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„Hintergrundberichterstattung bringt keinen Erfolg, wenn man nirgendwo aneckt“

Sport Bild-Chef Alfred Draxler (re.) und der DFB-Boss Wolfgang Niersbach
Sport Bild-Chef Alfred Draxler (re.) und der DFB-Boss Wolfgang Niersbach

Alfred Draxler erklärt im zweiten Teil des Interviews mit MEEDIA, dass die Nähe zu bekannten Größen wie Rudi Aussauer, Uli Hoeneß oder Franz Beckenbauer ihn niemals in der Berichterstattung eingeschränkt hätten. Zudem spricht der 61-Jährige darüber, weshalb die Privatsphäre von Michael Schumacher eher geachtet wird als die von Boris Becker und erklärt warum Fußball inzwischen auch ein gesellschaftliches Phänomen ist.

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Von Georg Altrogge und Marvin Schade 

Fußball findet nicht nur auf dem Platz statt, auch das Privatleben der Akteure wird oft zum Thema, so bei Hoeneß, Hitzlsperger oder zuletzt bei Schweinsteiger. Interessanterweise hat der Kicker-Blattmacher Jean-Julien Beer nach dem Outing von Hitzlsperger erklärt, dies sei für ihn und seine Redaktion keine Nachricht oder ein relevantes Thema. Sehen Sie das ähnlich?
Nein, überhaupt nicht. So sehr ich den Kollegen des Kicker schätze, fand ich das eine völlige Fehleinschätzung. Natürlich ist es eine Nachricht, wenn sich ein ehemaliger Profispieler als homosexuell outet. Auch für den Kicker sollte diese berichtenswert sein. Ansonsten ziehe ich mich ja nur noch darauf zurück, ob der Spieler das Tor mit dem linken oder rechten Fuß geschossen hat. Fußball ist längst auch ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Sonst würde die Politik keine Absage der WM in Russland fordern, und wir würden Frau Merkel auch nicht in den Stadien dieser Welt sehen. Das Thema Homosexualität ist ein sozialrelevantes Thema. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun. Ein Chefredakteur, der sich diesem Thema entzieht, macht einen großen journalistischen Fehler.

Weshalb ist Homosexualität so ein Tabu-Thema, wo es doch auch fast in jedem Verein mittlerweile homosexuelle Fan-Clubs gibt und sich Fifa wie Uefa für Toleranz und für Respekt im Umgang mit Minderheiten und gegen Rassismus einsetzen?
Rassismus und Homophobie kann man nicht in einem Atemzug nennen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Themen.

Beides hat mit einer Abneigung gegen bestimmte Menschen zu tun.
Der Rassismus wird in Fußballstadien öffentlich demonstriert, beispielsweise in Italien. Im Falle der Homosexualität dürfen Sie nicht den Journalisten fragen, sondern die Branche. Es gibt sehr angesehene Menschen im Fußball, die öffentlich vom Outing abraten. Vor allen Dingen in der aktiven Zeit. Fußball ist immer noch eine sehr männerdominierte Sportart. Was passiert, heißt es immer wieder, wenn ein Spieler nach seinem Outing auf die „gelbe Wand“ in Dortmund zulaufen würde? Da sind unterschwellige Ängste, die einen Spieler von so etwas abhalten. Selbst Hitzlsperger hat ja gesagt, dass er sich in seiner aktiven Zeit nicht geoutet hätte.

Hitzlsperger hat die Debatte aber angeheizt und das Thema stärker in die Öffentlichkeit gerückt.
Vielleicht sind wir in 15 oder 20 Jahren auch soweit, dass sich die Einstellungen gegenüber Homosexuellen im Fußball noch mal ändern.

Sport Bild war unter den Spielern nicht immer die beliebteste Zeitschrift. Neue Magazine wie 11 Freunde treten dem Thema Fußball völlig anders entgegen, als Sie das tun. Braucht die Sport Bild Skandal und Reibung an Führungsfiguren?
Es ist richtig, dass 11 Freunde etwas feuilletonistischer an die Sache herangeht als wir oder auch der Kicker. Berichterstattung über Hintergründe oder Strömungen im Sport bringt keinen Erfolg, wenn man nirgendwo aneckt. Natürlich – aber das ist eine alte Journalistenweisheit – polarisieren kritische oder tendenzielle Kommentare immer mehr als stromlinienförmige Ansichten. Ohne Polarisierung gibt es keine Spannung. Deshalb werden wir auch dabei bleiben.

Sie selber können aus Erfahrung sprechen: Ein Reporter bekommt in seiner Karriere viele Dinge mit. Was würden Sie nicht drucken?
Zunächst mal Dinge, die presserechtlich verboten sind. Zum anderen muss man schon die Grenze des Privaten respektieren. Ich bin durch meine vielen Jahre bei Bild gewohnt, Fotos und Nachrichten auf den Tisch zu bekommen, die ich zu bewerten habe. Darunter sind viele Dinge, die nicht relevant sind oder Persönlichkeitsrechte verletzen. Diese journalistischen Aspekte gelten für die Sport Bild genau wie für andere journalistischen Produkte. Wobei eine Sport Bild natürlich eine andere Einstellung zur Privatsphäre von Sportlern einnehmen muss als die Bild-Zeitung.

Wie genau meinen Sie das?
Ein Bastian Schweinsteiger, der mit einer Tennisspielerin durch New York schlendert, ist für die Bild-Zeitung ein wichtiges und unterhaltsames Thema. In unserem Heft, das einen fachjournalistischen Anspruch verfolgt, hat so etwas nichts zu suchen. Für uns wäre es erst dann relevant, wenn Bastian Schweinsteiger auf Grund einer Beziehung zu jemandem schlecht spielt oder gar nicht mehr zum Training oder Spielen erscheint.

Wir reden die ganze Zeit über Fußball. Was kommt für die Sport Bild eigentlich danach?
Nichts.

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Wie bitte?
Gerade in Deutschland gibt es nur eine Sportart, die sich immer wieder aus sich selbst nährt und sich selbst neue Impulse gibt. Das ist der Fußball. Alle anderen Sportarten leben von Helden und Protagonisten. Steffi Graf und Boris Becker zeichneten den Tennis-Boom, Michael Schumacher befeuerte die Formel 1 wie kein anderer. Selbst jetzt, mit vielen deutschen Fahrern im Rennsport, flaut die Euphorie für die Rennen ab. Der Fußball aber hat nicht gelitten als Franz Beckenbauer zurückgetreten ist, als Uwe Seeler zurückgetreten ist oder Lothar Matthäus zurückgetreten ist. Fußball erneuert sich immer wieder aus sich selbst.

Sie haben gerade Michael Schumacher angesprochen, den ein tragisches Schicksal ereilt hat, das auch die Menschen sehr bewegt hat. Sie selbst saßen mit Schumachers Managerin Sabine Kehm bei Günther Jauch in der Talk-Show. Was sind Ihre moralischen Vorstellungen in solchen Fällen?
Die Vorstellungen sind ganz genau so, dass die Bild so weitermacht wie bisher. Ich bleibe dabei, dass weder Bild noch Sport Bild spekulieren. Wir akzeptieren in diesem Fall auch keine Paparazzi-News oder -Fotos. Wenn Frau Kehm beispielsweise erklärt, dass Michael Schumacher fortan zuhause behandelt wird, ist es für uns ein Thema. Wenn man dann noch Zusatzinformationen hat, beispielsweise die Anzahl der Behandelnden, dann berichten wir so etwas auch. Wir wahren aber die Rechte der Familie und auch die von Michael Schumacher.

Sie haben sich also vorbildlich verhalten?
Im Falle Schumacher vertrete ich diese Meinung, ja. Sicherlich werden Sie auch einen kleinen Artikel finden, bei dem es mal daneben gegangen ist. Im Grunde haben wir uns aber vorbildlich verhalten.

Wieso eigentlich? Sonst sind die Bild-Medien ja auch eher wenig zimerplich.
Tatsächlich bin ich oft gefragt worden, weshalb wir beispielsweise über Michael Schumacher nicht berichten wie über Boris Becker. Seit den 80er Jahren hat niemand mehr Schlagzeilen bei Bild gehabt als Boris.

Nach der Trennung von seiner ersten Ehefrau war das Thema Boris Becker 30 Mal in Folge Schlagzeile der Bild – ein vermutlich einmaliger Rekord.
Der Grund für die unterschiedliche Berichterstattung ist ganz einfach: Boris Becker hat sein Privatleben immer nach außen getragen. In großen Teilen war Becker durch unsere Anfrage auch immer informiert, dass unsere Schlagzeilen kommen. Er hat sein Privatleben nie wirklich geschützt. Vom ersten Tag an hat er sich mit seinen Kindern in der Öffentlichkeit gezeigt und auch gezielt den Kameras präsentiert. Michael Schumacher ist das krasse Gegenteil davon. Die Schumachers leben komplett abgeschottet, es gab nie die Kinder zu sehen, auch keine Homestorys. Er hat nie öffentlich über seine Kinder gesprochen – außer ein einziges Mal im Stern. So etwas akzeptieren wir. Noch nie stand ein Bild-Reporter vor der Villa von Michael Schumacher.

Sie selbst sind jemand, der sich dazu bekennt, engen Kontakt zu einigen Akteuren und Protagonisten zu pflegen. Wann hat Sie zu viel Nähe oder gar Freundschaft mal in Ihrer journalistischen Arbeit behindert
Eigentlich gar nicht. Und das Wort Freundschaft ist reichlich hoch gegriffen.

Sie selbst haben Ihre Beziehung zu Rudi Assauer als freundschaftlich bezeichnet.
Richtig. Ich bin auch seit vielen Jahren sehr gut bekannt mit Franz Beckenbauer. Aber so eine Beziehung funktioniert ja nur, wenn man die gegenseitigen Grenzen achtet. Ich habe von Beckenbauer niemals Informationen verlangt. Und er hat auch mich noch nie angesprochen, ob wir nicht mal etwas Nettes über ihn schreiben könnten. Wenn diese Grenzen von beiden Seiten eingehalten werden, kann das funktionieren. Das gibt es übrigens nicht nur im Sport. Gerade in der Politik erleben wir solche Verhältnisse auch.

Auch mit Uli Hoeneß, der derzeit eine Haftstrafe verbüßt, sind Sie gut bekannt.
Ja. Die Nähe rührt vielleicht auch daher, dass wir als Journalisten damals völlig anders aufgewachsen sind als heute und auch einen ganz anderen Umgang miteinander gepflegt haben. Während meiner Reporterzeit in den 70er und 80er Jahren gab es ein ganz anderes Verhältnis zwischen Vereinen, Trainern, Spielern und Reportern. Bei der WM 1986 in Mexico beispielsweise haben wir noch alle gemeinsam in einem Hotel gewohnt. Das ist heute völlig unvorstellbar. Wir sind damals auch gemeinsam essen gegangen – das war normal. So sind völlig andere Beziehungen als heute entstanden. Heute erleben Journalisten Spieler meist nur noch in offiziellen Pressekonferenzen oder in den Mix-Zones unmittelbar nach dem Spiel. So können keine persönlichen Kontakte entstehen. Was besser ist, mag ich gar nicht beurteilen.

Mal ehrlich: Steht ein enges Verhältnis Ihnen beispielsweise im Fall Hoeneß nicht bei der Berichterstattung eher im Weg?
Nein. Gefälligkeitsjournalismus würde der Leser durchschauen und sofort bestrafen. Man muss unterscheiden zwischen einem engen Verhältnis und Kumpanei.
Den ersten Teil des Interviews lesen Sie hier: „Sport Bild fängt dort an, wo die Schnelllebigkeit des Internets aufhört

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