Neue Economist-Chefredakteurin: In Deutschland Potenzial von 945000 Lesern

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Zanny Minton Beddoes ist die neue Frau an der redaktionellen Spitze des britischen Wirtschaftsmagazins "The Economist". Sie will Veränderung, aber nicht um jeden Preis: "Wir müssen aufpassen, dass alles Neue auch zu unseren Werten passt.“

Publishing The Economist will seine Reichweite erhöhen. Allein in Deutschland schätzt das Wirtschaftsmagazin das Potenzial auf fast eine Million Leser. Dies kündigte die neue Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes bei ihrem Deutschland-Besuch in Berlin an. In einer digitalen Welt setzt sie dabei auf Tradition.

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Mit Deutschland fühlt sich Zanny Minton Beddoes eng verbunden. Das merkt man schon an dem akzentfreien Deutsch, das die neue Chefredakteurin des Economist spricht. Ihre Mutter ist Deutsche, Minton Beddoes verbrachte viele Jahre ihrer Kindheit am Bodensee. Heute beherrsche sie die deutsche Küche zwar besser als die Sprache – beim Journalistengespräch in Berlin diskutierte die Mit-50erin aber auch die Zukunft der Medienbranche in fließendem Deutsch. Die Kenntnis der hiesigen Identität und Sprache könnte ihr zugute kommen. Denn Minton Beddoes hat sich zum Ziel gesetzt, neue Leser zu gewinnen und Deutschland bildet bei diesem Vorhaben das Zentrum des europäischen Marktes.

Steigende Wachtumszahlen, besonders digital

Dabei können sich die Macher des Wirtschaftsmagazins derzeit nicht beklagen: Weltweit verzeichnet The Economist eine kombinierte verkaufte Auflage von 1,54 Millionen. Zum Vergleich: 2013 waren es noch 1,4 Millionen. Besonders die digitale Verbreitung wächst rasant: Im Vergleich zum Vorjahr konnte das Blatt diese 2014 weltweit um 100.000 oder 77 Prozent steigern – mit zweistelligen Wachstumsraten in allen Weltregionen. Ganz vorne dabei: Die Heimat Großbritannien ( + 295,3 Prozent) und Asien (109, 8 Prozent). In Deutschland stieg die Auflage 2014 um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 63.696. Während die Kiosk- und Einzelverkäufe analog zum weltweiten Trend absackten, legte die Zahl voll bezahlter digitaler Abonnements um 73 Prozent zu. Damit gelang es dem Economist, die Print-Verluste mehr als wett zu machen.

Minton Beddoes ist das nicht genug. Die Wirtschaftsjournalistin ist seit Februar im Amt, nachdem ihr Vorgänger John Micklethwait zum Medienhaus Bloomberg wechselte. Sie kam bereits 1994 zum britischen Magazin, leitete das Ressort Business Affairs und schrieb vor allem über internationale Finanzfragen. Die schicke Blondine ist Vollblut-Volkswirtschaftlerin: Als Oxford- und Harvard-Absolventin beriet sie den polnischen Finanzminister und war beim Internationalen Währungsfond beschäftigt, wo sie an makroökonomischen Anpassungsprogrammen in Afrika und den Übergangswirtschaften in Osteuropa arbeitete.

Deutscher Markt birgt großes Potenzial

Als eine der ersten Stationen nach der Übernahme ihres neuen Amts, kommt sie also nach Deutschland. Über die Bundesrepublik schrieb die Journalistin zuletzt 2013 eine umfassende Analyse. Eine ihrer Hauptaufgaben sieht sie nun in der stärkeren Verbreitung des Magazins. Denn der Markt an potenziellen Lesern sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Auf weltweit 132 Millionen schätzt das Medienhaus diesen, in Deutschland soll es rund 945000 potenzielle Leser geben. Laut der Chefredakteurin sei deren Profil nicht soziodemografisch sondern psychografisch geprägt: „Wir sind eine Zeitschrift für die ‚global Neugierigen’“, sagt Minton Beddoes. „Deutschland hat stark von der Globalisierung profitiert. Hier gibt es viele Menschen, die sich für die Zukunft interessieren.“ Die Economist-Gruppe sieht hierzulande außerdem eine hohe Zahlungsbereitschaft. Für das Magazin ist dieser Aspekt unerlässlich, um neue Leser zu gewinnen. Denn, bis auf drei Artikel pro Online-Nutzer verschwinden beim Economist alle Inhalte hinter einer Bezahlschranke.

Imagewandel durch mehr gesellschaftspolitische Themen

Ändern würde Minton Beddoes zudem gern, dass fast 90 Prozent ihrer derzeitigen Leser männlich sind. Sie setzt dabei eher auf die Neugierde der modernen Frau, statt auf die Abkehr der bisherigen Strategie. Und doch: Ein bisschen wünscht sich die neue Chefin auch einen Imagewandel – nicht im großen Stil, sondern sukzessiv. „The Economist ist mehr als Wirtschaft und Finanzen“, sagt Minton Beddoes. Um das zu beweisen, sollen in Zukunft mehr gesellschaftspolitische Themen auf dem Titel des Magazins landen. Minton Beddoes versichert aber: „Nicht, weil sie besonders weiblich, sondern weil sie interessant und wichtig sind.“ Im übrigen sei das auch nichts Neues: Gesellschaftspolitische Themen behandelte das Blatt immer wieder. Mit dem Titel „Led them wed“ sprach sich The Economist so beispielsweise schon 1996 für die Hochzeit von Homosexuellen aus.

Traditionelle Inhalte, modern verpackt

Es gibt aber auch einiges, dass die Deutsch-Britin beibehalten möchte. Neben der liberalen Ausrichtung ist die englische Sprache eines der Markenzeichen des Blattes. Man denke zwar über Experimente in diesem Bereich nach, räumt Minton Beddoes ein. Große Umbrüche werde man hier aber nicht vornehmen. Auch die Anonymität der Autoren soll weiterhin Merkmal des Magazins bleiben. „Wir arbeiten als Team. Anonymität ist ein Teil unserer Identität“, bekräftigt die Chefredakteurin.

Das Kernelement des Economist aber liegt in der tiefgründigen Analyse volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Auf die spezialisiert sich das Blatt auch im Zeitalter schwindender Aufmerksamkeit, packt sie jedoch in moderne Formate. Dafür investieren die Macher vor allem in die Aufbereitung von Grafiken und kleine Häppchen wie den „Explainers“, die ausschließlich online gespielt und der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne des Nutzers gerecht werden sollen. Die Ende 2014 veröffentlichten Espresso-App des Economist liefert Nutzern kleine Pakete, die sie am Morgen mit den wichtigsten Informationen versorgen – kurz, augenöffnend und „finish-able“, wie ein Espresso eben. Seit dem Launch im November 2014 wurde die App bereits 650 000 Mal heruntergeladen.

Mit der gerade gelaunchten Tochterfirma Economist Films will das Medienhaus zudem seine Bewegtbild-Aktivitäten im Netz ausbauen. Das Angebot soll sowohl lang- und kurzformatige Inhalte umfassen, die von Unternehmen gesponsert und beauftragt werden, auf die sie aber darüber hinaus keinen Einfluss haben. Das Wirtschaftsblatt will sich auf diese Weise als „Gegenmittel zur Informationsüberladung“ positionieren: idem es seinen traditionellen Werten treu bleibt, sie jedoch an die Gegebenheiten der heutigen Welt anpasst.

Das wichtigste Werkzeug für die digitale Anpassung ist dabei die Datenanalyse. Eine von Minton Beddoes ersten Amtshandlungen war daher die Gründung einer redaktionellen Web-Analytics-Gruppe, die Daten analysiert und regelmäßig intern darüber informiert. Das Team arbeite zwar schon crossmedial, trotzdem möchte Minton Beddoes die Arbeit zwischen Heft und Online noch stärker verschmelzen. „Unsere Journalisten schreiben für alle Bereiche. Der Rhythmus aber hat sich seit Jahren nicht geändert und ist von Print geprägt.“

Evolution statt Revolution

Der Wandel soll auf diese Weise ein steter Begleiter des Economist bleiben. Von übermotivierten Kompletterneuerungen hält die neue Frau an der Spitze nichts. Zugleich weiß sie, dass Angst vor Veränderungen einen nicht weiterbringen. „Die Welt ist heute: Quick fail. Innovate, measure, fail, move on“, sagt Minton Beddoes. Sie mahnt aber auch: „Wir müssen aufpassen, dass alles was wir neu machen, zu unseren Werten passt.“ Sich selbst beschreibt sich dann auch eher als evolutionär statt revolutionär.

Mit dieser Einstellung ist das Blatt bisher gut gefahren. Als „paranoide Optimistin“ tritt Minton Beddoes damit in die Fußstapfen ihres Vorgängers: Beide glauben an den Erfolg von gutem Journalismus, wissen jedoch, dass auch dieser sich der rasch verändernden Welt anpassen muss.

Bleibt noch die Frage nach der Rolle der Frau. In der über 170-jährigen Geschichte des Magazins stand noch keine weibliche Person an dessen redaktioneller Spitze. Minton Beddoes war eine von zehn internen Bewerbern für das Amt. Rupert Pennant-Rea, Vorstandsvorsitzender der Economist-Group und ehemaliger Chefredakteur, begründete die Auswahl unter anderem mit ihrer Führungsqualität und Gesinnung: „Sie ist eine Verfechterin des Economist und seiner Werte mit langjähriger Erfahrung beim Blatt.“ Ob sie ihr Amt als erste Frau an der Spitze eines der traditionsreichsten Wirtschaftsmagazine der Welt eigentlich als besondere Verantwortung wahrnimmt? „Es hat mich erstaunt, wie viel darüber berichtet wurde“, winkt sie ab. „Ich würde mich freuen, wenn das nichts Besonderes mehr wäre.“

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Alle Kommentare

  1. Internationale Medien machen das super: Stärkung des digitalen Verbreitungsweges. Vor allem deutsche Lokalzeitungen müssen diesen Weg mitgehen! Ich las zuletzt, dass Gesellschafter einer Lokalzeitung Millionen in ein neues Druckhaus investierten. Ob das der richtige Weg ist, sei dahingestellt.

  2. Guten Tag! Ich kannt (leicht), um Ihren Kreislauf 2-3 erhöhen. Mit freundlichen Grüßen. Oleksandr Solodilov (LinkedIn)

  3. Tja Tantchen, is janz einfach in Deutscheland:

    Mach es wie die Olle von der WiWo und dein „Projekt“ geht zum Teufel

    Oder lass die Jubelperserei weg, dann KÖNNTE es evtl. klappen.

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