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Programmiertes Systemversagen? Der Spiegel und seine Mitarbeiter KG

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Eigentlich ist es eine Sache der Selbstverständlichkeit. Die fünfköpfige Geschäftsführung der Mitarbeiter KG muss zurücktreten, den Weg für Neuwahlen freimachen, für einen Neuanfang. Chefredakteur Wolfgang Büchner, den die KG federführend ins Haus geholt hatte, ist gescheitert, mit ihm auch Geschäftsführer Ove Saffe. Der hatte sich hinter Büchner und dessen Digitalkonzept gestellt. Die KG-Chefs hatten noch im August signalisiert, dass sie Print und Online stärker verzahnen wollen. Das war Büchners Auftrag. Und zumindest die Mehrheit dieses Gremiums hat dann einen Rückzieher gemacht. Es ist über die quälenden Monate zunehmend unklar geworden, was die KG-Spitze eigentlich will.

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Den Geschäftsführern der KG ist es nicht gelungen, ihre zwei ganz unterschiedlichen Rollen voneinander zu trennen. Ein altes Problem der Mitarbeiter KG, in der derzeitigen Krise aber eine tödliche Falle. Die Geschäftsführer sind als gewählte Vertreter des Hauptgesellschafters diejenigen, die das Wohl des gesamtes Hauses im Auge haben müssen. Sie legen die strategische Linie in Absprache mit den Mitgesellschaftern und natürlich der Geschäftsführung fest.

Gleichzeitig sind alle fünf KG-Chefs – je zwei aus Redaktion und Verlag, einer aus der Dokumentation – auch Angestellte des Unternehmens. Und in dieser Rolle sind sie im Tagesgeschäft eingebunden. Das Tagesgeschäft aber muss der strategischen Vorgabe folgen – und nicht umgekehrt. Anders gesagt: was in der KG entschieden wird, muss über den Partikularinteressen von Gruppen innerhalb des Unternehmens stehen. Das ist nicht gelungen.

Damit ist nicht gesagt, dass sich die KG-Führung auf Gedeih‘ und Verderb hinter Büchner hätte stellen müssen. Der strategische Kehrtschwenk bei „Spiegel 3.0“ zeigt aber, dass es zumindest die Mehrheit innerhalb der KG-Geschäftsführung auch mit der Verzahnung von Print und Online offenbar nicht wirklich ernst meint. Personen können sich immer als Fehlgriff erweisen, Strategien sollte man länger als 15 Monate durchhalten. Vor allem, wenn sie noch gar nicht vollständig umgesetzt wurden. Wie glaubhaft ist es, wenn es auf Nachfragen bei Mitarbeitern heißt: der Widerspruch zu „Spiegel 3.0“ habe ausschließlich mit Büchner zu tun gehabt, aber eigentlich sei eine stärkere Verzahnung von Print und Online weiter das Ziel?

Das Gegenargument zur Rücktritts-Forderung lautet: was würde sich bei einer Neuwahl der KG-Spitze eigentlich ändern? Würden dann nicht gleich wieder neue Vertreter gewählt, die ebensowenig ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden (können)? Weil die Schizophrenie programmiert ist, das Systemversagen immanent?

Und dann: die neue Chefredaktion muss installiert werden, ggf. noch ergänzt um eine Führungsperson von außen. Eine neue Geschäftsführung muss gefunden werden. Nicht zuletzt: der Spiegel-Verlag wird in den kommenden Jahren sparen müssen, und das nicht zu knapp. Könnte das eine neue KG-Spitze, deren Mitglieder in einen internen Wahlkampf mit Versprechungen statt mit Spar-Parolen gehen, durchziehen?

Ob weiter mit der bisherigen KG-Spitze – die übrigens im Frühjahr 2016 turnusgemäß neu gewählt wird – oder vorgezogene Neuwahlen: die KG muss sich positionieren, muss sich auch reformieren. Und mit ihr der Verlag. Ein „Weiter wie bisher“ kann es nur geben, wenn eine Mehrheit der Mitarbeiter beim Spiegel der Meinung wäre, dass man ohne strukturelle redaktionelle Reformen auskommt. Dass die Bilanz weiter positiv bleibt. Dass sich das schon einpendelt mit der Auflage und den Werbeeinnahmen. Irgendwie. Weil man ja beim Spiegel ist, und nicht bei Brigitte oder der Funk Uhr.

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Aber – wer glaubt das eigentlich? Außer vielleicht langjährige Angestellte, die das mit wenigen verbleibenden Jahren bis zur Rente glauben wollen, weil es bequem ist. (Was nicht heißen soll, dass es nicht langjährige Redakteure gibt, die genau das eben nicht glauben.) Wolfgang Büchner wurde ja gerade geholt, weil er etwas verändern sollte. Davon waren alle Gesellschafter überzeugt, auch die Geschäftsführung. Ove Saffe hatte einmal vorgerechnet, dass der Verlag in drei bis fünf Jahren in die rote Zahlen geraten könnte, wenn sich das Erlösmodell nicht ändere.

Wenn sich also etwas verändern muss und das Konsens ist, dann ist auch klar, dass dies vor allem für die bisherigen 730 KG-Mitglieder mit einem finanziellen Verzicht und auch einem Machtverlust einhergehen muss. Um die Gräben zwischen den Lagern im Haus zuzuschütten, so gut es geht. Und das geht nur, wenn die Mitarbeiter von Spiegel Online und Spiegel TV in die KG hereingeholt werden. Und eine gemeinsame Strategie verabschiedet wird, die diesen Namen verdient. Vermutlich nur so kann der Spiegel langfristig als unabhängiges Nachrichtenmagazin bestehen bleiben. Sonst droht irgendwann ein Verkauf.

Leistungsträger aus der Print-Redaktion sollen Onlinern bereits in Aussicht gestellt haben, sich für eine deutliche Annäherung einzusetzen. Zwar sei eine Aufnahme in die KG juristisch sehr heikel, aber die Zwei- bis Drei-Klassen-Gesellschaft im Haus sei eben auch absurd. Verstehen müssen dies aber in erster Linie die Print-Redakteure, nicht die Onliner. Versprechungen mit dem Ziel, Appeasement zu betreiben, wären falsch.

Nur aus sich selbst heraus kann sich der Spiegel jetzt noch verändern. Nun darauf zu setzen, dass sich schon ein Geschäftsführer von außen findet, der mit magischen Manager-Fähigkeiten allein alles wieder hinbiegt, wäre vollkommen illusorisch. Jeder Spiegel-Mitarbeiter muss jetzt zum Change-Manager werden. Ab heute.

Und die Mitarbeiter KG? Konsequent wäre es, träten die Geschäftsführer zurück und machten den Weg für Neuwahlen frei. Alternative: die jetzige KG-Spitze bekennt sich glaubwürdig zur Reform und zur Öffnung des Unternehmens für alle Mitarbeiter des Spiegel. Dieses Signal wäre weder zu schnell noch zu radikal. Es ist die Bedingung für die unabhängige Zukunft des Spiegel.

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Alle Kommentare

  1. Christian Meier hat sehr überzeugend argumentiert. Der Spiegel hat nicht mehr die Bedeutung wie vor Jahren. Deshalb wird er genau die Probleme wie Funkuhr und Brigitte bekommen, wenn sich die Print-Leute weiter gegen jede Veränderung sperren. Komisch ist geradezu, dass genau diese Redakteure im Heft von allen anderen Institutionen Veränderungen verlangen.

  2. nur mal als Denkanstoß: Familie Piech würde auch nicht auf die Idee kommen, Audi Teile des VW-Imperiums zu vermachen, nur weil sie eine erfolgreiche Tochter sind. Und nicht mehr und nicht weniger als eine Tochter vom Haupthaus ist SpOn. Noch immer querfinanziert in diversen Bereichen, so dass man die Kirche schön im Dorf lassen sollte, wie finanziell erfolgreich das Modell wirklich wäre, wenn man da korrekt abrechnen würde… Aber es ist gut wie es ist, nur bitte: Der Schwanz sollte nicht versuchen mit dem Hund zu wedeln. Und Sie, lieber Herr Meier, sollten auch etwas mehr journalistische Sorgfalt walten lassen und mal das eigene Gehirn einschalten. Danke.

    1. @Haruki Watanabe (Ihr richtiger Name?) – Wenn Sie vom Ist-Zustand ausgehen, dann mag Ihre Rechnung noch aufgehen. Aber denken Sie mal ein Stück in die Zukunft – die Umsatzanteile werden sich da verschoben haben. Und eine Tochter wie Spiegel Online, die zur Markenbildung massiv beigetragen hat, weiter in der Beteiligung an den Entscheidungsprozessen (es geht ja um weit mehr als um Ausschüttungen) außen vor zu lassen – ist das ein zukunftsfähiges Modell? Glaube ich nicht. Die Sache mit dem „Gehirn einschalten“ – geschenkt, oder?

  3. Warum, Herr Meier, informieren Sie sich nicht ein bisschen genauer. Eine Aufnahme von ONLINE-Mitarbeitern als Stille Gesellschafter ist nicht juristisch heikel – aber sie bedarf einer Zweidrittelmehrheit der jetzigen Stillen Gesellschafter. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass diese Mehrheit erreichbar wäre, zumal in Zeiten des längst erfolgten Outsourcings von Teilbereichen des Unternehmens. Und warum ergreifen Sie nur Partei für die ONLINE-Kollegen? Haben Sie SPIEGEL-TV und manager Magazin aus dem Blick verloren?
    Schön, dass Sie sich um den SPIEGEL sorgen. Schade, dass Sie nicht verstanden haben, dass es der KG-Geschäftsführung als unzureichend erschien, dass ein Change-Manager innerhalb eines Jahres nur vage Chance-Phantasien produziert – und den Anspruch wohl aller SPIEGEL-Leute, von einem Chefredakteur geführt zu werden, der als überragender Kopf das wöchentliche Blattmachen lenkt und sich zu den relevanten Themen fundiert äußern kann. Solche Chefs gab es mehrmals. Die KG hat – in ihrer Mehrheit spät, sehr spät – erkannt, dass die Qualitäten Büchners, die er zuvor bei ONLINE und bei dpa unter Beweis gestellt hat, nicht dem Profil eines SPIEGL-Chefs entsprachen.
    Zu behaupten, die KG sei den Partikularinteressen von Gruppen gefolgt ist, werter Kollege Meier, hirnrissig. Meinen Sie, die mutigen Ressortleiter, die sich zusammentaten, um Büchner die Stirn zu bieten, hätten ihn , ja was: unsympathisch gefunden? Sie hatten Sorge um das große Ganze, das da montags und bald samstags erscheint – wie auch die über 90 Prozent der Redakteure, die ihrem Chefredakteur das Vertrauen entzogen.
    Aber das passt ja nicht ins Bild von Meedia-Leuten, die diese Leute so gern als Besitzstandswahrer diffamieren.

    1. Hallo Herr Holm,

      warum, wenn das 3.0-Konzept das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben ist (und das sagen ja nicht nur Sie), wurde dann nicht viel früher reagiert und auch seitens der Gesellschafter, vor allem der Mitarbeiter KG, die den Auftrag zur stärkeren Verzahnung von Print und Online gegeben haben, gegengelenkt? Sondern sich noch im August demonstrativ hinter das Konzept gestellt? Wenn bereits ein Jahr klar war, dass es so nicht funktionieren würde? Darum argumentiere ich auch für einen Neustart in der KG. Darüber hinaus glaube ich (immer von außen betrachtet, das ist schon richtig. Aber von innen betrachtet sieht man manche Dinge manchmal auch nicht viel klarer, oder?), dass eine Öffnung der KG zu allen anderen Mitarbeitern wichtig ist (ich habe Spiegel TV im Text sehr wohl erwähnt, bitte genauer lesen). Sonst droht irgendwann die Implosion. In dem Maße, wie die Deutungsmacht von Online zunimmt, steigt das Unverständnis für die Konstruktion im Haus, die auf Ungleichheit aufgebaut ist. Das hat natürlich historische Gründe, aber nun wäre es an der Zeit, das in einem ebenso vielleicht historischen Schritt zu korrigieren. Sie sagen ja faktisch nur – das geht gar nicht. Bisschen wenig vielleicht? Zu den Besitzstandswahrern – das würde ich selbst nie so pauschal sagen und ich weiß, dass diese Haltung längst nicht für alle Kollegen gilt. Und erlauben Sie mir noch eine persönliche Anmerkung: ich bin es wirklich leid, dass meine Kollegen und ich immer wieder mit diesen Killersätzen „Informieren Sie sich besser“, „Sie verstehen nicht“, usw. bombardiert werden. Und überprüfen Sie sich doch auch mal: wie unabhängig denken Sie selbst, Herr Holm? Noch was: Formulierungen wie „werter Herr“ – lassen Sie das doch, wenn Sie es gar nicht meinen.

      1. wo fände sich „werter Herr“, nur für den Fall, das es doch mal so gemeint sein könnte?

  4. Nein, eine „die Zwei- bis Drei-Klassen-Gesellschaft im Haus sei eben auch absurd. “ Das ist sie nicht. Sie ist so überholt wie der Ständestaat und sie zeigt die moralische Inkompetenz der Spiegel-Printredaktion. Alle Verhältnisse werden hinterfragt, nur nicht die Verhältnisse im eigenen Haus. Geld frisst halt Moral.

    Oder um es auf den Punkt zubringen: Die netten Gewinnausschüttungen der KG-Mitarbeiter basieren auf niedrigeren Gehältern der Online-Kollegen. Warum die Online-Redaktion das mitmacht ist mir ein Rätsel. Wie wäre es einfach einmal mit einer (kollektiven) Krankmeldung? Dann ist Print allein im Haus und kann mal zeigen, wie man etwas stemmt. Arbeitnehmerrechte müssen halt durchgesetzt werden und die Mitarbeiter KG hat definitiv als Gesellschafter eine Arbeitgeberfunktion.

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