” doch zu “Anne Will” gegangen. Dann hätten TV-Zuschauer vielleicht eine lehrreiche Talkshow mit sachkundiger Moderation zum Thema griechische Finanzkrise sehen können. Stattdessen wurde Varoufakis bei Jauch zugeschaltet und wir bekamen eine Stinkefinger-Tragödie.

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Die Sache mit dem Stinkefinger und Yanis Varoufakis ist auf mehreren Ebenen ärgerlich. Kurz zu dem, was geschah: Die Redaktion von Günther Jauch konfrontierte Varoufakis in der Sendung mit einem Video aus 2013, in dem Varoufakis mit Bezug auf das Jahr 2010 sagte, er sei dafür gewesen, Griechenland zu diesem Zeitpunkt (2010) pleite gehen zu lassen. Damit hätte man Deutschland den Finger gezeigt und gesagt, nun könnt ihr das Probleme selbst lösen. Dabei zeigte er während des Vortrags kurz den Mittelfinger.

Das war vielleicht frech, im Rahmen eine impulsiven Vortrags aber keine Staatsaffäre wert, zumal Varoufakis zum Zeitpunkt des Vortrags kein Finanzminister war. Das Datum Mai 2013 war zwar kurz eingeblendet, die Jauch-Redaktion montierte das Video trotzdem so, dass in Kombination mit einem Off-Kommentar der Eindruck entstand, Varoufakis habe in seiner Rolle als Finanzminister über die aktuelle Situation gesprochen. Darauf angesprochen machte Varoufakis einen entscheidenden Fehler und behauptete, das Video sei manipuliert, er habe Deutschland nie den Stinkefinger gezeigt.

Für Jauch und andere Stammtisch-Publizisten ist das jetzt natürlich ein gefundenes Fressen. Nach dem Motto: Wer seinen Stinkefinger leugnet, der erzählt bestimmt auch sonst bloß Stuss. Jauch war die dämliche Episode so wichtig, dass er am Ende der Sendung mit seiner Biedermeier-Miene noch einmal den unvermeidlichen “Faktencheck” in Sachen Stinkefinger androhte.

Dabei gäbe es so vieles, das eines Faktenchecks würdig wäre. Zum Beispiel als die taz- Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann sagte, dass die ganzen Milliarden gar nicht an die Griechen geflossen sind, sondern an Deutsche Banken, die in Griechenland aktiv sind. Da guckten Jauch, “Grixi-Graxi”-Mann Ernst Elitz und CSU-Dumpfplauderer Markus Söder und sagten dann wieder was im Stil von “Aber die Deutschen zahlen doch am meisten!”

Tatsächlich wirkte es so, als habe die Vorbereitung des Moderators und einiger Gäste (namentlich Ernst Elitz und Markus Söder) darin bestanden, die Schlagzeilen von ein paar älteren Bild-Ausgaben zu memorieren. Söder verbreitete ungerührt populistische Unwahrheiten, wie dass Varoufakis Wolfgang Schäuble beleidigt habe oder er drosch Phrasen wie: “Die Griechen müssen jetzt ihre Hausaufgaben machen!” Das wäre selbst für ein Bierzelt in Bayern ein eher bescheidenes Repertoire. Für eine Jauch-Sendung reicht es offenbar.

Dass der griechische Finanzminister viele richtige Sachen gesagt hat, ging unter in dieser Ansammlung aus Stammtischparolen und Allgemeinplätzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Varoufakis einer ist, der gerne ausschweifend doziert und sich kompliziert ausdrückt. Das Grundsetting der Show war also schwierig genug: Ein zum Schwadronieren neigender griechischer Finanzminister, eine Video-Schalte, die simultanübersetzt wird, ein kompliziertes Thema. Da hätte es einen souveränen Moderator gebraucht, einen, der erklärt und einordnet und den Finanzminister nicht immer wieder unhöflich abwürgt und im Hintergrund weiterreden lässt. Da hätte es eine sinnvolle Gästezusammenstellung gebraucht, mit ein, zwei Personen, die sich in Sachen Griechenland und Finanzkrise auskennen. Frau Herrmann war so jemand, ihre Stimme ging aber leider unter. Hätte, hätte, Fahrradkette, würde ein anderer prominenter Stinkefinger-Zeiger vielleicht sagen.

Aber Yanis Varoufakis war halt bei “Günther Jauch” zu Gast. Jener Sendung, die nur deshalb als wichtigste deutsche Talkshow gilt, weil sie nach dem “Tatort” läuft. Und so nahm die deutsch-griechische TV-Tragödie ihren Lauf.

Hier kann man sich die ganze Tragödie in der ARD-Mediathek noch einmal anschauen.

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Alle Kommentare

  1. sehr zutreffender kommentar. jauch recycelt die bild schlagzeilen der vergangenen woche und macht ein betretendes gesicht dazu.

  2. Herr Winterbauer,
    Kompliment zu Ihrem Kommentar! Das war ja schlimm am Sonntag. Herr Varoufakis hatte den Mumm sich dem deutschen Publikum zu stellen und dann sowas. Das war kein ernsthafter Journalismus, das war Boulevard unterster Schublade. Jauch – und ich mag den Mann – war ein totaler Ausfall und Söder…da fehlen einem die Worte. Die Recherche der Jauch-Redaktion zum Stinkefinger-Video, verdient die goldene Klobrille, sollte Lehrmaterial werden wie Boulevard arbeitet und Medien manipulieren.

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