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„Die geheime Macht von Google“: viele Hintergründe, wenig Aktuelles und ein Springer-Manager inkognito

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Die ARD hätte sich keinen besseren Zeitpunkt für seine TV-Dokumentation „Die geheime Macht von Google“ aussuchen können. In der vergangenen Woche drohte das EU-Parlament mit einer Aufspaltung des Suchkonzerns und Jeff Jarvis erkennt in Deutschland sogar die reinste Googlephobie. Was von dem 45 Minuten-Stück jedoch bleibt, ist leider kein großer Erkenntnisgewinn, sondern einige Auslassungen, die dem Film viel an Glaubwürdigkeit nehmen.

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So taugt das Stück schon einmal nicht als Zustandsbeschreibung zum Stand der Debatte um den US-Konzern. Aktuelle Themenkomplexe wie das Leistungsschutzrecht, das Recht auf Vergessen und die Resolution des EU-Parlaments werden fast komplett ausgeklammert. Letzteres ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass die Doku von Ulrich Stein längst fertig war, als sich die Parlamentarier in Brüssel dazu entschlossen, von der EU-Kommission zu fordern, dass schneller und rigider geprüft wird, ob Google seine Marktmacht missbraucht.

Dafür, dass Stein jedoch mit dem ehemaligen EU-Kommissar Joaquín Almunia genau darüber sprach und sie ein wichtiger Baustein in der Gesamtargumentation der Autoren war, hätte der Film allerdings unbedingt aktualisiert werden müssen.

Leider knabbern solche Unschärfen im Laufe der 45-Minuten immer stärker an der Überzeugungskraft des Films. Die Hauptzeugen für die vermeintlich böse Seite von Google sind die beiden Internet-Unternehmer Michael Weber und Robert M. Maier, die gegen den Suchkonzern kämpfen, weil dieser die Suchergebnisse so steuern würde, dass dessen eigenen Angebote meist vor der Konkurrenz gelistet sind.

Gefahr, dass aus dem Titel die „geheimen Macht von Google“ fix die „geheime Macht von Springer“ wird
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Ein hochbrisantes Thema. Leider verschweigt an dieser Stelle jedoch zwei wichtige Fakten. Zum einen geht er nicht der Frage nach, ob die Inhalte von Weber (Online-Karten) und Maier (Mode) überhaupt besser und relevanter sind, als die Suchtreffer, die Google vorzieht. Zum anderen vergisst der Film zu erwähnen, dass Maier nicht einfach irgendein „Internetunternehmer“ ist, sondern Chef von Ladenzeile.de, die wiederum mehrheitlich zu Axel Springer gehört.

Als einen Anti-Google-Zeugen einen – wenn auch indirekten – Springer-Mitarbeiter zu nehmen und das nicht klar kenntlich zu machen, ist dumm. Denn ohne Not macht sich Stein damit angreifbar. Wie schnell wird im Social Web so aus der „geheimen Macht von Google“ die „geheime Macht von Springer“.

Das zeigt, bei Steins Film steckt der Teufel im Detail. Für alle, die sich noch nie so richtig tief mit der US-Suchmaschine beschäftigten oder wussten, wie der Konzern Google so tickt, war die Dokumentation dagegen durchaus informativ. So sahen die Zuschauer mal wieder die lustigen Büros der Googler, diesmal aus Zürich und der Konzernzentrale in Mountain View und erfuhren, dass sich die Google-Gründer früher strickt gegen Werbung ausgesprochen hatten, jetzt aber mit Werbung Milliarden scheffeln. Tatsächlich vermittelt Stein ein eindrucksvolles Bild, wie der US-Konzern in viele Bereich unseres alltäglichen Lebens vordringen will.

Treffend kommt die Dokumentation zu dem Schluss, dass Googles Macht tatsächlich nur eine von den Verbrauchern geliehene ist. An dieser Stelle wäre es aber schön gewesen dem Zuschauer wenigstens ein paar Alternativen aufzuzeigen. Doch an diesem Punkt überlässt der Film den Nutzer dann doch wieder Googles Macht.

Nachtrag:
Wie heftig Robert Maier – zumindest mit Billigung – von Springer gegen Google kämpft, zeigt dieser Ausschnitt von der Springer-Führungskräftetagung 2014. Dort trat auch der Chef von Ladenzeile.de auf. Einer seiner Kernsätze: „Es fühlt sich gut an Axel Springer im Rücken zu wissen, wenn man versucht Google anzupissen“.

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Alle Kommentare

  1. „Die Story“ war sehr komprimiert und erinnerte mich streckenweise an das Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese. Ihrer Kritik, Herr Becker, schließe ich mich zum Teil an. So war ich auch vom abrupten Ende überrascht und hatte erwartet, dass die Zuschauer Alternativen genannt bekommen. Auch die jüngste Entscheidung des EU-Parlaments zum Thema hätte man aktualisieren können.

    Dagegen verliert der Film meines Erachtens nicht an Überzeugungskraft, nur weil die Eigentümerverhältnisse von ladenzeile.de nicht genannt werden. Dieses Beispiel steht schließlich stellvertretend für alle Plattformen, die vergleichbar unter der Marktmacht des Monopolisten leiden. Allerdings wäre es in der Tat noch optimaler gewesen, wenn die behauptete Benachteiligung von ladenzeile.de durch Google nachvollziehbarer dargestellt worden wäre.

    Ich fand es im Übrigen gut, wie Google an dem Beitrag mitgewirkt hat. Und ich hätte mir aus Gründen der Fairness den Hinweis gewünscht, dass man die Äußerungen von Sergey Brin (ab ca. 17:55) dahingehend interpretieren kann, dass der Google-Gründer nicht Werbung per se in Suchmaschinen-Ergebnissen ablehnte, sondern lediglich nicht als solche gekennzeichnete.

    Insgesamt ein sehr informatives Stück, das leider nicht zuletzt aufgrund des Sendeplatzes einen großen Teil der potenziellen Zielgruppe nicht erreichte. Aber zum Glück gibt es ja YouTube 😉

  2. Mir scheint, dass Sie die Macht von Google verniedlichen – das Unternehmen breitet ja seine Kraken-Arme aus, um etwelche Links und Nebengleise zu informieren, von denen man dann oft unerwünschte Post bekommt.
    Also – nennen Sie uns doch Wege, wie man sich – nach Möglichkeit – besser schützen kann.

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