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“Tagesschau”-Chef Gniffke reagiert auf massive Kritik: “weniger Themen, dafür ausführlicher”

Die “Tagesschau” der ARD steht in diesen Tagen so sehr in der Kritik, wie nie zuvor. Programmbeschwerden und kritische Artikel, wie jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und im Spiegel, häufen sich. In einem Gast-Beitrag in der FAS kündigt “Tagesschau”-Chef Dr. Kai Gniffke jetzt Veränderungen an.

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In der FAS vom 1. Februar setzte sich Stefan Niggemeier kritisch mit der “Tagesschau” auseinander. Er kritisierte, dass vor allem die Hauptausgabe der ARD-Nachrichten zu einem Ritual verkommen sei, das mit immer gleichen Szenen, wie dem Vorfahren von Politikern bei Tagungen, eine Ikonografie der Macht pflege.

Ähnlich lautet der Befund, den der langjährige ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder im aktuellen Spiegel der “Tagesschau” ausstellt. Sein hartes Urteil lautet: “staatstragender Journalismus”. Die Sprache der “Tagesschau” sei schlampig, die Beiträge weitgehend unkritisch:  “Es werden bloß scheinbar relevante Fakten aneinandergefügt,  anstatt sie zu hinterfragen.”

Fröhder regt sich vor allem über ein System der “Kleinstaaterei” der ARD-Anstalten auf. Die ARD hat die Welt in Berichterstattungsgebiete unterteilt, bei denen jeder ARD-Sender für ein bestimmtes Gebiet zuständig ist und die dortigen Korrespondenten bestellt. Ein freier Reporter, wie Fröhder es ist, muss sich bei Berichten für die “Tagesschau” mit den Gebietsansprüchen der ARD-Anstalten und deren Korrespondenten herumschlagen. “Die Karrierestrukturen und die verbitterte Konkurrenz der ARD-Anstalten untereinander verhindern eine sinnvolle Aufteilung der Arbeit zwischen Korrespondent und Reporter”, sagt er im Spiegel. Den Leuten in der ARD sei Administration häufig wichtiger als guter Journalismus.

Harte Vorwürfe, die der ARD-Aktuell-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke nicht unkommentiert lassen wollte. Ausnahmsweise (und man muss sagen: zum Glück) nutzt er dafür nicht das hauseigene Tagesschau-Blog, sondern hat einen Gastbeitrag für die FAS verfasst.

Darin geht Gniffke noch einmal ausführlich auf den Vorwurf ein, die “Tagesschau” habe in ihrer 20-Uhr-Ausgabe manipulative Bilder vom Charlie-Hebdo-Trauerzug gesendet. In der Sendung wurde tatsächlich der Eindruck vermittelt, die Staats- und Regierungschefs hätten an der Spitze der Bevölkerung den Trauerzug angeführt. Dabei liefen die Politiker aus Sicherheitsgründen vom eigentlichen Trauerzug getrennt mit gehörigem Abstand vorneweg.

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Gniffke meint, dass eine Thematisierung dieses Umstands eine Skandalisierung eines normalen Vorgangs bedeutet hätte. Dem Argument mag man folgen oder nicht. Die tiefergehende Systemkritik der Staatsnähe und der verkrusteten Präsentation wischt er indes mit einigen Bemerkungen beiseite.

“Wer, wenn nicht die ‘Tagesschau’, berichtet, wenn etwa der Deutsche Bundestag über Tagesfragen diskutiert? Das ist manchmal vielleicht zäh, aber es gehört zum Kern unseres Auftrags.” Das ist Dr. Gniffkes Replik auf den Vorwurf des staatstragenden Journalismus in a Nutshell: Ist halt so.

In Andeutungen zeigt sich, dass aber selbst Gniffke zu spüren scheint, dass mit einem “weiter so” nicht mehr getan ist. Die “Tagesschau” werde sich wandeln, verspricht er: “Wir werden noch härter sieben, was den Weg in unser Angebot findet. Es könnte darauf hinauslaufen, dass wir die Zahl der Themen reduzieren, um die verbleibenden ausführlicher aufzubereiten. Dann könnten noch häufiger Hintergrundinformationen in den Korrespondentenberichten enthalten sein, wie Stefan Niggemeier am Beispiel rechtsextremer ukrainischer Truppenteile nicht ohne Grund einfordert.”

Immer schön im Konjunktiv formuliert aber immerhin. Weniger Themen, dafür ausführlich und vor allem: verständlicher, erklärender. Das wäre schon mal ein Anfang. Viel zu sehr ist die “Tagesschau” nämlich in einer schwer zu konsumierenden, aufgeblähten Beamten-Sprache gefangen. Sachverhalte und Hintergründe werden bei vielen Berichten beim Zuschauer vorausgesetzt. Kein Wunder, dass laut Studien ein Großteil der Zuschauer sich nach einer TV-Nachrichtensendung kaum an etwas erinnert, außer vielleicht an den Wetterbericht. Dies betrifft allerdings – so muss man fairerweise festhalten – nicht nur die “Tagesschau”.

Dass die “Tagesschau” als ehemals heilige Kuh des TV-Journalismus seit einiger Zeit so stark in der Kritik steht, ist die deren Machern und deren Chef gewiss unangenehm und ungewohnt. So langsam scheint es aber, als ob sich ein gewisser Gewöhnungseffekt in Sachen Kritik sogar bei Dr. Gniffke einstellt. Vielleicht, vielleicht kann der TV-Tanker “Tagesschau” ja doch seinen Kurs korrigieren – selbst wenn es dauert. Ein Beispiel, bei dem sich die “Tagesschau” einiges in Sachen Zuschauerfreundlichkeit abschauen könnte, haben die Macher der superwichtigen und superseriösen ARD-Hauptnachrichten übrigens im eigenen öffentlich-rechtlichen Haus: die Kindernachrichten “logo!”, die beim Kinderkanal von ARD und ZDF laufen. Die zeigen jeden Tag aufs Neue, wie komplizierte Themen anschaulich und verständlich aufbereitet werden können.

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Alle Kommentare

  1. Es ist ein trauriger Fakt, daß für die ÖR-Medien jedem Haushalt Zwangsbeiträge auferlegt werden und zuletzt sogar mit über eine Milliarde € Überschuss.

  2. Demnächst dann also auf dem Niveau von RTL2? Hauptsache es ist nicht mehr so brav und bieder staatstragend.
    Die Kritik an der tagesschau klingt für mich nach intellektuell verpacktem Lügenpresse-Geschrei.
    Wer ausführliche berichte und Statements haben will, der soll Tagesthemen gucken

  3. Kann mich nur anschließen. Diese ewigen Bilder von Politikern auf Tagungen, Konferenzen beim Vorfahren mit 0815 Aussagen interessieren mich halt nicht. Ganz übel auch das Handwerkliche: Immer wieder wird eingekauftes Material so vertont und verschnitten, dass sich fälschlich der Eindruck einstellen muss, der ARD Mann sei vor Ort gewesen. Ich kann nur jedem empfehlen sich dazu die L Presse Blogs anzusehen. Abgesehen von der Hass-Sprache dort muss man den Leuten in der Sache häufig recht geben. Ob eine große Verschwörung dahinter steckt oder schlicht Schlampigkeit, ist mir egal. Traurig, dass eine so reiche Sendung so verlottert ist

  4. Hallo Sven, hast Du bei dem Beitrag denn auch aufgepasst?
    Offensichtlich nicht, sonst wüsstest Du vielleicht, warum die Wahlen verschoben werden und warum die Meldung nicht gerade unwichtig ist und deswegen so weit vorn platziert wurde.

    1. Meines Erachtens sind die Euro-Krise und die Enteignung der Haushalte durch Nullzinsen wichtiger! Das Thema kam aber erst nach den Nigeria-Wahlen.

      Erst, wenn die Deutschen ihre Sparguthaben verloren haben, werden auch die Feuilleton-Leser begreifen, dass Athen relevanter ist als Abuja.

      1. @Sven: Nehmen Sie mir es nicht zu krumm, aber: Sie widern mich an!
        „Mein schönes Sparguthaben, meine Zinsen“. Recherchieren Sie einfach kurz WARUM die Wahlen dort verschoben wurden. Da Sie bereits moralisch völlig enteignet sind, kommt es auf den schnöden Mammon auch nicht mehr an.

  5. Der absolute Hammer war, als gestern (Sonntag) die 20.00 Uhr-Tagesschau als dritte (!) Meldung brachte, die Präsidentenwahlen in Nigeria seien verschoben worden! Wie weltfremd sind die Tagesschau-Macher eigentlich? Glauben die wirklich, das interessiert hier irgendjemanden???

    1. Willkommen in der Welt der Erwachsenen.

      Leider keine wichtigen Prominews in der Tagesschau, du wirst Rhiannas neuesten Hit und Justin Biebers neuen Schlüpfer leider verpassen.

      Am besten kuckst du wieder RTL2

      rappen die eigentlich noch die „““Nachrichten“““?

      Außerdem, was soll das mit Glotze?!?!

      Redbull, Wodka und Poooooortüüüü in der Großraumdisco mit 5 Floors und Bistro an der Bundesstrasse Richtung XXX-ow, der tiefergelegte Seat, Golf, Focus u.ä. mit der Basstrommel im Kofferraum warten schon …

      1. Ich lese weiterhin die NZZ und den Economist – Medien, die Ihnen, gemessen an Ihrer primitiven Ausdrucksweise, wahrscheinlich völlig fremd sind …

      2. Wer son dummen Ranz wie Sie abseilt braucht sich über übers Echo nicht zu wundern.

        Ihre Arroganz passt zur ARD….Herr Gniffke, sind Sie es???

        PS: Isses ihnen nicht peinlich sich über eine Zeitungsmarke zu definieren? Was für ein armer Wurm SIe doch sind.

        Herrenmenschen sterben früher, liegt an deren Niedertracht

  6. Im Kern geht es darum, dass – Hintergrund hin oder her – die Tagesschau elementaren jourbalistischen Standards nicht mehr nachkommt und scheinbar harmlose, weil scheinbar neutrale Nachrichten aus einem subjektiven Standpunkt heraus darstellt, der allerdings nicht mittranportiert wird. Das ist unprofessionell und auch gefährlich. Das ist kein Thema der Ausrichtung, sondern ein hartes binnenjournalistisches. Wäre ne hübsche Diplomarbeit: Wie neutral ist die Tagesschau? (ich glaube: alles andere als neutral).

  7. Schon auf der Hälfte des Artikels hab ich mich gefragt, ob die Media-Leute die Nachrichten aufbereitet haben wollen, wie die Sendung mit der Maus und Logo. Und in der Tat, Ihr geht tatsächlich so weit, genau dies zu fordern. „Sachverhalte und Hintergründe werden bei vielen Berichten beim Zuschauer vorausgesetzt.“ ??? Ist das Euer Ernst? Natürlich werden die das? Die Tagesschau ist 1. nicht für Hintergründe zuständig, das können andere Sendungen Tagesthemen, weltspiegel, Politik-Magazine viel besser. Und Sachverhalte? Was soll denn bitte alles in 15 Minuten vermittelt werden? Das Politik-Buch Klasse 10?
    Was Ihr fordert ist, nämlich verständlichere Nachrichten, bedeutet Vereinfachung der Nachrichten. Das ist in erster Linie ein Armutszeugnis für Euch und zweitens nicht ungefährlich.
    Ich hoffe, dass die Tagesschau bei ihrer Sachlichkeit bleibt. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass sie so objektiv berichtet wie es irgend geht. Jede Nachrchten-Sendung/Zeitung, die eine „verständlichere“ Sprache verwendet, emotionalisiert, lässt Fakten weg und gerät damit viel mehr unter den Verdacht nicht mehr objektiv zu sein. Das müssen alle anderen ja auch nicht, sind ja privat, aber die Tagesschau ist die einzige Nachrichten-Sendung, die möglichst sachlich das tägliche Politgeschehen zusammenfasst. Dass das keine leichte Kost ist, von mir aus. Und wer es nicht versteht, der soll eben Logo gucken.

    1. Sehr richtig!

      Ein verkapptes Herrenmagazin für die selbsternannte Elite. Wie die ZEIT.

      Das hat Gesicht.

      PS: Aber dafür blechen sollen gefälligst weiterhin alle, läuft ja im „Kulturbertieb“ ebenfalls so, siehe Oles Flötenbude in Hamburg oder der Theater-Molloch in Pleiteberlin.

      Schüttet Kaviar aufs Trottoir auf das der Pöbel ausrutsche !!

      1. Gelungenes Pseudonym!
        Aber eher alberner Kommentar zu einer ernsten Angelegenheit.

      2. @ Lars Geerdes

        Danke für die Blumen

        Eine ernste Angelegenheit ist der Zustand von Gniffke-aktuell in der Tat!

        Doch solange das ÖR-Milieu glaubt adliger Abstammung zu sein und daraus Unfehlbarkeit ableitet wird der Wagen gegen die Wand fahren.

        hinterher wills dann wieder keiner gewesen sein.

      3. PS:

        Sie haben ja Recht!

        Im Vergleich zu Oberstudiendirektor Kevs wichtiger Korinthe betrachte ich mich nicht als Gottes Botschafterin an die doofe Masse und bilde mir ein vorgeben zu können wer wo was zu konsumieren hat – natürlich abseits meiner persönlichen Bonzokraten-Sendung für den gehobenen Gutmenschen-Dienst.

        GEZahlt wird gefälligst auch vom doofen Ingo der Logo kucken muss weil zu blöde für ausgezeichneten Gniffkefunk

    2. Ich finde, man kann Nachrichten auch verständlicher präsentieren, ohne von seiner Objektivität einzubüßen. Was Christoph Maria Fröhder nämlich u.a. bemängelt, sind die immer gleichen Abläufe bei der Berichterstattung über politische Sachverhalte. Warum muss man PolitikerInnen ständig beim Aus- und Einsteigen aus deren Autos bzw. beim Eintreten in irgendein Gebäude filmen? Warum muss man Formulierungen aus der Anmoderation nochmals im Film verwenden? Die 15 min. Sendezeit lassen sich also besser nutzen, ohne seine Sachlichkeit zu vernachlässigen oder gar den Anspruch zu verlieren. Und gefährlich ist daran überhaupt nichts! Warum soll die Tagesschau weniger objektiv sein, wenn dort ein investiges 4-min.-Stück läuft? Eine bessere Plattform für einen Scoop gibt es doch eigentlich nicht! Warum sorgt man nicht selbst für exklusive Nachrichten, anstatt immer nur andere zu zitieren?

    3. staatstragend seicht, Herr Dr. Kai Gniffke, lieber die Beine von Frau Katja Suding ausgiebig lang beleuchten als objektiv vom G 20 Gipfel die Bilder dem dummen Gebührenzahler zu übermitteln.

      Immer intensiv den Aufstieg im Blick, so stirbt der wahre Journalist langsam aber sicher.

      Ein harter Besen muss her, um die gewesene Qualität wieder zu erreichen.
      MfG. Niklas

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