70 Prozent Auflagenminus in nur fünf Jahren: Wann sterben die Jugendzeitschriften?

Fünf dramatische Verlierer – und ein Hoffnungsträger: Jugendzeitschriften im Jahr 2015
Fünf dramatische Verlierer - und ein Hoffnungsträger: Jugendzeitschriften im Jahr 2015

Publishing Mit dem Sterben ist das so eine Sache: Wenn immer wieder prognostiziert wird, dass es in Kürze keine Tageszeitungen mehr geben wird oder gar Papier als Medium stirbt, ist das natürlich Blödsinn. Doch es gibt Print-Segmente, in denen die Endzeit-Stimmung Tatsache ist: Jugendmagazine verlieren weiterhin dramatisch an Zuspruch.

Werbeanzeige

Noch vor fünf Jahren verkaufte die Bravo sich 512.358 mal pro Woche. Zum damaligen Zeitpunkt war das ein Erfolg – man hatte die verkaufte Auflage, die insbesondere zwischen 1998 und 2004 eingebrochen war, danach bis 2009/2010 stabilisieren können. Doch inzwischen kennt der Auflagen-Verfall kein Halten mehr. Ganze 124.265 Bravo-Exemplare wechselten im vierten Quartal 2014 pro Woche noch den Besitzer – ein 5-Jahres-Minus von unglaublichen 75,7%.

Zieht man die Lesezirkel und sonstigen Verkäufe der Bravo ab, verbleiben sogar nur noch 113.005 aktive Käufer, die das Magazin per Abo oder am Kiosk bzw. Supermarkt erstehen. Angesichts einer Auflage, die bis Ende der 1990er Jahre noch siebenstellig war, dürften solche Zahlen den Verlegern Bauer Tränen in die Augen treiben. Die neuesten IVW-Hiobs-Botschaften kommen leider auch pünktlich zum Relaunch, denn seit Beginn des Jahres erscheint die Bravo ja nur noch 14-täglich und als „Premium-Printprodukt“ bzw. „Social Magazine“.

Ob die neue Bravo den Fall stoppen kann, wird sich in einigen Wochen zeigen, wenn erste offizielle Zahlen vorliegen. Skepsis ist allerdings angebracht, denn auch die anderen multithematischen Jugendzeitschriften verzeichnen fast komplett dramatische Rückgänge, es ist also kein Bravo-spezifisches Problem. So fiel der Ableger Bravo Girl in den jüngsten fünf Jahren um 64,4% auf nur noch 64.703 Verkäufe, hey! büßte 71,2% ein und verkauft sich noch 46.981 mal, das 5-Jahres-Minus der Popcorn, die nur noch 42.007 Abnehmer findet, beträgt 77,9% und das von Yeah! mit 21.398 Käufern 76,7%.

Dass kein Ende dieser Entwicklung in Sicht ist, zeigt auch der 12-Monats-Vergleich. Zwischen den Quartalen IV/2013 und IV/2014 verlor die Bravo 35,1%, Bravo Girl 28,6%, hey! 29,0%, Popcorn 44,8% und Yeah! 42,6%. Es wäre angesichts dieser dramatischen Zahlen ein großes Wunder, wenn die fünf Titel in einem Jahr allesamt noch am Kiosk zu finden wären.


[Grafik: MEEDIA-Analyzer – Die Auflagen von 6.000 Titeln und die Visits von 1.000 Internet-Angeboten im Langzeit-Trend]

Das Problem der Branche: Kaum ein Teenie ist noch bereit, für News ihrer Stars Geld auszugeben, wenn er via Facebook, Twitter, Instagram & Co. längst schneller und näher informiert wird als in einer Zeitschrift. Gimmicks wie Poster, Sticker oder Plastikzeug kommen als Verkaufsargument auch nicht so an wie bei Kinderzeitschriften, die oft vor allem wegen des beigelegten Spielzeugs gekauft werden. Jugendmagazine scheinen sich in der aktuellen Form schlicht überlebt zu haben.

Doch es gibt bei all den Horror-Zahlen auch einen Titel, der sich gegen den Trend stemmt: Mädchen. Im 5-Jahres-Vergleich verzeichnet er nur ein Minus von 27,4%, gegenüber dem Vorjahr wuchs (!) die verkaufte Auflage sogar um 8,6%. Offenbar hat die Umpositionierung zur jungen Frauenzeitschrift also funktioniert und dem Magazin neue Leserinnen beschert. Allerdings: Adaptiert werden können solche Änderungen allenfalls von Bravo Girl. Und: Die Auflagen-Gewinne der Mädchen reichen offenbar trotzdem nicht, um dem Magazin eine sorgenfreie Zukunft zu bescheren: So verkündete der Verlag im November, dass man Mädchen aus Kostengründen künftig redaktionell von einem externen Dienstleister erstellen lässt. Es sei davon auszugehen, „dass die Potenziale der Anzeigenvermarktung in diesem speziellen Printsegment weiterhin rückläufig sein werden“.

Übrigens: Pop/Rocky, früher mal einer der größten Bravo-Konkurrenten, wurde Ende der 1990er-Jahre mit einer verkauften Auflage von 203.798 eingestellt. Damals zu wenig zum Überleben, heute eine Zahl, von der alle im Markt verbliebenen Titel nur noch träumen.

 

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Das Problem ist nicht, dass Jugendlich für die News ihrer Stars kein Geld mehr ausgeben. Ansonsten würden Zeitschriften wie Instyle, Closer, Intouch oder wie sie alle heißen nicht so gut laufen. Das Problem ist einfach, dass die genannten Magazine den Jugendzeitschriften den Rang abgelaufen haben

  2. Ich stimme meinem Vorredner teilweise zu. Wenn von der „neuen Bravo“ die Rede ist, erscheint dies mehr wie ein Marketing-Gag. Problem der aktuellen und „neuen“ Bravo: Die Stars der Kids und Teens tummeln sich nicht mehr auf den MTVVM Awards, sondern in den Tiefen des Internets. Eine Miley Cyrus lockt keinen Jugendlichen mehr hinter dem Rechner vor – und eine Pink gilt bei den meisten Kids als Oma. Eine radikale konzeptionelle Kehrtwende – und das Ding läuft wieder runder! Doch dafür scheint der Mut zu fehlen. Zudem hat man scheinbar den Blick für die Bedürfnisse der Zielgruppe verloren und schaut nur noch auf EY und Pseudo-Rentabilität.

  3. Die stabile Auflage von Mädchen dürfte weniger mit inhaltlicher „Neupostionierung“ zu tun haben. Sondern eher damit, dass das Magazin erst kürzllich von 2wöchentlicher auf monatliche Erscheinungsweise umgestellt wurde.

  4. Sie haben die Yam!
    vergessen, die mit einer wöchentlichen Auflage von 400.000 im Jahr 2001,
    mit dem grandiosen Gerald Büchelmaier als Chefredakteur,
    schließlich mit 100.000 Exemplaren monatlich im Jahr 2009 eingestellt wurde,
    nachdem sie von Simon Peter als „Chef“ zu Grunde gerichtet wurde.
    Richtig abgeloost haben aber alle Verlage der Pickelpresse, (Bauer, Springer),
    da Sie die mit Millionenaufwand geschaffenen Online-Redaktionen so ca. 1-2 Jahren vor der Verbreitung von Smartphones und den entsprechenden Apps eingestellt haben.
    Wäre jetzt gutes Geld wert, wenn es eine etablierte „BRAVO“ App gäbe.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige