Eine Million Zuschauer weniger: Drei Gründe, warum der Funke beim RTL-Dschungel (noch) nicht überspringt

Walter for President
Walter for President

Fernsehen Die Erwartungen waren groß. Nach den grandiosen Staffeln und Quoten der Vorjahre hofften Zuschauer wie RTL, dass auch die 2015er-Ausgabe des Dschungelcamps zum Lagerfeuer der TV-Nation wird und an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen kann. Doch ob bei der zusammengewürfelten Kandidaten-Crew der Funke noch überspringt, scheint fraglich – und Fans wie Sender haben ein Problem.

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Natürlich: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ ist für RTL weiterhin ein riesiger Erfolg. 6,76 Mio. Leute sahen die ersten vier Folgen der aktuellen Staffel – ein Marktanteil von 26,7%. Bei den 14- bis 49-Jährigen reichen 3,82 Mio. sogar für 39,0%, bei den für RTL noch wichtigeren 14- bis 59-Jährigen entsprechen 5,13 Mio. Seher 34,2%. Allerdings: Im Vergleich zu den Vorjahren sind das deutlich geringere Zahlen. So kamen die ersten vier Ausgaben 2014 noch auf 7,76 Mio. Zuschauer und 29,1%. Die 2015er-Staffel hat also bisher genau 1 Mio. Zuschauer verloren. Auch 2013 waren in den ersten vier Folgen deutlich mehr Leute dabei als jetzt: 7,12 Mio. (26,2%). Die aktuelle Zahl vom Montag – 6,68 Mio. – war sogar die schwächste für eine vierte „Ich bin ein Star“-Ausgabe seit der 2009er-Staffel. Und bei allen Quoten-Betrachtungen muss man die extrem hohen Produktionskosten der Live-Sendung vom anderen Ende der Welt berücksichtigen. Der Kölner Privatsender, im vergangenen Jahr mit neuen Formaten eher glücklos, ist im australischen Dschungel zum Erfolg verdammt.

Die Enttäuschung macht sich schleichend breit, auch deshalb, weil die meisten Zuschauer kein Interesse daran haben, dass das in einer insgesamt ereignisarmen Fernsehzeit einzige (potenzielle) Highlight zum Langweiler gerät. Genau dies droht der aktuellen Staffel, auch wenn das Format in der Vergangenheit bewiesen hat, dass sich emotionale Dynamik oft erst in der zweiten Woche entwickelte. Bei der gegenwärtigen Besetzung ist die Wahrscheinlichkeit eher gering. MEEDIA-Autor Christopher Lesko hat das Problem in einem Posting auf seiner Facebook-Seite so beschrieben: „Die Castings sind insgesamt fachlich schwer, weil in gruppendynamischen Kontexten (…) Personen und Phänomene sich anders entwickeln als vorab vermutet. Selbst psychologische Tests greifen da nicht, Du müsstest Kandidaten unter Druck innerhalb sozialer Kontexte beobachten und dann auch noch Ahnung davon haben. Psychologe zu sein, reicht da fachlich nicht. Hier haben die RTL-Jungs mit der Entwicklung noch ein wenig Pech, weil zu viele gemäßigte, kontrollierte Kandidaten dabei sind: Selbst das Tattoo-Wunder ist ja nur von der Hautbemalung her ein Harter. Der hat so viel Angst vor eigener Aggression, der ginge auch als Truppenpfarrer durch. Die männliche GZSZ-Maus ist zwar telegen und sympathisch, aber (aus fachlicher Sicht) für diese Kontexte völlig ungeeignet. Das Blondie-Playboy-Zicken-Drama ist keines und Sara haben sie beim Casting mit Sarah verwechselt, ohne genau differenzierter nachzuprüfen. Der Boygroup-Typ ist ein farbloser Harmonisierungs-Mutant, und andere, die ein wenig Potential hätten, sind bislang noch nie unter jenen Druck gekommen, der dies hätte zeigen können. Rolfe haben sie brillenlos auch nicht wenigstens einen Tag wie einen Blindfisch durchs Camp taumeln lassen: Der ist zwar tendenziell verzickt, aber, wird es ernst, pseudomoralisch weichgespült.“ RTL-Gagschreiber Jens Oliver Haas räumte in der sich anschließenden Facebook-Diskussion ein: „Das ist die Gefahr, wenn man nicht inszeniert. Dann muss man auch verwalten können, was nicht passiert.“

Geduld ist gefragt und damit eine im schnelllebigen TV-Geschäft rare Tugend. Bei den Verantwortlichen dürften Mutmaßungen, woran es in der aktuellen Staffel hapert, längst kursieren. Dabei scheint die Kandidatenauswahl ein wesentlicher, aber nicht der einzige erfolgskritische Faktor zu sein. Drei Probleme beim aktuellen RTL-Dschungel:

1. Innovations-Armut

In den vergangenen Jahren zählte das Schablonenhafte zu den Stärken von „Ich bin ein Star“. Das Format reproduzierte sich mit jeweils neuer Besetzung quasi selbst und schien deshalb verlässlich und vergleichbar. Kein Wunder, dass viele Prüfungen inzwischen die So-und-so-Gedächtnisprüfung heißen. Das funktioniert so lange, wie es den Protagonisten gelingt, dem immer gleichen Prozedere eine besondere Note zu verleihen. Das ist aktuell nicht der Fall, sieht man von der wenig telegenen Komplettverweigerung von Sara am zweiten Tag einmal ab. In anderen Fällen wünscht man sich als Zuschauer frühere Kandidaten zurück, um der mangelnden Dramatik im Camp dem mauen Miteinander der Bewohner zu entgehen. Weitere Dschungel-Prüfungen nach Schema F könnten diesen Effekt noch verstärken. Egal statt Ekel.

2. Promi-Mangel

Wie wohl keine Staffel zuvor leidet „Ibes“ in diesem Jahr unter dem Fehlen (wenigstens ehemals) großer Namen und echter Typen. Man kann nur spekulieren, ob sich RTL das Geld sparen wollte oder ob der Sender bei entsprechenden Anfragen einfach Pech hatte. Und wenn dann der gefühlt erste Satz der als Quoten-Blondine und Playboy-Model ins Camp geschleusten Sara „Ich muss mal kacken“ lautet, werden sich auch wohlwollende Betrachter innerlich verabschieden. Das Dschungelcamp lebt(e) von Kandidaten, die überraschen und die Zuschauer neugierig darauf machen, was sie als nächstes sagen oder tun. Nach ihnen fahndet man in diesen Tagen vergeblich, zumindest bislang. Und dann helfen selbst die witzigsten Moderatoren-Sprüche oder kunstvollen Zusammenschnitte wenig. Bei RTL hätte man dieses Problem im Vorfeld erkennen können, nach Anlauf der Staffel gibt es kein Zurück. Ein Handicap liegt auch darin, dass die Kölner Dschungel-Bewohner bevorzugt aus dem Zeit-Personal diverser Soaps und Castingshows rekrutieren, deren Helden meist lediglich eine vom jeweiligen Sender inszenierte Bekanntheit vorweisen können.

3. Walter und die Würde

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein ausrangierter RTL-Moderator in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt wird. Spiegel Online schreibt über Walter Freiwald: „Der Mann muss bis jetzt sämtliche gängigen Dschungel-Charaktere alleine spielen. Scheinbar hat man sich aus Mangel an Alternativen dazu entschlossen, ihn gleichzeitig als verrückten alten Mann, vor sich her schwadronierenden Walther von der Vogelweide und besorgten Yogalehrer mit Atemtechnik-Tricks zu präsentieren“ und konstatiert, dessen „bizarres Bewerbungsvideo“ gehöre „jetzt schon zu den traurigsten Höhepunkten des Fernsehjahres 2015“. Tatsächlich möchte man nicht mitansehen, wie sich ein 61-Jähriger selbst schrittweise seiner Würde beraubt und dabei tatsächlich zu glauben scheint, eigentlich in die erste Liga seiner Branche zu gehören. Was man da sieht, ist ein grotesk-trauriges Kapitel Fernsehen, bei dem man „Schluss jetzt!“ rufen möchte, um dem Mann zu ersparen, was noch zu kommen droht.

Man kann einwenden, dass alles, was derzeit im Dschungel passiert und über den Sender geht, lediglich Unterhaltung ist und im Übrigen mit den Kandidaten vertraglich geregelt. Aber niemand sollte überrascht sein, wenn RTLs schrille Show diesmal neben einem Haufen Zuschauer auch den über Jahre mühsam eroberten Platz in den Feuilletons der Republik verliert.

 

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Alle Kommentare

  1. Da ist in jedem Pissoir mehr los .
    Dieser Dschungel-Krampf ist nur Grotten-Langweilig,mit der Besetzung.

  2. Walter will niemand mehr sehen. Die Selbstdarstellung nervt nur noch und
    animiert zum Umschalten auf ein anderes Programm. Zum Glück lief vorgestern
    parallel die Talk-Show mit Markus Lanz.
    Ich habe zweimal zugeschaut und das war es auch.

  3. Es ist in Deutschland Mode geworden, alles aber auch alles schlecht zu schreiben bzw. zu reden, mein Gott- es droht doch keine Prügelstrafe, wenn man dann dieses und jenes nicht ansieht oder liest.
    Es gibt in unserer Gesellschaft nur noch Besserwisser, die wissen anscheinend alles besser, da frage ich mich:
    Ja Leute, warum seit ihr dann nicht die tollen Macher, die Helden, die alles, aber auch alles richtig machen, einfach selbst anpacken liebe Leute, dann braucht sich keiner mehr über dieses und jenes zu grämen…, und sich nicht ewig hinter der PC- Tastatur verstecken…!!!

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