Titanic-Chef Wolff nach Charlie Hebdo-Attentat: „Werden wie bisher standhaft bleiben“

Tim Wolff, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic: „Der mit Abstand größte Teil der Muslime in Deutschland hat unseren Erfahrungen nach keinerlei Probleme mit Satire“
Tim Wolff, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic: "Der mit Abstand größte Teil der Muslime in Deutschland hat unseren Erfahrungen nach keinerlei Probleme mit Satire"

Vor der Pressekonferenz des Satiremagazins Titanic sprach Chefredakteur Tim Wolff, 37, mit MEEDIA-Autor Christopher Lesko in einem kurzen Telefongespräch über seine ersten Reaktionen auf den Pariser Terroranschlag sowie dessen Bedeutung für Medien und Satire. Wolff äußerte sich auch über die „plötzliche Freundschaft der Medien“, Fremdenhass in Deutschland und „neues Futter für Pegida & Co“.

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Tim Wolff, der heutige Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris hat in einem grausamen Akt zwölf Tote produziert. Beschreiben Sie ihren ersten, inneren Reflex, nachdem Sie die Nachricht erhielten.

Bevor ich Satiriker bin, bin ich erst einmal fassungslos, dass Menschen mit Raketenwerfern in eine Redaktion rennen und Leute umbringen: Ich bin fassungslos und, will man einen Unterschied zwischen Erschrecken und Angst machen, bin ich erschrocken. Angst habe ich nicht.

Sich medial zu Vorgängen wie diesen zu verhalten, ist ja durchaus ein sensibles Thema. Mit welchen Reaktionen der Medien rechnen Sie denn?

Bestätigt es sich, dass der Anschlag von Muslimen verübt wurde, werden Medien und Öffentlichkeit plötzlich große Freunde der Satire sein. Sie werden die Satire und dieselben Satiriker jäh verteidigen, die sie, wenn es um andere Themen geht, nur mit spitzen Fingern anfassen.

Bei allem Recht, derartige Anschläge und ihre möglichen Hintergründe zu verurteilen und auch zu verspotten: All dies ist eine Gratwanderung. Geschehnisse wie die von heute dürfen für niemanden ein Anlass sein, um seinem Fremdenhass zu frönen. Gerade, was Muslime angeht, bekommen wir in den letzten Wochen mehr und mehr unterschwelligen und auch offenen Hass mit.

Haben Bedrohungen und Grausamkeiten in irgendeiner Form Einfluss auf die Frage, wie Sie sich als Satiriker verhalten?

Ich glaube es nicht. Ich möchte, dass sich unsere Haltung nicht ändert, dass wir Relevantes und Witziges in Beiträge fassen und dabei wie bisher standhaft bleiben.

An Tagen wie diesen, zu Anlässen wie diesen: Was gibt es für Möglichkeiten zu antworten? Das ist ja keine ganz leichte Frage.

Ja, die ist nicht leicht. Wir als Titanic haben auch noch keine naheliegende Antwort. Außer Mitgefühl und dem Impuls, uns über die Reaktionen lustig zu machen: Es ist schön, wie viele Nachfragen und Solidarität man heute bekommt, dass sich so um einen gesorgt wird. Darüber kann man sich persönlich durchaus lustig machen. Wie wir das Thema selbst verarbeiten, werden wir in den nächsten Tagen sehen: Wie für den Essay oder den ernsten Kommentar, ergeben sich da für Satire immer Möglichkeiten.

Rechnen Sie denn mit mehr Härte, Schärfe oder Konsequenz von Legislative, Judikative und Exekutive?

Die deutsche Politik ist ja recht satirefreundlich, und das sollte sie auch bleiben. Das in Paris war offensichtlich ein präzise geplanter, terroristischer Anschlag, die können Sie nur begrenzt ausschließen. Er betraf hier nun einmal eine andere Berufsgruppe, nämlich meine. Ich wäre überfragt, sollte ich beantworten, wie man dies völlig verhindern könnte. Gesellschaftlich gilt, Übergriffe wie diese sind völlig inakzeptabel.

Nun fällt der Terroranschlag ja auf einen im Deutschland der letzten Wochen thematisch hochsensibilisierten Boden: Einen Boden, der etwa die Haltung zu Ausländern und Integration, zu radikalisierten Phänomenen und Glaubensfragen, in groben Vereinfachungen und in einem fast hysterischen Gemisch von Pro- und Contra-Polarisierungen bewegt. Welchen Effekt hat der heutige Terror-Anschlag in diesem Kontext?

Er hat natürlich einen traurigen Effekt. Der gar nicht so unterschwellige Rassismus, der bei Pegida und anderen zum Vorschein kommt, erhält noch mehr Nahrung. Als Satiriker finde ich übrigens auch die Haltung, nun müssten wir uns alle aber morgen auch mal mit Mohammed-Karikaturen zeigen auch nicht ganz passend. Sie träfe ja nicht nur die, die hinter den Anschlägen stecken. Sie träfe sehr, sehr viele Menschen, die mich nicht töten wollen: Der mit Abstand größte Teil der Muslime in Deutschland hat unseren Erfahrungen nach keinerlei Probleme mit Satire.

Ich fürchte, die Vorgänge heute geben Pegida & Co. neues Futter. Und ich fürchte auch, dass die Politik und die Medien sich nun in diese Richtung mehr öffnen werden, um deren Argumente und Fragestellungen aufzunehmen.

Innerlich, was meinen Sie: Wie schnell werden Sie Ihre Fassungslosigkeit wieder los?

Das weiß ich nicht. Ich habe ja kaum Zeit, mich damit auseinander zu setzen, weil ich die ganze Zeit Interviews geben muss.

Gute Antwort. Vielen Dank.

Ach, das passt doch zu einem Medienmagazin wie Meedia. Ich jedenfalls fühle mich persönlich nicht bedroht. Es ist also vermutlich wie bei anderen Terror-Akten auch: Ich habe Mitgefühl mit den Opfern und den Angehörigen, ich spüre Verachtung für die Täter. Wie lange mich das ganz persönlich betrifft, muss sich im Laufe der nächsten Zeit zeigen.

 

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Alle Kommentare

  1. Im Namen der Liebe wurde der Anschlag vermutlich nicht begangen…..Allah Akbah ……bedeutet Gott ist groß
    und nicht Mulime sind Terroristen…….
    der Teufel wird auch Täuscher genannt
    und Personalausweise sind wichtig bei solchen taten…..
    als Polen uns Angegriffen hat haben wir sofort zurückgeschossen …….
    eine furchtbare Tat von Mitgefühlslosen begangen
    Und doch alles aus Liebe ????
    Lieber Terrorist es tut mir leid das wir deine Eltern dir zuwenig Liebe gaben und du doch soviel Liebe brauchst
    Wir verstehen deinen Hass auf alles doch bitte bitte hör auf damit und geh nach Hause.
    ……..

  2. Mag sein, dass in der „Titanic“ hin und wieder auch über den Islam gespottet wurde. Aber doch sehr moderat.

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