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Das Parlament: Missratene Ausgabe in Leichter Sprache über die Charlie-Anschläge

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Seit einem halben Jahr enthält die Bundestags-Wochenzeitung Das Parlament eine Beilage in sogenannter Leichter Sprache. Darin wird jeweils ein Thema so einfach dargestellt, dass auch geistig Behinderte oder Deutsch-Anfänger es verstehen können. Eigentlich ein verdienstvolles Experiment - aber die jüngste Ausgabe über die Terroranschläge von Paris ist ziemlich verunglückt. Auch frühere Ausgaben waren nicht immer optimal.

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Von Eckhard Stengel

Unter Bildungsreferenten, Studienrätinnen und Politikwissenschaftlern ist die vom Bundestag herausgegebene Wochenzeitung Das Parlament bekannt für ihre monothematische Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“, die von der Bundeszentrale für politische Bildung beigesteuert wird. Seit Ende Juni 2014 experimentiert die Parlament-Redaktion aber noch mit einer weiteren Beilage: „Informationen in leichter Sprache“.

Auf jeweils vier Seiten versucht eine spezialisierte Übersetzungsagentur, komplexe Themen wie Klimawandel, Sterbehilfe oder Bundeshaushalt in einfache Worte zu fassen, meist aus Anlass von Parlamentsdebatten. Dabei können die Sprachhandwerker auf Tipps und Tricks zurückgreifen, die im Laufe der letzten Jahre bundesweit von diversen Fachleuten entwickelt wurden.

Die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache: kurze, vertraute, anschauliche Wörter finden; unvermeidbare längere Wörter durch Bindestriche gliedern; unbekannte Begriffe erklären und durch Beispiele erläutern; nur eine Aussage pro Satz; häufig Absätze machen; kein Passiv; kein Konjunktiv; große Schriften verwenden; und jeden Absatz mit gezeichneten Symbolbildern illustrieren.

Das liest sich dann zum Beispiel so: „Das Wetter ändert sich gerade: Auf der Erde wird es immer wärmer. Dazu sagt man: Klima-Wandel.“

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Themen so aufzubereiten, nützt nicht nur geistig Behinderten oder Migranten mit geringen Deutschkenntnissen oder Menschen mit Leseschwierigkeiten, sondern manchmal profitieren auch Durchschnittsleser davon, wenn ein Thema von Grund auf so verständlich erläutert wird.

Die große Kunst besteht darin, die Sachverhalte nicht zu sehr zu vereinfachen. Das gelingt der Parlament-Beilage mal mehr, mal weniger gut. Bei der jüngsten Ausgabe weniger gut. Das unter Zeitdruck bearbeitete Thema „Terror in Frankreich / Die Anschläge in Paris“ hat die Text-Akrobaten offenbar überfordert. Sie verzetteln sich in Nebensächlichkeiten, lassen wichtige Differenzierungen weg, erklären Begriffe, die bekannt sein dürften, und lassen dafür schwierigere Ausdrücke unkommentiert.

Zunächst stellen sie die angegriffene Zeitschrift Charlie Hebdo vor und erläutern dabei: „Eine Karikatur ist ein lustiges Bild. Es ist lustiger als es in Wirklichkeit ist. Die Zeitschrift macht damit Späße über andere Menschen. Zum Beispiel über: Religionen. Die Zeitschrift Charlie Hebdo hat Karikaturen gezeigt. Dort wurde der Prophet Mohammed lustig gemalt.“

Waren die umstrittenen Karikaturen also nur lustige Kinderbilder? Diese Darstellung tut sowohl den Zeichnern Unrecht als auch den strenggläubigen Muslimen, die sich weltweit darüber empören. Völlig verschwiegen wird, dass viele Gläubige meinen, Mohammed dürfe überhaupt nicht bildlich dargestellt werden.

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Stattdessen folgt bald eine überflüssige und eher unverständliche Passage über das Titelbild am Tag des Anschlags – als wäre das das zentrale Mordmotiv: „Am 7. Januar 2015 war auf der ersten Seite der Zeitschrift etwas drauf. Es war ein Text von einem Buch. In dem Buch geht es um die Scharia. Die Scharia ist das religiöse Gesetz des Islam. Das Buch heißt: Unter-Werfung.“

Weiter geht’s mit der Schilderung der Überfälle auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt. Über einen der Attentäter schreiben die Beilage-Autoren: „Und er arbeitet für den Islamischen Staat.“ Das klingt für Uninformierte so, als wäre das ein regulärer Staat. Erst einige Zeilen später ist von „Terroristen des Islamischen Staats“ die Rede. „Man nennt sie auch: Terrorgruppe IS.“ Dass sich echte Staaten mit islamischer Ausrichtung vom IS distanziert haben, ist den Übersetzern keine Rede wert. In einer früheren Folge hieß es mal über die IS-Terroristen: „Sie planen einen Gottesstaat.“ Was das ist? Die Leser erfuhren es nicht. Dann hätte man den Begriff lieber ganz weglassen sollen.

In der Ausgabe über die Pariser Morde fehlt jeder Hinweis auf den Unterschied zwischen friedlichen und gewalttätigen Muslimen, zwischen Islam und Islamismus. Nur einmal, im Kapitel „Die ganze Welt trauert“, werden neben Christen und Juden auch Muslime als Teilnehmer von Trauermärschen erwähnt.

Platz genug für solche wichtigen Differenzierungen wäre gewesen. Doch den verschwenden die Autoren für Nebensächlichkeiten: „Menschen, die in Frankreich leben, nennt man Franzosen.“ Oder: „In Frankreich gibt es viele Sehens-Würdigkeiten. Eine Sehens-Würdigkeit ist: Wenn etwas schön und besonders ist.“ Und dann wird der Eiffel-Turm vorgestellt: „Der Turm ist sehr berühmt. Das heißt: Viele Menschen kennen diesen Turm.“

Merkwürdig auch, dass die Beilagen-Mitarbeiter zwar die Aussprache des Wortes „Prophet“ erklären („pro-FEET“), aber bei dem Spruch „Je suis Charlie“ auf ihre spezielle Lautschrift verzichten.

Bizarres fand sich auch schon in früheren Ausgaben, aber nicht so geballt. Da stand zum Beispiel: „Die Erde wird von einer Hülle umgeben.“ Gemeint war die Atmosphäre. Oder über die Verbrennung von Kohle und Öl: „Dabei entsteht ein Stoff.“ Die Leser denken jetzt wahrscheinlich erneut an Textilien. Aber die Erklärung geht weiter: „Er heißt Kohlen-Stoff-Di-Oxid.“ Über einen Ebola-Infizierten war mal zu lesen: „Er bekommt Symptome.“ Das soll leicht verständlich sein?

Manche der offenbar wechselnden Beilagen-Verfasser pflegen die Marotte, Sätze möglichst kurz zu halten, indem sie einzelne Satzteile ausgliedern und mit „und das“ anhängen. In der Ausgabe „BaföG / Was ändert sich?“ las sich das so: „Manchmal gibt es Pausen. Und das zwischen zwei Studien-Teilen. Der Student hat dann kein Geld mehr bekommen. Und das in dieser Zeit.“ Über Internet-Betrüger schrieb ein Autor: „Sie haben Geld gestohlen. Und das von dem Konto von dem Kunden.“

Ein noch erstaunlicheres Fundstück aus der Ebola-Beilage: „Am Anfang war noch unklar. Und zwar, wie schlimm sich die Krankheit ausbreitet.“

Nein, die Parlament-Beilage in Leichter Sprache ist nicht immer die beste Werbung für das eigentlich sinnvolle Anliegen, auch Menschen mit eingeschränktem Lesevermögen über Politik und Gesellschaft zu informieren. Und zumindest die jüngste Charlie-Ausgabe belegt, was die Redaktion schon im Editorial zur ersten Nummer schrieb: „Leicht ist nicht einfach.“

Zum Glück gibt es hierzulande andere Übersetzer, die nicht so abgehackt und holprig formulieren. Sie sitzen unter anderem im „Büro für Leichte Sprache“ der Bremer Lebenshilfe und publizieren seit über zehn Jahren immer wieder gut lesbare Werke – sei es die Weihnachtsgeschichte oder sogar eine Broschüre mit den wichtigsten Fußballregeln. Profis solchen Kalibers täten wohl auch der Parlament-Beilage gut.

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