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Merkel XXL: Der New Yorker auf der Suche nach der deutschen Kanzlerin

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"The Quiet German": Story im New Yorker über Angela Merkel (mit Bildern von Herlinde Koelbl)

Der New Yorker hat in der aktuellen Ausgabe ein XXL-Porträt von Angela Merkel. Es ist äußerst detailliert und lesenswert, bringt deutschen Lesern die Kanzlerin aber kaum näher, weil sich der Autor George Packer naheliegenderweise auf die Einschätzungen vieler deutscher Journalisten verlässt. Die wiederum Merkel so charakterisieren, wie wir sie aus deren Beschreibungen kennen. Packer seinerseits verrät, "fast jeder" der Journalisten, mit denen er sprach, habe Merkel gewählt.

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Der New Yorker hat sein Stück „The Quiet German“ genannt. Hier bezogen in erster Linie auf Merkel selbst (Untertitel: „Der erstaunliche Aufstieg Angela Merkels“), vielleicht auch eine Anspielung auf den Roman „The Quiet American“ von Graham Greene. Die Charakterisierung Merkels wird Leser in Deutschland, die politisch interessiert sind, nicht wahnsinnig überraschen. Merkel gebe sich bei öffentlichen Reden im Bundestag viel Mühe, auf keinen Fall interessant zu wirken, ist gleich im ersten Absatz zu lesen. Im zweiten Absatz wird die „Merkel-Raute“, die typische Handbewegung der Kanzlerin, ins Spiel gebracht.

Merkel wird als intelligent, zielstrebig und machtbewusst beschrieben. Eigenschaften, die sie auch in der DDR ausgezeichnet hätten. Ihr Gehirn sei das einer Wissenschaftlerin – eine in deutschen Medien fast schon als Standard verwendete Beschreibung. Sie sei „mental“ nie Teil der CDU geworden. Vor allem Männer, die Merkel unterschätzten, hätten dafür einen hohen Preis bezahlt.

Helmut Kohl wird indirekt mit den Worten zitiert: „Ich habe meinen Killer geholt. Ich habe die Schlange auf meinen Arm gesetzt.“ Und der Ex-Botschafter der USA John Kornblum wird so zitiert: „Wenn du sie hintergehst, stirbst du.“ Merkel höre gut zu und schätze Freiheit als den wichtigsten Wert. Merkels Vorgehen: „under-promise and over-deliver“.

Mit Merkel gesprochen hat Packer nicht, eine Interviewanfrage sei abschlägig beschieden worden, weil Merkel so gut wie nie nicht-deutschen Medien ein Interview gebe. Darum die vielen Gespräche mit Journalisten. Die Liste ist lang, zu Wort kommen: Evelyn Roll (Süddeutsche), Bernd Ulrich (Zeit), Mariam Lau (Zeit), Karl Feldmeyer (FAZ), Alan Posener (Welt), Dirk Kurbjuweit (Spiegel), Michael Naumann (Ex-Zeit), Stefan Reineke (taz), Torsten Krauel (Welt), Ulrich Schulte (taz) und Georg Diez (Spiegel). Der Regisseur Volker Schöndorff, der Merkel früh nach der Wende kennenlernte, wird ebenfalls ausführlich zitiert.

Interessant ist darum, dass Packer zum Ende des seitenlangen Stücks, dass das Phänomen Merkel vor allem amerikanischen Intellektuellen näherbringen soll, die Journalisten zwar nicht angreift, sich aber ein wenig über sie wundert. Die deutschen Medien würden, „den Zeiten entsprechend, zunehmend in die politische Mitte rücken“, seien mit „Wellness“ und anderen Lifestyle-Themen beschäftigt. Und weiter: „Fast jeder politische Korrespondent, mit dem ich sprach, hat für Merkel gestimmt. Trotz der Ahnung, dass sie seine Arbeit überflüssig macht. Es gab halt keinen Grund, sie nicht zu wählen.“

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Packer meint damit, dass Merkel, wie er selbst schreibt (bzw. wie ihm gesagt wurde), politische Parteigrenzen aufhebe, sich viele CDU-fremde Themen wie Gewerkschaften, staatliche Förderungen für Alte und Familien, etc. zu eigen gemacht habe. Merkel sei „die erfolgreichste Politikerin der modernen deutschen Geschichte“.

Faszinierend ist das vor allem für Amerikaner, die daran gewöhnt sind, dass ihre Präsidenten große rhetorische Geschütze auffahren. Auch Barack Obama überzeugte am Anfang seiner Kandidatur und seiner Präsidentschaft mit wichtigen Reden. Die Rede ans Volk als Vergewisserung der amerikanischen Identität – das ist in den USA ein Muss. Merkel, schreibt Packer, misstraue dieser Art von Rhetorik.

Unter dem Strich ein lesenswertes Porträt, auch eine Form der Adelung und ein Signal. Die Amerikaner, auch sie würden Angela Merkel gerne besser verstehen, im Machtgefüge der westlichen Welt gibt sie den Ton an. Das tut sie aber eben ganz anders, als Amerikaner Machtpolitik betreiben. Auf der zweiten Leseebene bietet Packers Abhandlung einige Anregungen, sich mit der Natur des politischen Porträts zu beschäftigen.

Korrektur: In einer ersten Fassung des Artikels hatte es geheißen, Michael Naumann habe Packer das oben genannte Zitat von Helmut Kohl weitererzählt. Dies ist nicht korrekt. Naumann hat Kohl gegenüber Packer zitiert, aber nicht mit den oben genannten Sätzen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 

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Alle Kommentare

  1. ‚New Yorker‘ gibt unumwunden zu, einseitig recherchiert zu haben – und in USA scheint’s niemanden zu stören…

    1. Die Amerikaner waren ja schon immer ganz groß darin, Dinge zu ignorieren, die nicht direkt mit ihrem Land zusammen hängen.
      Was die Recherche angeht. Sie hatten ja keine Möglichkeit zu einem Interview, und wenn die das zugeben ist das doch in Ordnung

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